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Das Braunkohlekraftwerk Neurath bei Grevenbroich, Deutschland.

Kraftwerke gesucht - via Crowdsourcing

Im Bemühen um eine möglichst genaue Karte der Kohlendioxid-Emissionen beschreiten US-Forscher nun einen ungewöhnlichen Weg: Sie laden interessierte Menschen ein, mit ihnen gemeinsam ein Verzeichnis aller Kraftwerke weltweit zu erstellen.

Open Innovation 14.05.2013

Konkret können Menschen, die Informationen über Kraftwerke haben, diese Angaben in eine Weltkarte eintragen. Die Teilnahme kann anonym erfolgen - wer sich allerdings zu erkennen gibt und fleißig mitarbeitet, dem winkt ein Preis und er bzw. sie wird als Co-Autor aller zu publizierenden Studien genannt.

Höhere Auflösung

"Wir wissen deutlich weniger über den Verbrauch fossiler Energie als wir dachten", beschreibt Kevin Gurney von der Arizona State University in Tempe, Emissionsmodellierer und Projektleiter von "Ventus". Tatsächlich hat sein Team in den letzten Jahren zahlreiche Modelle der durch fossile Treibstoffe verursachten Emissionen erstellt - allerdings "nur" mit einer Genauigkeit von zehn Kilometern.

Das nun beginnende Projekt "Ventus" (vom lateinischen Wort für "Wind") verfolgt zwei Ziele: Zum einen soll die Auflösung auf einen Kilometer reduziert werden, zum anderen sollen noch bestehende weiße Flecken auf der Weltkarte gefüllt werden. Eine Unbekannte, die diese hohe Genauigkeit bisher verhindert hat, sind laut Forschern Kraftwerke. Nur für die USA, Kanada und Europa ist die Ausgangslage in Form von Kraftwerksverzeichnissen relativ klar. Im Rest der Welt und insbesondere im Energieverbrauchsriesen China sieht es hingegen anders aus, schreiben Gurney und Kollegen in einer Aussendung.

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Eine Karte mit den bisher erfassten Kraftwerken

Ventus/Kevin Gurney

Eine Karte mit den bisher erfassten Kraftwerken

Um zu den fehlenden Informationen zu kommen, erstellten die Forscher eine einfache Google Earth Karte, in die jeder und jede Informationen zu den geschätzten 30.000 Kraftwerken weltweit eintragen kann. Gefragt wird beispielsweise nach dem genauen Standort, dem Energieverbrauch, der Stromproduktion und dem CO2-Ausstoss - man müsse aber nicht alle Angaben machen, auch Einzelinformationen können eingetragen werden, betonen die Wissenschaftler.

Bereits in der Karte vorhanden sind jene Angaben, die die Forscher öffentlich zugänglichen Datenbanken entnehmen konnten - aber selbst sie sind oft mangelhaft oder beruhen nur auf den Informationen der Kraftwerksbetreiber selbst.

Das Projekt von Kevin Gurney und Kollegen klinkt sich in eine größere Initiative des Jet Propulsion Laboratory der NASA ein, die von GOSAT, Japans Globalem Treibhausgas-Beobachtungssatelliten, übermittelten Daten mit den auf der Erde produzierten Emissionen kurzdschließen.

Umstrittene Aussichten

Die Erfolgsaussichten sind unter Fachkollegen umstritten: 2006 scheiterte eine Initiative von Geographen am King's College in London, alle Dämme weltweit mit Hilfe von Crowdsourcing zu erfassen. Einträge gab es fast keine, erzählte Projektleiter Mark Mulligan gegenüber "Nature News". Dass er nun eine Datenbank mit 36.000 Einträgen publizieren könne, sei allein das Ergebnis der Recherchearbeit seines Teams.

Als chancenlos schätzt Mulligan "Ventus" aber dennoch nicht ein: Zum einen seien die Menschen mittlerweile mit der Software vertrauter als vor sieben Jahren. Und zum anderen könnten sie an Kraftwerken in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft interessierter sein als an weit entfernten Dämmen. In einem Jahr wird man wohl wissen, ob "Ventus" mehr war als eine leichte Frühlingsbrise.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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