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Ein menschliches Gehirn

Warum Traumapatienten nicht vergessen

US-Forscher haben eine Verbindung zwischen posttraumatischen Belastungsstörungen und den Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn entdeckt. Die Wissenschaftler hoffen, dass der Fund zu neuen Therapien führen könnte.

Gehirn 15.05.2013

CB1-Rezeptoren sind jene Bindungsstellen im Gehirn, an denen THC, der Wirkstoff von Marihuna, andockt - und das "High" bei entsprechendem Drogenkonsum auslöst. Das CB1-System ist freilich für einen anderen Zweck erfunden worden: Es regelt die Gedächtnisbildung, den Appetit, die Schmerzempfindung und nicht zuletzt auch die Stimmung.

Mangel an Neurotransmittern

Wie Forscher der New York University anhand von Hirnscans herausgefunden haben, spielen die CB1-Rezeptoren auch bei der Entstehung der Posttraumatischen Belastungsstörung (Posttraumatic Stress Disorder, PTSD) eine wichtige Rolle - eine Krankheit, die sich durch Flashbacks, Alpträume und emotionale Instabilität äußert. Wie Alexander Neumeister beim aktuellen Treffen der "Society of Biological Psychiatry" berichtet, finden sich im Gehirn von PTSD-Patienten deutlich weniger Moleküle des körpereigenen Botenstoffes Anadamid.

Anandamid dockt wie THC an die CB1-Rezeptoren an. "Bis jetzt gibt es keine pharmazeutische Behandlung, die PTSD heilen könnte. Das ist ein Problem", sagt Neumeister. "Unter Klinikern herrscht Übereinstimmung, dass etwa die Behandlung mit Antidepressiva nicht wirkt. Und wir wissen, dass Trauma-Patienten, die Marihuana konsumieren, oft eine Milderung der Symptome empfinden." Ein Grund dafür könnte sein: Möglicherweise übernehmen das THC oder andere Marihuana-Inhaltsstoffe einen Teil jener Wirkungen, die normalerweise dem Anadamid zukommen.

Kompensation blockiert das Vergessen

Neumeister hat im Rahmen seiner Studie die CB1-Rezeptoren mit Hilfe einer ungefährlichen radioaktiven Markierungssubstanz sichtbar gemacht. Die Versuche zeigten: Insbesondere weibliche PTSD-Patienten hatten nicht nur weniger Anadamid in ihrem Gehirn, sie besaßen auch mehr CB1-Rezeptoren in jenen Regionen, die mit der Verarbeitung von Angst zu tun haben. Neumeister glaubt, dass das eine Kompensation des zu geringen Anadamid-Levels ist.

Das Gehirn gleiche den Mangel durch Herstellung zusätzlicher CB1-Rezeptoren aus, um die körpereigenen Botenstoffe weiterhin nutzen können. Eine Reaktion mit Folgen: "Was ist PTSD? Eine Krankheit, die es den Betroffenen unmöglich macht, ihre Erlebnisse zu vergessen", sagt Neumeister. "Unser Fund könnte eine biologische Erklärung dafür liefern."

Unter den 1,7 Millionen amerikanischen Soldatinnen und Soldaten, die im Irak und in Afghanistan gekämpft haben, leiden laut Studien rund 20 Prozent unter PTSD. Doch die Krankheit ist keinswegs auf diese Berufsgruppe beschränkt. Sie kann auch durch sexuellen Missbrauch, alltägliche Gewalt, Unfälle und Naturkatastrophen entstehen.

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