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Die Fachzeitschriften Science und Nature liegen untereinander

Front gegen den Fetisch

Wie bestimmt man die Qualität von Wissenschaft? Forscher schlagen Alarm: Das krampfhafte Festhalten an Maßzahlen und Indikatoren drohe die Seele der Wissenschaft zu zerstören.

Impact-Faktor 21.05.2013

"Diese Impact-Faktor-Manie hat keinen Sinn", schreibt Bruce Alberts im aktuellen Editorial von "Science". Alberts, der Herausgeber des US-Journals, macht sich Sorgen um die Wissenschaft. Er ist nicht allein: Am 16. Mai veröffentlichten namhafte Forscher und Vertreter von Fachjournalen eine Deklaration, in der sie die gängige Praxis im Wissenschaftsbetrieb kritisieren. Man könnte auch sagen: Die Wissenschaft diagnostiziert an sich ein Krankheitsbild und versucht sich nun selbst zu heilen. Weg vom Fetisch, das ist die Botschaft des Dokuments.

Die "San Francisco Declaration on Research Assessment", kurz DORA, ging aus einem Treffen der Amerikanischen Gesellschaft für Zellbiologie im Dezember letzten Jahres hervor. Die Deklaration wendet sich gegen die Beurteilung wissenschaftlicher Qualität, die zunehmend von Maßzahlen bestimmt wird. Vor allem vom sogenannten Impact-Faktor.

Die Magie einer Zahl

"Der Impact-Faktor an sich ist nicht das Problem", sagt Michael Marks, einer der Unterzeichner der Deklaration. "Das Problem ist, wie wir mit dem Impact-Faktor umgehen." Erfunden wurde der Faktor in den 60er Jahren von Eugene Garfield, dem Pionier der "Szientometrie". Jener Disziplin also, die das Messen auf die Wissenschaft selbst anwendet. Genauer gesagt: auf ihre Publikationen. So entstand eine Maßzahl, die das publizistische Echo von Fachzeitschriften bestimmte.

Der Impact-Faktor gibt an, wie oft eine Studie in der Zeitschrift X von anderen Studien im Verlauf der vergangenen zwei Jahre zitiert wurde. Ursprünglich war diese Zahl nur eine Orientierungsgröße für die Bestückung akademischer Bibliotheken, mehr nicht. Aber sie entwickelte alsbald ein Eigenleben.

Bruce Alberts diagnostiziert in der aktuellen Ausgabe von "Science" einen "Missbrauch": "Studien von Wissenschaftlern werden aufgrund des Impact-Faktors verglichen und bewertet. Ich habe einmal einen Lebenslauf gesehen, in dem ein Wissenschaftler den Impact-Faktor seiner Publikationen bis auf die dritte Dezimalstelle angegeben hat. Und es gibt Länder, in denen Publikationen in Zeitschriften mit einem Impact-Faktor kleiner 5,0 nichts zählen." Diese Tendenz sei "hochgradig zerstörerisch".

Eine Arbeit zu zitieren, heißt, dass diese Arbeit in irgendeiner Form erwähnenswert ist. Vielleicht, weil sie bedeutende Erkenntnisse geliefert hat. Vielleicht aber auch nur, weil sie den Forschungskontext anzeigt. Die zweite Möglichkeit selektiv ausgeblendet zu haben, mag eine Ursache für die Misere sein, in der die Wissenschaft sich nun befindet.

"Das wäre eine grobe Missachtung"

Der Impact-Faktor ist eine Zahl, die Aufmerksamkeit misst. Insofern hat sie als Beurteilungsgröße von Zeitschriften ihre Berechtigung, so wie die Einschaltquoten beim Fernsehen. Aber sie war nie dafür gedacht, etwas über die Qualität einer Zeitschrift auszusagen. Und schon gar nicht, um die Qualität eines individuellen Wissenschaftlers zu beurteilen.

"Die Kreativität eines Wissenschaftlers auf einen Indikator zu reduzieren, wäre eine grobe Missachtung seiner Arbeit", sagt Stefan Bernhardt vom Wissenschaftsfonds FWF. "Indikatoren sind deswegen so verlockend, weil sie Scheinsicherheiten geben."

Man wird Schwierigkeiten haben in der Wissenschaft jemanden zu finden, der diesen Sätzen widerspräche. Doch das Paradoxe an der Situation ist: In der Praxis pflegen die meisten weiterhin jenen Fetisch, den sie offiziell verdammen.

Man muss bloß einen Blick in die Publikationslisten von Jungwissenschaftlern werfen: Die erfolgreichen Molekularbiologen publizieren nach wie vor in "Cell", die erfolgreichen Physiker nach wie vor in den "Physical Review Letters", die erfolgreichen Mediziner nach wie vor in "Lancet". Jeder will in diesen Journalen publizieren, nur die wenigsten schaffen es.

So unterschiedlich die Zeitschriften auch sein mögen: Sie sind die Platzhirsche am Markt. Sie haben das höchste Prestige - und ihr überlegener Impact-Faktor spiegelt diese Position wider.

Zu hektisch, zu wenig Substanz

Beim FWF ist man sich des Problems bewusst, und versucht die fachliche Beurteilung in andere Bahnen zu leiten. "Wenn unsere Gutachter Forschungsprojekte bewerten, fordern wir von ihnen eine schriftliche Beurteilung. Das soll sicherstellen, dass sie sich inhaltlich mit dem Projekt auseinandergesetzt haben." Gleichwohl kann auch Bernhardt nicht ausschließen, dass die Gutachter in Eigenregie auf jene magischen Zahlen schielen, die jährlich von der Firma Thomson Scientific errechnet (und verkauft) werden.

Die US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston attestiert dem Wissenschaftsbetrieb eine produktive Hektik, der steigende Publikationsdruck verstelle zusehends den Zugang zu dem, worum es wirklich gehe: nämlich Qualität und Substanz. Der Missbrauch des Impact-Faktors dürfte diesen Trend noch verstärkt haben.

Sofern Quantität zum Beurteilungskriterium für Qualität werde, steuere die Wissenschaft in eine fatale Spirale, schildert Alberts: "Evaluationssysteme, die die Zahl von Publikationen erhöhen, führen dazu, dass niemand mehr riskante und potenziell bahnrechende Forschungen durchführen will. Weil sie viel Zeit in Anspruch nehmen … und während dieser Zeit ist nicht mit Publikationen zu rechnen. So wenden sich Jungwissenschaftler vor allem jenen Feldern zu, die ohnehin dicht bevölkert sind."

"Wer da hat, dem wird gegeben …"

Und die Albert'sche Spirale dreht sich weiter. Je mehr Forscher in einem Feld tätig sind, desto höher sind die Impact-Faktoren in diesem Bereich. So zementieren sich Machtverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb. Allerdings gab es diese Drift auch schon, bevor der Impact-Faktor ein sonderbares Eigenleben zu führen begann.

Der Soziologe Robert K. Merton schrieb bereits vor 50 Jahren vom "Matthäus-Effekt" in der Wissenschaft: "Wer da hat, dem wird gegeben … Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Auch Bruce Alberts gehört zu jenen, die haben und denen gegeben wird. "Science", in dem sein kritisches Editorial erschienen ist, ist eine der renommiertesten Zeitschriften weltweit. Die Herausgeber können es sich leisten, mehr als 90 Prozent der eingereichten Manuskripte abzulehnen, so groß ist das Verlangen der Forscher hier und nicht an anderer Stelle zu publizieren.

Man könnte dieses Verlangen auch durch eine Maßzahl abbilden. Sie gibt an, wie oft eine Studie in dieser Zeitschrift von anderen Studien zitiert wurde.

Robert Czepel, science.ORF.at

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