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Das Ohr einer Frau

Forscher stellen künstliches Ohr her

Wer heute ein Ohr durch Krankheit oder Unfall verliert, ist für die Rekonstruktion der Ohrmuschel auf das Geschick des Chirurgen angewiesen. Ein internationales Forscherteam hat nun mit Hilfe von Bakterien eine Ohrmuschel wachsen lassen, die aussieht und sich anfühlt wie eine echte.

Biotechnologie 03.06.2013

Derzeit formen Chirurgen ein "neues Ohr" aus Rippenknorpel und pflanzen es unter die Haut ein, wie die ETH Zürich am Montag mitteilte. Nachdem der Körper das Ohr mit Bindegewebe umhüllt hat, muss es in einer weiteren Operation vom Kopf gelöst werden. Knorpel von bis zu vier Rippen muss bei der schmerzhaften Prozedur entfernt werden.

Die Studie:

"Mechanical evaluation of bacterial nanocellulose as an implant material for ear cartilage replacement" von Luc Nimeskern und Kollegen ist in der Juni-Ausgabe des "Journal of the Mechanical Behavior of Biomedical Materials" erschienen.

Gerüst aus Nanozellulose …

Es gibt inzwischen Kunststoffimplantate als Ersatz, doch diese seien entweder zu weich oder zu hart und führten häufig zu Komplikationen, schrieb die ETH. Nun ist es dem Team um Kathryn Stok vom Institut für Biomechanik der ETH Zürich gelungen, in der Kulturschale eine naturgetreue Ohrmuschel aus echtem Knorpel nachwachsen zu lassen.

Das Gerüst besteht aus Nanozellulose, eine Substanz, die gewisse Bakterien als Schutzmantel produzieren. Die Wissenschaftler konnten mit mechanischen Tests nachweisen, dass dieses Material eine ähnliche Festigkeit wie echte Ohrknorpel hat und sich in eine naturgetreue Form bringen lässt, berichten sie in ihrer Studie.

"Ein Vorteil des Materials ist, dass wir es anpassen können, um weichere und festere Strukturen zu erzeugen, wie in einem echten Ohr", erklärte Sto. Ein weiterer Vorteil sei, dass der menschliche Körper dieses Material gut verträgt.

… der Rest aus Knorpelzellen

Links der MRT-Scan des Ohrs, rechts die künstliche Rekonstruktion

Nimeskern L. et al., 2013, und Angelika Jacobs / ETH Zürich

Links der MRT-Scan des Ohrs, rechts die künstliche Rekonstruktion

Die Wissenschaftler bildeten das gesunde Ohr eines Probanden mittels Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) ab und erzeugten anhand der Bilder eine Silikonform. Darin ließen sie anschließend die Bakterien ihr Gewebe aus Nanozellulose spinnen. An Stellen, an denen das Ohr fester sein muss, komprimierten sie das Material, für weichere Teile benützten sie Gelkügelchen als Platzhalter.

Auf diesem Stützgerüst ließen sie nach der Reinigung in der Kulturschale Knorpelzellen wachsen. So entstand eine genauere Rekonstruktion des Ohrs, als dies mit bisherigen Methoden möglich ist. Das ließe sich aber im Endeffekt auch auf die Produktion von anderen Knorpelstrukturen, zum Beispiel Gelenksknorpel im Knie übertragen.

science.ORF.at /APA/sda

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