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Der Großglockner

Schlechtes Wetter nützt heimischen Gletschern

Auch wenn viele über das schlechte Wetter jammern - die Gletscher und mit ihnen die Glaziologen Heinz Slupetzky und Andrea Fischer freuen sich über den Neuschnee, der für eine schützende Decke gesorgt hat. Eine Prognose, ob 2013 ein gutes Jahr für die Gletscher wird, lässt sich aber noch nicht erstellen: Dafür muss erst der Sommer abgewartet werden.

Gletschertagebuch 10.06.2013

Schützende Neuschneedecke

Von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer

Heinz Slupetzky und Andrea Fischer

Slupetzky/Fischer

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führt Heinz Slupetzky seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

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Danksagung:

Die Autoren danken allen Personen/Institutionen (siehe Glaziologie Österreich) für die Bereitstellung der Daten, Fotos und Informationen und dem Hydrographischen Dienst Land Salzburg für die Kooperation und Subvention der langjährigen Massenbilanzmessungen am Stubacher Sonnblickkees.

Ob die niederschlagsreichen Phasen im Mai, die im Gebirge Schneefälle brachten, nun "mehrmals" die Eismänner waren oder ob die Starkniederschläge Anfang Juni schon die "vorgezogene" Schafskälte war, für die Gletscher bedeutete das eine schützende Neuschneedecke, die den Beginn der Abschmelzung verzögerte. Die bis dahin durchschnittlichen Schneemengen am Ende des Winters wurden bis zum Juni erheblich mehr.

Anfang Juni fiel innerhalb weniger Tage im Hochgebirge bis zu ein Meter Schnee. Diese starken Schneefälle im Hochgebirge hatten nicht nur auf die Gletscher positive Auswirkungen sondern auch auf die Hochwassersituation: Sie hielten einen Teil des Niederschlages (vorerst) in den Bergen zurück. Dort allerdings erhöhte sich kurzfristig die Lawinengefahr.

Der Zustand der Gletscher am Ende des Winters

Je mehr Schnee sich auf den Gletschern über den Winter ansammelt, umso länger ist das Eis darunter vor Abschmelzung geschützt. Deshalb messen die GletscherforscherInnen gegen Ende des Winters jedes Jahr die Schneehöhen an denjenigen Gletschern in Österreich, von welchen auch die Jahresmassenbilanz erfasst wird.

Um den 1. Mai wurden die Messungen am Dachstein (Hallstätter Gletscher) in den Hohen Tauern (Goldbergkees, Kleinfleißkees, Mullwitzkees, Stubacher Sonnblickees und Venedigerkees), in den Ötztaler Alpen (Hintereisferner und Vernagtferner) sowie in der Silvretta (Jamtalferner) durchgeführt. Sie ergaben unterdurchschnittliche Schneemengen am Nordrand der Alpen und durchschnittliche Schneemengen am Alpenhauptkamm. Diese Schneeverteilung hat ihre Ursache in den im Vergleich zu anderen Jahren häufigeren Südstauwetterlagen, die südlich des Alpenhauptkammes und am Hauptkamm selbst Niederschläge brachten. Die nördlich des Inn- und Salzachtales gelegenen Gletscher gingen bei diesen Schneefällen oft leer aus.

Winter 2012/2013: Keine großen Schneemengen

Das Stubacher Sonnblickkees am 14. Mai 2013

H. Wiesenegger

Das Stubacher Sonnblickkees am 14. Mai 2013

Insgesamt starteten die Gletscher Anfang Mai zunächst mit schlechten Voraussetzungen in die Abschmelzzeit, in die "sommerliche"Ablationsperiode. Nur wenn die anschließenden Wochen mehrere kühle Witterungsphasen mit Schneefällen und nur wenigen Sonnenstunden bringen würden, könnte dieser Rückstand noch aufgeholt werden.

Die beiden Monaten Mai und Juni sind besonders spannend: Durch die langen Tage zählt ein gleich warmer Junitag im Vergleich zu einem Septembertag für die Gletscherschmelze doppelt. Lange Schönwetterperioden würden die Winterschneedecke rasch abbauen und dann ginge es an die Substanz: dem Abschmelzen des Eises.

Winter 2012/2013 beim Stubacher Sonnblickkees

Am Stubacher Sonnblickkees liegt am Ende des Winters 2012/13 deutlich weniger Schnee als im Vorjahr

H. Slupetzky

Am Stubacher Sonnblickkees liegt am Ende des Winters 2012/13 deutlich weniger Schnee als im Vorjahr

Die lange Meßreihe am Stubacher Sonnblickkees ermöglicht es abzuschätzen, ob der Winter 2012/2013 durchschnittlich oder eher extrem war. Seit dem Beginn der Reihe im Jahr 1964 liegen am Stubacher Sonnblickkees im Mittel 4,5 m Schnee. Nach dem Winter 2012/2013 lagen nur 3,0 m Schnee; weniger Schnee lag nur in neun von 40 Jahren.

Wüstenstaub derzeit eingeschneit

Schneeschacht in 3.200 m Seehöhe am Venedigerkees mit Wüstenstaub-Horizont

Bernd Seiser

Schneeschacht in 3.200 m Seehöhe am Venedigerkees mit Wüstenstaub-Horizont

Ende April wurde im Gefolge einer tagelang anhaltenden Südströmung Saharastaub über die Alpen transportiert. Er wird heuer die Gletscherschmelze beschleunigen, solange er auf oder nahe der Oberfläche liegt.

Durch den Staub wird die Oberfläche dunkler und kann bis zu 20 Prozent mehr Sonnenenergie aufnehmen, die für die Schmelze zur Verfügung steht. Je länger er eingeschneit bleibt, hat das keine Auswirkungen. Sobald er aber durch die Schmelze wieder an die Oberfläche kommt, "kann der Gruß aus der Wüste den Gletschern kräftig einheizen“.

Detailergebnisse von einzelnen Gletschern

Eine Karte der Gletscher Österreichs

Andrea Fischer

Die Winterbilanzen 2012/13 an österreichischen Gletschern

Auf dem am weitesten in Nordosten gelegenen Hallstätter Gletscher am Dachstein liegen statt den 4,4 Metern des Vorjahres nur 3,3 Meter Schnee. Das ist immer noch ein hoher Wert im Vergleich zu den anderen Gletschern, allerdings liegt der Gletscher nicht besonders hoch und hat dementsprechend im Sommer hohe Schmelzraten aufzuweisen.
Bei der Messung Anfang Mai betrug die mittlere Schneehöhe am Kleinfleißkees ca. 3,5 Meter und am Goldbergkees 4,0 Meter und entsprach damit dem langjährigen Mittel (ZAMG). Am Venedigerkees in den Hohen Tauern liegt etwa 20 Prozent weniger Schnee als im Vorjahr (laut Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österr. Akademie der Wissenschaften).

Auf der anderen Seite des Großvenedigers, am Mullwitzkees im Osttiroler Teil des Nationalparks Hohe Tauern, liegt die winterliche Schneeakkumulation schon im Durchschnitt. Auch am westlichen Alpenhauptkamm haben die Niederschläge des Winters für eine durchschnittliche Schneedecke ausgereicht. Die Kommission für Erdvermessung und Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften fand am Vernagtferner im Ötztal 2,5 Meter Schnee vor. Das entspricht, wie auch die Schneelage am benachbarten Hintereisferner und dem weiter westlich in der Silvretta gelegenen Jamtalferner, dem langjährigen Mittel.

Am Wurtenkees (Hohe Tauern), Kesselwandferner (Ötztaler Alpen) und der Pasterze werden zwar die Jahresbilanzen gemessen, aber keine Winterbegehungen durchgeführt. Hier müssen die ersten Ablesungen der Ablationpegel abgewartet werden.

Viel Schnee für viele Gletscher im Mai und Juni

Die Pasterze 5. Juni 2013

K. Mariacher

Die Pasterze 5. Juni 2013

Die häufigen kühlen Witterungsphasen im Mai - welche waren die Eismänner? - und Anfang Juni - war das schon die Schafskälte? - haben tatsächlich dazu geführt, dass die Winterdefizite in den Schneemengen auf den Gletschern kompensiert wurden und der Beginn der Abschmelzung der Altschneedecke verzögert wurde.

An der Wetterstation Rudolfshütte in 2.317 Metern Höhe betrug die Summe der Neuschneehöhe vom 22. bis 27. Mai 54 Zentimeter. Eine Nachmessung am Sonnblickkees Anfang Juni war nicht möglich, aber die Gesamtschneehöhe dürfte bei plus/minus drei Meter wie Anfang Mai betragen haben. Das wäre einen halben Meter weniger als im langjährigen Mittel am 1. Juni. Vom 1. bis 4. Juni - zur Zeit der Starkniederschläge und damit Hochwasser - war an der Station Rudolfshütte die Summe der Neuschneehöhe 100 Zentimeter. Damit startete das Sonnblickkees "wenigstens"mit einer Schneedecke ein wenig über dem Durchschnitt. Allerdings "verhindert" der Neuschnee wie eine weiße Decke noch mehrere Tage den Beginn der Abschmelzung der winterlichen Altschneedecke. Man kann auch sagen, dass die schneereiche Mai- und (bisherige) Juniwitterung beim Sonnblickkees den Beginn der eigentlichen Ablationsperiode insgesamt um drei bis vier Wochen hinausgeschoben hat. Weiter unbeständiges Wetter im Juni ohne längere Schönwetterphasen könnte den Gletschern weiter "gut tun".

Die Pasterzenzunge (an der Pasterze wird von der ZAMG die Massenbilanz erfasst) war am 5. Juni noch "strahlend weiß" mit Neuschnee bedeckt. Bei der Pasterze kann im Extremfall schon Ende April an der Gletscherstirn der Altschnee weggeschmolzen sein und die Eisablation beginnen. Im Vorjahr war die Pasterzenzunge schon Mitte Juni bis an den Fuß des Hufeisenbruchs aper! Damit beginnt heuer auch hier die Eisschmelze markant später als in Durchschnittsjahren.

Resümee

Die österreichischen Gletscher habe von einem "verlängerten"Winter - das ist die gesamte Zeit, in der Schneeakkumulation stattfindet - profitiert, je nach geographischer Lage unterschiedlich stark. Allerdings ist es wie im Vorjahr "nur" mehr oder weniger eine durchschnittliche Ausgangssituation für die kommende sommerliche Abschmelzzeit. Aus Erfahrung wissen die GlaziologInnen seit langem, dass der Wetterverlauf eines Sommers maßgebend für die Massenbilanz ist und nicht so sehr der Winter. Die langen Messreihen an den Gletschern zeigen seit 1982 weitaus überwiegend starke jährliche Massenverluste; es wäre nicht überraschend, würde das auch heuer zutreffen.

Die Saisonprognose der ZAMG stellt fest: "Für die kommenden drei Monate (Juni, Juli, August) lässt sich auf Basis der aktuellen Berechnungen ein vorsichtiger Trend hin zu durchschnittlichen bzw. überdurchschnittlichen Temperaturen ableiten". Wie wird es den Alpengletschern heuer ergehen? Die Gletscherbilanzen Ende September werden die Antwort geben.

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