Standort: science.ORF.at / Meldung: "Höhenluft formte die Sprache"

Blick auf einen Berg der Anden in Chile

Höhenluft formte die Sprache

Dass sich bestimmte Laute in einer Sprache durchsetzen, wird in der Regel der historischen Entwicklung bzw. dem Zufall zugeschrieben. Aber auch die Geografie könnte eine Rolle spielen: Laut einer Studie werden bestimmte Laute vor allem in hochgelegenen Weltregionen gesprochen.

Phonetik 13.06.2013

Vielfältige Klänge

Geschätzte 6.900 Sprachen gibt es weltweit. Die Unterschiede zwischen Sprachfamilien und Sprachen sind zum Teil enorm - nicht nur was ihren Aufbau, sondern auch was ihren Klang betrifft. Das verdeutlicht allein die Auswahl der verwendeten Laute bzw. Phoneme. Phoneme sind die kleinsten bedeutungsunterscheidenden Lauteinheiten einer Sprache. D.h., ein Phonem entscheidet über die Bedeutung eines Wortes: Je nachdem, ob man bspw. im Deutschen "b" oder "r" verwendet, spricht man von einem "Baum" oder einem "Raum". Dieses fixe Lautinventar einer Sprache kann recht unterschiedlich groß sein, zwischen zehn und etwa 100 ist alles möglich, Deutsch besitzt z.B. 40 Phoneme.

Die Studie in "PLOS ONE":

"Evidence for Direct Geographic Influences on linguistic Sounds: The Case of Ejectives" von Caleb Everett, erschienen am 12. Juni 2013.

Ebenso große Unterschiede wie bei der Anzahl gibt es bei der Auswahl. So sind bspw. "r" und "l" im Deutschen Phoneme, während sie in vielen asiatischen Sprachen bloß Varianten sind. Nicht zufällig basieren viele Chinesenwitze auf einer Vertauschung der beiden.

Theoretisch kann zwar jeder alle körperlich möglichen Laute produzieren, im Lauf der Sprachentwicklung reduziert sich das Inventar jedoch auf die notwendigen. Das ist mit ein Grund, warum es vielen sehr schwer fällt, fremd klingende Sprachen zu lernen. Manche lautlichen Besonderheiten hört man kaum, noch schwieriger ist es, sie nachzumachen.

Zufall oder Geografie?

Dieses vielfältige Klangspektrum verdanken wir gängigen Annahmen zufolge mehr oder weniger dem Zufall. Zwar spielen historische Entwicklungen eine gewisse Rolle, daher ähneln sich verwandte Sprache natürlich auch im Klang. Aber die Zuordnung von Lauten und Bedeutung sowie die Auswahl der verwendeten Phoneme sind scheinbar willkürlich.

Erst jüngere Untersuchungen legen nahe, dass auch die Umgebung einen Einfluss darauf haben könnte. So stellten etwa Forscher um Robert L. Munroe vom Pitzer College vor knapp zehn Jahren fest, dass Sprachen, die in wärmeren Gebieten gesprochen werden eine größere Klangfülle haben. Sie weisen demnach kürzere Silben mit mehr Vokalen auf und sind daher besser hörbar.

Die Erklärung: Menschen in heißen Gebieten halten sich öfter draußen auf. Der sonore Klang hilft bei der Verständigung über größere Distanzen, aber auch landschaftliche oder kulturelle Faktoren könnten eine Rolle spielen. D.h., hier könnte die Geografie zumindest indirekt eine bestimmte Lautentwicklung begünstigt haben.

  • Beispiele von Ejektiven in Lakhota (Phonetikkurs an der University of California L.A.).

Ungewöhnliche Laute

Caleb Everett von der University of Miami will nun einen Fall identifiziert haben, bei dem die geografische Lage noch unmittelbarer beteiligt ist. Er hat dafür das Auftreten einer speziellen Lautgruppe untersucht, die sogenannten Ejektive. Diese Laute sind nicht unüblich - immerhin kommen sie in etwa 18 Prozent aller Sprachen vor, aber dennoch ungewöhnlich. Bei ihrer Produktion verwenden sie keine Atemluft aus den Lungen - wie die meisten anderen Konsonanten und Vokale.

Die Glottis bzw. Stimmritze im Kehlkopf wird dabei verschlossen. Ein solcher Glottalverschluss kommt auch im Deutschen vor: der sogenannten Knacklaut vor Vokalen am Anfang eines Wortes oder Wortstamms, z.B. bei "alle", "eins", "und". Bei Ejektiven ist die Glottis zudem angehoben und es gibt noch einen zusätzlichen Verschluss, z.B. zwischen den Lippen oder zwischen Zunge und Gaumensegel. Dadurch wird die Luft im Rachenraum zusammengepresst, bevor sie nach der Öffnung des vorderen Verschlusses plötzlich und explosionsartig entweicht. Dadurch sind die Laute sehr gut hörbar, in ihrer Produktion allerdings ziemlich aufwändig.

Häufung in der Höhe

567 Sprachen der Welt hat Everett nun auf Basis des World Atlas of Linguistic Structures (WALS) untersucht, um festzustellen, ob das Vorkommen von Ejektiven etwas mit der geografischen Lage des jeweiligen Sprachraums zu tun hat. Und Everett wurde tatsächlich fündig: Insgesamt verwenden 16 Prozent der untersuchten Sprachen Ejektive.

Ganze 87 Prozent davon befinden sich in Hochregionen von über 1.500 Metern Seehöhe oder zumindest in deren unmittelbarer Nähe. Dabei machen die bewohnten Gebiete in diesen Höhen nur 15 Prozent der gesamten besiedelten Erde aus, und weniger als zehn Prozent der Weltbevölkerung leben dort. Nur 20 Prozent der Sprachen ohne Ejektive finden sich in diesen Höhen.

In fünf der sechs größten hochgelegenen Weltregionen fand Everett eine Häufung von Sprachen mit Ejektiven, etwa auf dem Altiplatano in den Anden oder im Kaukasus. Nur auf der Hochebene von Tibet gibt es interessanterweise keine derartigen Sprachen. Im Gegensatz dazu gibt es in Gegenden mit der größten sprachlichen Vielfalt weltweit, wie z.B. Ozeanien, keine einzige Sprache mit dieser Eigenschaft. Weit abseits von Hochregionen finden sich nur zwölf der untersuchten Sprachen mit Ejektiven.

Höhentaugliche Laute

Laut Everett lässt sich das besondere Sprachmerkmal weder durch Verwandtschaft noch durch räumliche Nähe erklären. Für ihn ein Beleg, dass das gehäufte Vorkommen von Ejektiven tatsächlich von den geografischen Umständen abhängt. Er vermutet, dass die Produktion der speziellen Laute in diesen Höhen leichter fällt und zudem körperliche Vorteile bringt.

Einerseits sinke der Luftdruck mit den Höhenmetern. Deshalb sei es weit weniger anstrengend, die dünne Luft im Rachenraum zu komprimieren. Andererseits verbraucht die Produktion von Ejektiven keine unnötige Atemluft. Auf diese Weise geht außerdem weniger Wasser verloren, was den Körper in der trockenen Höhenluft vorm Austrocknen schützt. Stimmen Everetts Vermutungen, sind zumindest kleine Nuancen im Klang einer Sprache mehr als ein reines Zufallsprodukt.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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