Standort: science.ORF.at / Meldung: "Die "Odyssee" - ein realer Mythos"

Nachbildung einer Odysseusmaske

Die "Odyssee" - ein realer Mythos

Zehn Jahre hatte die Irrfahrt gedauert, ehe Odysseus zurück zu seiner Penelope fand. Weit weniger lang haben nun Forscher gebraucht, um das Netzwerk aller Personen von Homers Epos darzustellen. Ihr Schluss: Die Sozialbeziehungen sind realen sehr ähnlich - und das spricht dafür, dass zumindest Teile der "Odyssee" wirklich stattgefunden haben.

Netzwerktheorie 14.06.2013

Sie dürfte eine "Kombination fiktionaler Elemente und realer menschlicher Beziehungen" sein, wie ein Team um den Physiker Pedro Miranda von der Technischen Universität Parana in Brasilien in einer Studie schreibt.

Die Studie:

"Analysis of communities in a mythological social network" von Pedro Miranda und Kollegen ist am 11.6. auf dem Preprint-Server arXiv.org erschienen.

Wiederkehrende Muster

Mythischen Überlieferungen kann man sich auf verschiedenen Arten nähern. Eine besteht darin sich zu fragen, wie viel Realität in ihnen steckt. Hinweise darauf können Ausgrabungen liefern, wie sie im Falle von Homers anderem Epos, der "Ilias", in Troja gemacht wurden.

Nicht um übriggebliebene Artefakte, sondern um menschliche Beziehungen geht es bei einer Methode, die Padraig Mac Carron und Ralph Kenna von der Universität Coventry voriges Jahr in einer Studie vorgeschlagen haben. Die Romanfiguren werden dabei genauso behandelt wie lebende Menschen - als Knoten in Netzwerken, die mit anderen Knoten in Verbindungen stehen.

Wie die Untersuchung ganz unterschiedlicher Netzwerke ergeben hat, zeigen sich dabei immer die gleichen Muster: Die Anzahl der Verbindungen zwischen den einzelnen Mitgliedern ist nicht gleich verteilt. Manche sind besonders gut vernetzt und bilden dichte Cluster, andere weniger gut. Alle Mitglieder sind über wenige Zwischenschritte miteinander verbunden ("Small World Theory"), die Knoten stehen in einem bestimmten hierarchischen Verhältnis zueinander.

342 Charaktere, 1.700 Beziehungen

Nach diesen Merkmalen real existierender Netzwerke hatten Mac Carron und Kenna in drei mythischen Erzählungen gefahndet: in Homers "Ilias", dem angelsächsischen Epos "Beowulf" und in der irischen Sage "Tain Bo Cuailnge". Die Figuren der "Ilias" zeigten dabei am meisten Ähnlichkeit mit echten menschlichen Sozialbeziehungen.

Mit der gleichen Methodik haben Pedro Miranda und Kollegen nun die "Odyssee" untersucht. Die Forscher identifizierten insgesamt 342 Charaktere, die sich im Laufe der 24 Gesänge über 1.700 Mal aufeinander bezogen. Als "Sozialbeziehung" definierten sie die Umstände, dass sich zwei Figuren trafen, miteinander sprachen, mit jemanden über einen Dritten sprachen oder sich offensichtlich kannten. Um nichts dem Zufall zu überlassen, verwendeten die Forscher mehrere Übersetzungen.

Das Resultat ihrer statistischen Auswertung hat starke Ähnlichkeiten mit echten menschlichen Netzwerken. Odysseus, Telemachos, Penelope und Co leben in einer "Small World", einige der Figuren sind besonders stark und gut vernetzt, die Verhältnisse sind hierarchisch. Das spreche dafür, dass zumindest Teile des Epos auf realen Fakten beruhen, schreiben die Forscher. Diese genau rückverfolgen können sie mit ihrer Arbeit natürlich nicht. Handfestere Beweise müssten weiter wohl eher aus der Archäologie kommen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

Mehr zu dem Thema: