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Holzmasken von einem Markt in Südafrika 2010

Der schlagende Teufel von Westafrika

Im Europa der frühen Neuzeit hat der Teufel als Verführer und Magier gegolten, nicht aber als körperlich gewalttätig. Ganz anders in Westafrika, wo er beschrieben wurde als "jemand, der alle schlägt". Die Angst, die der Teufel dadurch in der Bevölkerung auslöst, sieht die Historikerin Jutta Wimmler als zentrales Moment.

Geschichte 24.06.2013

Denn die Angst macht die Bekehrung der Menschen zum Christentum sehr schwierig und liefert eine gute Erklärung für das Versagen der europäischen Missionare, wie Wimmler in einem Gastbeitrag schreibt.

Europäische Konzepte und westafrikanische Realitäten

Von Jutta Wimmler

Über die Autorin:

Porträtfoto der Historikerin Jutta Wimmler

IFK

Jutta Wimmler ist akademische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Vergleichende Europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und im Sommersemester 2013 IFK_Research Fellow.

Veranstaltungshinweis:

Am 24.6. 2013 hält Jutta Wimmler einen Vortrag mit dem Titel "Der schlagende Teufel. Westafrika und die frühneuzeitliche Dämonologie".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

1615 zeichnete der portugiesische Jesuit Manuel Álvares ein lebendiges Bild dämonischer Aktivitäten an der westafrikanischen Küste in seinem Bericht "Etiópia Menor e Descripção Géografica da Província da Serra Leoa". Zahlreiche Hexer stünden im Pakt mit dem Teufel, der die Bevölkerung durch Täuschungen und Tricks in seinem Bann hielt.

Er und seine Dämonen würden sich in verschiedenen Formen bemerkbar machen (als Unwetter oder unheimliches Geräusch, in tierischer oder halb menschlicher Form) und verlangten Opfergaben und Verehrung. Hexer und Hexen führten teuflische Rituale durch, in denen Dämonen angerufen und um Hilfe in allerlei weltlichen Dingen gebeten wurden und initiierten damit diverse Formen von maleficium. Sogar teuflische Klöster meinte Álvares in Westafrika vorzufinden.

Soweit liest sich das relativ eindeutig als europäischer Hexereidiskurs in einem anderen Setting. Das 16. und 17. Jahrhundert war in Europa die Zeit der Hexenverfolgungen, die durch das Standardwerk "Malleus Maleficarum" von Sprenger/Institor (1486) theoretische Fundierung erhalten hatten. Es scheint nicht verwunderlich, dass Álvares, der im frühen 17. Jahrhundert auch selbst Cabo Verde, Bissau und Sierra Leone als Missionar besucht hatte, den Diskurs in diesem Kontext weiterführte.

Der 2001 verstorbene Westafrika-Historiker P.E.H. Hair argumentierte daher in seinem Artikel "Heretics, Slaves and Witches as seen by Guinea Jesuits c. 1610" (1998), dass die von ihm untersuchten Missionare in erster Linie europäische Konzepte recycelten. Kann damit aber die Diskussion schon abgeschlossen sein? War Westafrika nicht mehr als ein passiver Schauplatz für bereits ausgeformte europäische Vorstellungen?

In Europa Frauen im Visier, in Westafrika Männer

Dieser Frage bin ich in meinem Forschungsprojekt am IFK genauer nachgegangen. Die Verwendung religiöser Dämonologie- und Hexereidiskurse wurde anhand einer Textanalyse von Westafrikaberichten und -briefen aus dem 15. bis zum späten 17. Jahrhundert (von Senegambien bis Kongo) untersucht und dann mit europäischem und amerikanischem Material der selben Zeit verglichen. Es handelt sich um Schriftzeugnisse von Missionaren unterschiedlichster Herkunft und Orden (Portugiesen, Spanier, Italiener und Franzosen; insbesondere Jesuiten, Kapuziner, Dominikaner) sowie Händler verschiedener Länder (neben den genannten auch Holländer, Engländer, Dänen und Deutsche).

Der Vergleich mit Europa und Amerika eröffnete vor allem eine Perspektive auf die Funktion der Diskurse - an welchem Punkt es Ähnlichkeiten und Unterschiede gibt. Er lässt Schlüsse über die Bedeutung sowohl der Diskurse als auch der regionalen Umstände zu.

Aquarell, aus: www.slaveryimages.org, zusammengestellt von Jerome Handler und Michael Tuite, gesponsert von Virginia Foundation for the Humanities und University of Virginia Library

www.slaveryimages.org, zusammengestellt von Jerome Handler und Michael Tuite, gesponsert von Virginia Foundation for the Humanities und University of Virginia Library

Bernardino Ignazio, Kapuziner zündet Fetischhaus in Sogno an, Turin 1747, Aquarell, aus: www.slaveryimages.org

Der offensichtlichste Unterschied des westafrikanischen zum europäischen Hexereidiskurs ist ohne Zweifel das Geschlecht der Beschuldigten: Mit dem "Malleus Maleficarum" wird die weibliche Hexe zum Zentrum des Diskurses, womit auch gleichzeitig die sexuelle Verbindung mit dem Teufel zum Thema wird. Während in Europa unabhängige, insbesondere in der Heilkunde tätige Frauen diskreditiert werden sollten, war in Westafrika der Priester-Mediziner im katholischen Visier.

Die sexuelle Dimension fällt fast völlig weg und erinnert damit weniger an den "Malleus Maleficarum" als an das frühere Standardwerk "Formicarius" des Dominikaners Johannes Nider (1437), welches noch vorwiegend gegen Männer gerichtet war. Der Hexereidiskurs gestaltet sich daher in Westafrika bereits deshalb deutlich anders, weil die Zielgruppe eine andere ist.

Ein Teufel, der alle schlägt …

Während dieses Argument noch relativ simpel ist, wird die Komplexität der diskursiven Prozesse in einem anderen Fallbeispiel deutlich. In Afrika- und Amerikaberichten taucht nämlich ein neues religiöses Konzept ohne direkte europäische Vorlagen auf, dessen Entstehungsgeschichte bisher noch ungeklärt ist: das Motiv des schlagenden Teufels.

Während man in Europa den gewalttätigen Teufel entweder in der Hölle verortet oder im individuellen Sinne bei MystikerInnen sowie vereinzelt auch im Hexereidiskurs, eröffnet sich im atlantischen Raum eine kollektive Dimension. Kollektiv würden etwa die EinwohnerInnen der Karibik oder eben Westafrikas vom Teufel geschlagen werden und die Zeichen dieser Schläge am Körper tragen. Deshalb, so die Berichte weiter, lebten seine Opfer in Angst vor dem Menschenfeind.

Als bisher einzige Forscherin analysierte Doris Garraway dieses Motiv für den französischen Karibikraum und stellte die These auf, dass damit indirekt die Gewalttätigkeit der Sklaverei kommentiert worden sei. Der Teufel wird bei Garraway zur (bewussten oder unbewussten) Metapher für den Sklavenhalter, dem seine Opfer hilflos ausgeliefert waren.

… und so die Bekehrung erschwert

Für die Karibik mag das sinnvoll sein - aber was ist mit Westafrika? Die Missionare hatten es in Westafrika nicht vornehmlich mit Sklaven, sondern mit der freien Bevölkerung zu tun, denn es gab hier weder Plantagensysteme noch Kolonien. Und doch wird das Motiv auf die nicht-kolonialisierte Bevölkerung Westafrikas genauso projiziert wie auf die (mehr oder weniger) kolonisierte der Karibik, auf die versklavte ebenso wie auf die freie.

Das gleichzeitige Auftauchen des Motivs in verschiedenen kulturellen Kontexten (neben Westafrika und der Karibik auch in Brasilien und Kanada) suggeriert außerdem, dass es nicht in der religiösen Vorstellungswelt eines amerindianischen oder afrikanischen Religionssystems, sondern aus der europäischen Verständniswelt heraus seinen Ursprung hatte.

Der zentrale Punkt scheint mir jedoch nicht im Gewaltakt an sich zu liegen, sondern in seiner Folge, nämlich der dadurch ausgelösten Angst. Tatsächlich taucht der schlagende Teufel nie ohne diesen Wirkungsaspekt auf: Immer sind die Schläge die Ursache für die große Furcht vor dem Teufel in der Bevölkerung, welche wiederum die Konversion erschwert oder gar unmöglich macht.

Erklärung für Versagen der europäischen Missionare

Sowohl in der Karibik als auch in Westafrika setzt tatsächlich im 17. Jahrhundert - zur selben Zeit, in der das Motiv auftaucht - eine zunehmende Desillusionierung in Hinblick auf die Konversion der Bevölkerung ein. Die Misserfolge machen den Europäern zu schaffen und lassen sie nach Gründen für ihr Scheitern suchen. Der schlagende Teufel ist damit auch ein Indikator für das sich wandelnde europäische Fremdbild: Die einstmalige Vorstellung von der schnellen und leichten Bekehrung wird nun von der Realität überholt und macht einer pessimistischeren Einstellung Platz.

Westafrika ist eben nicht nur passiver Schauplatz - die Realität des Kulturkontakts beeinflusst die Form, die europäische religiöse Konzepte dort annehmen. Die Funktion des Teufeldiskurses ist ein wichtiger Punkt: Mit der Hexerei will man Männer diskreditieren und nicht Frauen, und der schlagende Teufel soll als Erklärung für das eigene Versagen dienen.

Die Auseinandersetzung mit diesem Problem ist weniger speziell und peripher als sie anfangs erscheinen mag, geht es letztendlich doch um die Frage, wie Europäer sich im Kontakt mit dem Anderen gedanklich anpassen müssen. Dabei kommt es auch durchaus zu konzeptuellen Neuschöpfungen. Der in der Forschung bisher marginalisierte Einfluss Afrikas auf Europa - in diesem Fall westafrikanischer Realitäten auf europäische Konzepte - sollte daher nicht nur in der Wirtschafts-, sondern auch in der Kulturgeschichte stärkere Beachtung finden.

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