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Aufgeschlagenes Buch

Das Lehrbuch: Ein Machtinstrument

Yvonne Wübben interessiert sich für den Grenzbereich von Literatur und Medizin. Die deutsche Literaturwissenschaftlerin beschreibt in einem Gastbeitrag verborgene Seiten von Lehrbüchern: Letztere dienen nicht nur der Instruktion von Studenten - sondern auch als Machtinstrument im akademischen Diskurs.

Kulturwissenschaft 08.07.2013

Fachliteratur als Fach-Literatur

Von Yvonne Wübben

Als Ärztin und Literaturwissenschaftlerin interessiert mich besonders, dass medizinisches Wissen oft in rhetorischen und literarischen Formen vermittelt wird. Seit der Antike ist das Lehrgedicht eine in der Medizin verbreitete literarische Gattung, die über Krankheiten wie die Syphilis – informieren soll.

Yvonne Wübben

Yvonne Wübben

Yvonne Wübben ist Junior-Professorin am Germanistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Am Internationalen Zentrum Kulturwissenschaften Wien forscht sie in diesem Semester als "Senior Fellow". Thema des Projekts: "Psychiatrie-Lehrbücher: Kognitive Praktiken und textuelle Strategien".

Mich interessiert aber nicht nur, was in diesen Texten steht und warum die Schriften verbreitet waren. Besonders geht es mir um das Verhältnis von Inhalt und Form. Welche Inhalte können durch die Form des Gedichtes vermittelt werden und welche nicht? Welche sozialen und kognitiven Fähigkeiten werden mit der Lektüre von Lehrgedichten eingeübt? Dienten sie etwa dem Gedächtnistraining und halfen Studenten, Wissen besser zu memorieren?

Neben dem Lehrgedicht befasse ich mich seit einigen Jahren mit einem weiteren didaktischen Gerne, das aus literaturwissenschaftlicher Sicht zu untersuchen ist: dem Lehrbuch. Besonders die Lehrbücher des 19. Jahrhunderts bilden einem Fokus meiner Untersuchung. Sie sind oft nicht nur belehrend, sondern auch unterhaltend und durch ihre Fotographien und Abbildungen anschaulich. Viele Autoren von Lehrbüchern folgten dem Horaz’schen Diktum, dass ein Text informieren und gefallen soll. Lehrbücher enthalten zu diesem Zweck u. a. Fallgeschichten.

Nähe zur Unterhaltungsliteratur

Sie erzählen Begebenheiten, die mit der Krankheit in Zusammenhang stehen, aber auch darüber hinaus das Interesse der Leser erwecken. In der Psychiatrie beinhalten Fallgeschichten den Verlauf unglücklicher Lieben, Unfälle oder besondere Begebenheiten im Sinne der Novelle. Sie weisen damit eine nähe zur Unterhaltungsliteratur auf, wie sich z. B. an ihrer Form ablesen lässt. Die Geschichten sind vielfach mit denselben poetischen und rhetorischen Mitteln gestaltet.
Meine Forschung konzentriert sich besonders auf Psychiatrie-Lehrbücher des ausgehenden 19. Jahrhundert. Mir geht es dabei um die neue Bedeutung, die das didaktische Medium innerhalb der Wissenschaft erfahren hat.

Der Fall Kraepelin: Dementia Praecox

Viele Psychiater haben es - so denke ich - dazu benutzt, ihren Forschungsergebnissen den Status von Lehrmeinungen zuzuweisen, sie also zu gewichtigen Wahrheiten zu erklären, obwohl die Ergebnisse ihrer Forschungen von Kollegen keineswegs anerkannt waren. Lehrbuchautoren haben also nicht nur ein didaktisches Interesse, sie wollen nicht nur die Inhalte des Faches in der bestmöglichen Weise lehren und vermitteln. Hinter ihrer Präsentation stehen nicht selten strategische Überlegungen.

Denn jedes Lehrbuch verfügt grundsätzlich über eine gewisse Deutungshoheit und definitorische Macht: Die Vorläuferform der Krankheit Schizophrenie, die so genannte Dementia Praecox, eine Frühform der Demenz, wurde von den Heidelberger Psychiater Emil Kraepelin z. B. 1893 zunächst in seinem Lehrbuch der Psychiatrie eingeführt. Er präsentierte sie nicht etwa in einem Forschungsartikel, wie es heute üblich wäre. Wenige Jahre später entfachte sich über die Erstbeschreibung eine fachwissenschaftliche Kontroverse.

Zu dieser Zeit lasen seine Studenten aber längst sein Lehrbuch. Sie lernten die dort enthaltene, gültige Definition der Krankheit, meist ohne von der fachlichen Kontroverse im Einzelnen zu erfahren zu haben.

Vehikel zur Durchsetzung von Lehrmeinungen

Bislang wissen wir nicht viel über die Geschichte, die Entstehung, Nutzung und Verbreitung von Lehrbüchern im ausgehenden 19. Jahrhundert, einer Zeit, als sich das Fach immer mehr zu etablieren begann und der Wunsch nach Standards lauter wurde.

Das Lehrbuch interessiert Historiker vor allem, weil man sich Aufschlüsse über die Meinungen und Auffassungen ihrer z. T. berühmten Autoren erhoffte. Mir geht es hingegen darum, das Lehrbuch als ein Medium zu untersuchen, in dem sich die Wissenschaft selbst entwirft und in einer bestimmten Weise präsentiert. Im Anschluss an den Wissenschaftshistoriker Ludwik Fleck begreife ich das Lehrbuch als Vehikel zur Durchsetzung bestimmter Lehrmeinungen – wie der Lehrmeinung zur Schizophrenie. Allerdings ist diese Wirkungsweise noch nicht im Einzelnen genau erforscht.

In meiner Forschungsarbeit geht es mir zusätzlich auch um widerständige Gebrauchsweisen und undisziplinierte Lektüren, die sich nicht einfach vorausberechnen lassen. Das Buch verstärkt also nicht nur die Auffassung seines Verfassers. Einige kritische Leser lesen Lehrbücher gegen den Strich. Andere Leser lesen genau, sind aber fachfremd. Wie werden Lehrinhalte durch die Bücher also in dem Fach und über das Fach hinaus vermittelt und von welchen Lesern werden sie überhaupt wie wahrgenommen?

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