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Screenshot der Website von DPLA

Der Kampf mit dem Urheberrecht

In Europa kämpft die digitale Bibliothek, die Europeana, derzeit mit einem schwindenden Budget. Vor kurzem ist ein ähnliches Großprojekt in den USA gestartet: die Digital Public Library (DPLA). Das "größenwahnsinnige Projekt" will einmal alle Bücher gratis zur Verfügung stellen, erklärt Robert Darnton, einer der Initiatoren, in einem Interview.

Digitale Bibliotheken 26.06.2013

Die DPLA enthält digitale Bücher sowie digitalisierte Manuskripte und Bilder aus Bibliotheken und Sammlungen in den gesamten Vereinigten Staaten. Finanziert wird sie von diesen und von wohltätigen Stiftungen. Den Ursprung hat die öffentliche digitale Bibliothek an der Harvard University in Boston. Einer der Initiatoren ist der Kulturhistoriker und Direktor der dortigen Universitätsbibliothek Robert Darnton.

Die Harvard Library ist mit fast 17 Millionen Bänden die größte Universitätsbibliothek der Welt. Sie war einer der ersten Partner des riesigen Digitalisierungsprogrammes von Google. Warum gehen Sie nun eigene Wege?

Porträtfoto von Robert Darnton

CC Jisc

Robert Darnton ist einer der arriviertesten Kulturhistoriker und Direktor der Harvard University Library. Er zählt zu Vertretern des sogenannten "cultural turn", die seit den späten 80er Jahren die Geschichtswissenschaft prägt. Die Geschichte des Buches und die Ideengeschichte der französischen Aufklärung gehören zu seinen Steckenpferden. Als Historiker hat er die Archive eines großen Schweizer Verlagshauses wiederentdeckt, das in den Revolutionswirren Ende des 18. Jahrhunderts unter anderem Diderots Encyclopedie herausgebracht hat.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Radiokolleg über "Archive im Netz": 24.-27.6.2013, 9:35 Uhr.

Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

"Öffentliches Wissen" und Bürgerbeteiligung spielen in enger Verbindung mit Qualitätsjournalismus eine immer größere Rolle. Mit dem Jahresschwerpunkt "Open Innovation" unterstreicht Ö1 die Bedeutung dieses Phänomens für eine zukunftsweisende Entwicklung der Zivilgesellschaft. Aktuelle Beiträge und Hintergrundberichte in verschiedenen Sendeformaten von Ö1 informieren, auch science.ORF.at widmet diesem Thema eine Reihe von Beiträgen.

Robert Darnton: Das stimmt. Harvard gehörte zu den ersten Partnern von Googles 2004 initiiertem Bücherscan-Programm. Doch Google beschränkte sich anfangs nicht auf gemeinfreie Bestände, sondern scannte auch urheberrechtlich geschützte Werke in großem Stil. Der US-amerikanische Autorenverband Authors Guild und die Verleger-Organisation Association of American Publishers verklagten Google daraufhin 2011, und das erfolgreich. Um sich mit den Verbänden zu einigen, wollte Google das Projekt in eine kommerzielle Bibliothek wandeln. Die Idee war, kostenpflichtige Abos für Bibliotheken und andere Institutionen einzuführen. Selbst für Museen und Universitäten, die ihre Bestände dem Suchmaschinenbetreiber einst gratis zur Digitalisierung zur Verfügung gestellt hatten.

Die Harvard Library hätte also an Google Geld zahlen müssen, um ihre eigenen digitalisierten Bücher zu nutzen?

Ja, das Geld hätte den Urhebern zufließen sollen. Die Idee von Google ist schlussendlich auch nicht aufgegangen. Ein Gericht hat das Unterfangen aus wettbewerbsrechtlichen Bedenken verboten. Momentan beschränkt sich Google deshalb bei der Digitalisierung nur mehr auf gemeinfreie Bestände. Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, mit einem großen Unternehmen zusammenzuarbeiten. Dennoch birgt es natürlich die Gefahr eines Monopols der neuen Art, nicht bei Eisenbahnen oder Stahl, sondern beim Zugang zu Information.

Ihr Gegenentwurf lautet, Bibliotheken sollen lieber zusammenarbeiten, um digitale Bibliotheken aufzubauen.

Die DPLA ist der Versuch, eine völlig neue Bibliothek zu schaffen. Eine Bibliothek, die irgendwann alle Bücher der Welt allen Menschen kostenlos zur Verfügung stellen will. Das klingt jetzt vielleicht etwas größenwahnsinnig oder utopisch. Und das Projekt hat auch eine utopische Seite, doch gleichzeitig ist es sehr pragmatisch. Wir haben alles sehr sorgfältig vorbereitet. Mit den besten Programmierern und Webdesignern und den besten Archivspezialisten. Wir glauben daran, dass es funktionieren wird.

Die finanziellen und technischen Probleme, die so ein enormes digitales Sammelbecken mit sich bringen, lassen sich lösen, sagen Sie. Die weitaus größten Hürden seien rechtlicher Natur. Was heißt das?

Genauer gesagt, geht es ums Urheberrecht. Im Gegensatz zu Google wollen wir uns von Anfang an daran halten. Das bedeutet aber auch, dass die Öffentlichkeit auf viele digitalisierten Werke verzichten muss. Wie Sie wahrscheinlich wissen, sind die urheberrechtlichen Schutzfristen extrem lang. Ein Buch ist so etwa bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors geschützt. Rechnet man das Leben des Autors hinzu, kommt man auf gute hundert Jahre, die ein Buch dadurch geschützt ist. Wir haben uns lange mit Anwälten und Urheberrechtsexperten unterhalten und so erfahren, dass jedes Buch, das in den USA nach 1964 herausgekommen ist, gegenwärtig noch urheberrechtlich geschützt ist. Auch die meisten Bücher, die nach 1923 erschienen sind. Schließlich gibt es sogar noch urheberrechtlich geschützte Bücher aus dem Jahre 1879.

Heißt das, die DPLA wird auf alle Bücher aus dem 21. und den Großteil der Bände aus dem 20. Jahrhundert verzichten?

Wir spekulieren gerade auf eine Autorenallianz: Autoren könnten ihre Rechte freiwillig an die DPLA abgeben. Das klingt jetzt vielleicht naiv. Warum sollten Autoren so etwas tun? Ich glaube die Antwort ist ziemlich überzeugend. Die meisten Bücher lassen sich nämlich nur in den ersten Monaten beziehungsweise Jahren nach ihrem Erscheinen verkaufen. Das kommerzielle Leben eines Buches ist sehr kurz.

Bestsellerautoren wird die Idee nicht unbedingt gefallen. Ihre Bücher halten sich durchaus lange am Markt.

Die DPLA könnte sich verpflichten, die Bücher erst online zur stellen, wenn sie aus den Regalen der Buchhandlungen verschwinden. Also etwa fünf bis zehn Jahre nach ihrem Erscheinungsdatum. Für 99 Prozent der Autoren wäre die öffentliche digitale Bibliothek eine Chance, trotzdem einen großen Leserkreis zu behalten.

Interview: Anna Masoner, Ö1 Wissenschaft

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