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Speerwerfer bei einem Wettkampf

Homo sapiens: Superwerfer der Natur

Warum können Menschen im Gegensatz zu Schimpansen so gut werfen? US-Forscher klären die anatomischen Ursachen. Sie vermuten: Die Jagd durch Wurfgeschoße machte unsere Vorfahren zu Fleischessern - und ließ unsere Gehirne wachsen.

Anatomie 27.06.2013

Wäre Neil Roach in Europa aufgewachsen, hätte seine wissenschaftliche Karriere vielleicht eine andere Richtung genommen. Aber der Anthropologe von der Washington State University ist Amerikaner. Er lebt in einem Baseball-verrückten Land - für jene, die das Spiel mit den eigenartigen Regeln gar nicht kennen:

Im Prinzip geht es um das Duell zwischen zwei Spielern. Jenem, der den Ball wirft ("Pitcher"), und jenem, der den Ball mit dem Schläger zu erwischen versucht ("Batter"). Naturgemäß hat der Pitcher bessere Karten, wenn er den Ball möglichst scharf und präzise an den Zielort befördert. Scharf heißt in diesem Fall: ihn auf bis zu 160 km/h beschleunigt.

Womit wir bei der vergleichenden Anthropologie wären. "Schimpansen sind unglaublich stark und athletisch. Aber selbst ein ausgewachsenes Männchen kann Objekte nur mit maximal 30 km/h durch die Luft werfen", sagt Neil Roach. "Das ist ein Drittel der Geschwindigkeit, die ein zwölfjähriger Baseballspieler erreicht."

Die Ursache der erstaunlichen Differenz beschreibt Roach nun im Fachblatt "Nature". Der Anthropologe hat mit drei weiteren Kollegen anatomische Puzzlesteine zusammengetragen, die ein neues Licht auf die Evolution des Menschen werfen.

Baseballteam im Labor

Die Methoden sind durchaus unkonventionell: Nebst anatomischen Computermodellen ließen Roach und Kollegen auch das Baseballteam der Harvard University im Labor antreten, um die Details der Wurfbewegung zu studieren. Und zwar nicht nur in der Normalvariante. Die Forscher montierten den Sportlern auch Bänder an Armen und Gelenken, um ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken, sie quasi auf das biomechanische Niveau des Schimpansen zu bringen.

Video: Anatomie des Wurfes 1

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Denn die Anatomie unseres nächsten Verwandten ist augenscheinlich weitaus weniger für das Werfen geeignet. Er wirft auch keine Gegenstände um zu jagen, sondern tut das nur, wenn er imponieren will.

Schon Charles Darwin bemerkte in "The Descendent of Man", dass der aufrechte Gang die Hände des Menschen befreit und zu einem neuartigen Organ gemacht - und ihn dazu befähigt habe, Steine und Speere als Waffe zu benützen. Viel mehr wurde seitdem von Biologen über dieses Thema nicht gesagt. Roachs Analyse zeigt nun: Die entscheidenden anatomischen Änderungen entstanden vor rund zwei Millionen Jahren bei unserem Vorfahren Homo erectus. Zu jener Zeit, als die Vormenschen zu Teilzeit-Fleischfressern (und wohl auch Jägern) wurden.

Intelligenter durch Fleischkonsum?

Im Vergleich zum Schimpansen haben wir eine tiefer sitzende Schulter, eine breitere Hüfte sowie einen Oberarmknochen, der größere Beweglichkeit ermöglicht. "Wenn Menschen werfen, rotieren sie ihre Arme rückwärts und dehnen Bänder sowie Sehnen - so wie die Gummibänder einer Steinschleuder. Diese Energie entlädt sich, wenn der Arm in die Gegenrichtung schnellt und rotiert", erklärt Roach. "Diese Rotation ist die schnellste Bewegung, zu der der menschliche Körper fähig ist. Erst sie ermöglicht ungemein scharfe Würfe."

Video: Anatomie des Wurfes 2

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Die Aufschlüsselung jener anatomischen Faktoren, die uns zu guten Werfern und Jägern gemacht haben, wären letztlich ein interessantes Randthema - wenn es da nicht noch evolutionäre Konsequenzen gäbe. Viele Anthropologen sehen nämlich im Fleischkonsum die entscheidende Voraussetzung dafür, dass unsere Gehirne an Volumen zulegen konnten.

Roach gehört zu dieser Fraktion: "Der Konsum von kalorienreichem Fleisch und Fett hat unsere Vorfahren befähigt, größere Gehirne und Körper zu entwickeln. Und er führte auch dazu, dass sich Menschen in alle Regionen der Welt ausbreiten konnten. Ohne werfen zu können, wären wir nicht das, was wir heute sind."

Kurz gesagt: Der Wurf hat uns womöglich nicht nur erfolgreicher, sondern auch klüger gemacht. Dass aus dieser Konstellation auch der Pitcher hervorgehen sollte, war natürlich nicht vorherzusehen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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