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Ein Stück Kunststoff treibt im Meer

Plastikmüll als Ökosystem

Immer mehr Plastikmüll verschmutzt die weltweiten Meere. Das belastet die natürlichen Lebensräume zahlreicher Arten. Zugleich ist aber auch ein neues Ökosystem entstanden, wie eine Studie erstmals untersucht hat. Auf dem Plastik sammeln sich Bakterien an, die es möglicherweise als Nahrung benutzen.

Umwelt 28.06.2013

Sie fressen das Problem dennoch nicht einfach weg, betonen die Forscher um Erik Zettler von der US-amerikanischen Sea Education Association. Außerdem haben sie auch krankheitserregende Kleinstlebewesen in der "Plastisphäre" - so der Kunstname für das neue Plastikökosystem - entdeckt, deren Auswirkungen unklar sind.

Die Studie

"Life in the 'Plastisphere': Microbial Communities on Plastic Marine Debris" von Erik Zettler und Kolleginnen ist am 7.6.2013 in "Environmental Science and Technology" erschienen.

245 Millionen Tonnen pro Jahr

Die Zahlen sind alarmierend: Alljährlich werden 35 Kilogramm Plastik pro Mensch produziert. Das macht bei sieben Milliarden rund 245 Millionen Tonnen. Auch wenn einiges davon wiederverwertet wird, landet ein beträchtlicher Teil der Kunststoffmengen in den Ozeanen. Meeresströmungen treiben die unzählbaren Tonnen Müll mittlerweile zu riesigen Gebilden zusammen, weshalb die UNESCO ein provokantes Zeichen setzte: Sie ernannte die großen Müllinseln zu einem "Staat" und taufte ihn "Garbage Patch" ("Müllfleck").

Ö1 Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtete auch "Wissen aktuell", Fr., 28.6.2013, 13.55 Uhr.

Dass das Plastik das Leben im Meer verändert und belastet, ist aus einigen Studien bekannt; etwa wie Fische, Vögel, Schildkröten und Meeressäuger reagieren, die es als Teil ihrer Nahrung zu sich nehmen. Wie der Müll aber selbst zu einem neuen Ökosystem geworden ist, wurde bisher nicht untersucht. Zettler und seine Kolleginnen haben das nun geändert.

Fressen Bakterien das Plastik auf?

Sie untersuchten Plastik, das sie aus dem subtropischen Teil des Nordatlantikwirbels gezogen hatten - einer Meeresströmung zwischen Nordamerika und Afrika, von der schon bisher bekannt war, dass sie viel Müll transportiert. Die meisten Stücke waren mit weniger als einem halben Zentimeter winzig klein. Dennoch tummelt sich auf ihnen eine sehr unterschiedliche Schar von Kleinstlebewesen, wie die Forscher mit Hilfe von Rasterelektronenmikroskopie und Genanalysen herausfanden.

Wimpertierchen, Bakterien und Kieselalgen auf einem Plastikteil, aufgenommen mit einem Rasterelektronenmikroskop

Erik Zettler, Sea Education Association

Wimpertierchen, Bakterien und Kieselalgen auf einem Plastikteil, aufgenommen mit einem Rasterelektronenmikroskop

Von den Auswertungen im Labor waren sie einigermaßen überrascht, denn manche der Bakterien scheinen kleine Löcher in das Plastik zu fressen. Die Meeresregion, aus der sie stammten, galt wegen ihres Nährstoffgehalts bisher nicht als Ort, an dem Bakterien leben, die Kohlenwasserstoffe verdauen können.

Genau das könnte aber die Erklärung für kleine Gruben sein, welche die Forscher auf den Plastikteilen gefunden haben: Möglicherweise stammen sie vom Stoffwechsel der Bakterien. Zettlers Team legt sich dabei nicht fest, verweist aber auf ein Rätsel, das dadurch gelöst werden könnte: Obwohl jährlich mehr Plastik produziert wird, ist die Plastikkonzentration im Nordatlantikwirbel zwischen 1986 und 2008 nicht gestiegen, wie Forscher vor drei Jahren in einer Studie berichteten. Die Bakterien könnten die Polymere aufgefressen oder auseinandergebrochen haben, weshalb sie schneller und leichter auf den Meeresgrund gesunken sind.

Keine frohe Botschaft

Entsorgen die Mikroben somit das von Menschen verursachte Problem? Für diese frohe Botschaft ist es eindeutig noch zu früh. Abgesehen davon, dass auch kleinere Plastikteile Schäden anrichten, könnte es auch sein, dass die Mikroben beim Stoffwechsel giftige Chemikalien freisetzen, z. B. Flammschutzmittel.

Zukünftige Studien sollen diese Fragen klären. Jetzt schon sicher ist die Vielfalt und Eigenständigkeit der Plastikbewohner. Die Kleinstlebewesen auf dem "Plastikriff" unterscheiden sich deutlich von ihren Kollegen im umgebenden Meereswasser. Bei Proben von wenigen Zentimetern fanden die Forscher Hunderte verschiedener Arten - darunter auch krankheitserregende Bakterien der Gattung Vibrio, deren bekanntester Vertreter Cholera auslöst.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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