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Die neue Tafel mit der Inschrift "Universitätsring"

Wien: 159 "belastete" Straßennamen

Der Dr.‐Karl‐Lueger‐Platz im ersten Wiener Bezirk ist kein Einzelfall. 159 Wiener Straßen und Plätze sind laut einem Historikerbericht nach Antisemiten und Persönlichkeiten mit einer problematischen Vita benannt. Es gebe "Diskussionsbedarf", resümieren die Forscher.

Zeitgeschichte 03.07.2013

"Zerstreut sind sie überall / Wie eine Bombe zerspringet / Wie mit Guano ist alle Welt / Mit Judenschmutz gedünget." Diese Zeilen stammen aus der Feder von Sebastian Brunner. Der Prälat, Schriftsteller und Gründer der "Wiener Kirchenzeitung" hat das Hetzgedicht 1846 in seinem Buch "Das Nebeljungen Lied" veröffentlicht.

Es waren beileibe nicht die einzigen Äußerungen mit dieser Stoßrichtung. Brunner gilt heute als Schlüsselfigur des katholischen Antisemitismus in diesem Land. 1898 wurde eine Gasse in Wien-Hietzing nach ihm benannt, das Straßenschild steht bis heute.

"Dunkle Seite der Geschichte thematisieren"

Studie

Forschungsprojektendbericht: Straßennamen Wiens seit 1860 als "Politische Erinnerungsorte", erstellt im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7).

Der 350 Seiten starke Bericht von Forschern rund um Oliver Rathkolb listet nun sämtliche Straßennamen auf, die historisch betrachtet problematisch sind. Der Problemgehalt ist naturgemäß mal größer mal kleiner, weswegen die Wissenschaftler ihre 159 Fälle in drei Kategorien teilen: jene mit "intensivem Diskussionsbedarf", solche mit "Diskussionsbedarf" und solche mit "demokratiepolitisch relevanten biografischen Lücken".

Manche davon sind bekannt, wie etwa das nach dem Radsportler und überzeugten Nationalsozialisten Ferry Dusika benannte Hallenstadion in der Engerthstraße. Andere, wie etwa die Josef-Pommer-Gasse in Wien XIII (benannt nach dem nationalistischen Lehrer und Volksliedforscher Josef Pommer), dürften nur einschlägig Interessierten ein Begriff sein.

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Die Frage ist freilich, welche Konsequenzen aus dem vorliegenden Bericht gezogen werden. Umbenennungen (wie etwa letztes Jahr, als der ehemalige Dr-Karl-Lueger-Ring zum Universitätsring wurde) werden wohl weiterhin die Ausnahme bleiben, sagte der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny bei der Präsentation des Berichts. "Jede Stadt hat ihre Geschichte. Es geht darum, die Geschichte zu thematisieren, die dunklen wie die hellen Seiten. "

"Umbenennungen Sache der Politik"

Laut Mailath könnten in Zukunft Zusatztafeln zu den Straßenschildern angebracht oder begleitende Informationen ins Internet gestellt werden. Auch künstlerische Interventionen seien ein Weg, mit den hässlichen Seiten der Wiener Geschichte umzugehen.

Ähnlich die Position von Oliver Rathkolb. Er sagt im Gespräch mit science.ORF.at: Der Bericht sei zunächst Anstoß und Grundlage für weitere Diskussionen, "es muss nun eine breite Debatte auf Bezirksebene geben um zu klären, wie man mit diesen Informationen umzugehen hat."

Soll es weitere Umbenennungen geben? "Das ist nicht unser Geschäft, dafür gibt es die Politik. Man muss auch sehen: Umbenennungen können der Versuch sein, eine künstlich reine Geschichte zu konstruieren. Die Geschichte Österreichs des 19. und 20 Jahrhunderts ist aber eine problematische."

Robert Czepel, science.ORF.at

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