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Weizenähren wiegen sich im Wind, während am Horizont die Sonne untergeht

Es gibt keine "Wiege der Landwirtschaft"

Die Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht ist das wohl wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte: Es gibt aber keine "Wiege der Landwirtschaft", wie Forscher nun berichten. Sie wurde vor rund 12.000 Jahren gleichzeitig an mehreren Orten zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem persischen Golf "erfunden".

Archäologie 05.07.2013

War dies von den westlicher gelegenen Gebieten schon bekannt, so dokumentiert dies eine Studie eines Teams um die Archäologin Simone Riehl von der Universität Tübingen auch für Gebiete im heutigen Iran.

Die Studie:

"Emergence of Agriculture in the Foothills of the Zagros Mountains of Iran" von Simone Riehl und Kollegen ist am 4.7. in "Science" erschienen.

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Revolution in der Jungsteinzeit

"Fruchtbarer Halbmond" heißt die niederschlagsreiche Gegend, die zwischen dem heutigen Anatolien, dem Nahen Osten und dem Zwischenstromland zwischen Euphrat und Tigris liegt. Mit einiger Phantasie kann man auf einem Bild von oben tatsächlich einen Halbmond erkennen.

Vor rund 12.000 Jahren hat sich hier jedenfalls die neolithische Revolution ereignet: Aus Jägern und Sammlern wurden in der Jungsteinzeit allmählich sesshafte Bauern, die Bevölkerungsanzahl begann zu steigen, die Gesellschaft wurde komplex.

Ausgrabungsstätte in Chogha Golan

TISARP/Universität of Tübingen

Ausgrabungsstätte in Chogha Golan

Für die südliche Levante, Anatolien, Zypern und den nördlichen Irak gibt es bereits zahlreiche Ausgrabungen, die diese Entwicklung dokumentiert haben. Mit der Fundstätte Chogha Golan am Fuße des Zagros-Gebirges (200 Kilometer östlich der irakischen Hauptstadt Bagdad) schließen Riehl und Kollegen nun eine Forschungslücke.

Von Wildgerste zu Weizen

Die pflanzlichen Überreste und Werkzeuge für Ackerbau aus Knochen und Stein, die sie dort gefunden haben, decken einen Zeitraum von rund 2.000 Jahren ab. Bereits vor rund 12.000 Jahren haben die Bewohner von Chogha Golan mit der Landwirtschaft begonnen.

Als erstes pflanzten sie wilde Getreidesorten wie etwa Wildgerste an. Im Laufe der Jahrhunderte konnten sie das Getreide durch Züchtungen immer weiter verbessern. Schließlich kamen neue Arten wie Weizen hinzu, aber auch zunehmende Probleme mit Unkraut lassen sich aus den Funden ablesen.

Samen von Wildgerste, der in Chogha Golan gefunden wurde

TISARP

Samen von Wildgerste, der in Chogha Golan gefunden wurde

Gut 2.000 Jahre nach den ersten Anbauversuchen konnten die Menschen mit einem relativ professionellen Anbau von Gerste, Weizen und Linsen genügend Nahrung für die größer werdenden Siedlungen gewinnen. "Das war eine Revolution für die gesamte wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung", sagt der Archäologe Studien-Koautor Nicholas Conard.

"Nahrungsgrundlage bis heute"

Die Bemühungen der frühen Ackerbauern hätten Auswirkungen bis heute, fügte Riehl hinzu: "Viele der Pflanzen, die im Fruchtbaren Halbmond domestiziert wurden, stellen die ökonomische Basis und Nahrungsgrundlage der heutigen Weltbevölkerung dar."

Mit den Funden an der bisher von Archäologen wenig beachteten Region im Iran sei nun auch definitiv bewiesen, dass die Anfänge der Landwirtschaft nicht auf eine kleine Region begrenzt waren, sondern dass sich der Ackerbau an mehreren Orten weitgehend parallel entwickelt hat.

Wie diese Praktiken weitergegeben wurden - ob durch Kommunikation, Verbreitung von Samen oder durch Wanderung der Menschen - ist unklar. Die Forscher gehen aber davon aus, dass es mehrere Zentren früher Landwirtschaft gegeben hat, die von lokaler Bevölkerung getragen wurde. Der Archäologe George Willcox zählt in einem Begleitkommentar fünf Cluster im "Fruchtbaren Halbmond" auf, in denen unterschiedliche Getreidesorten angebaut wurden.

science.ORF.at/dpa

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