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Menschen auf einem Flüchtlingsboot

Integration braucht gleiche Rechte für alle

Die europäische Flüchtlings- und Asylpolitik ist voller Widersprüche, sagt der britische Migrationsexperte Stephen Castles: Internationale Abkommen würden schlichtweg ignoriert. Er finde es geradezu "witzig, dass die Europäer immer Eingliederung verlangen - sich selbst aber im Ausland nicht immer daran halten."

Migration 12.07.2013

Für eine erfolgreiche Integration sei es wichtig, dass alle Migranten die gleichen Rechte und Pflichten haben wie die Bevölkerung in den Einwanderungsländern.

science.ORF.at: Der Papst hat nun bei seinem jüngsten Besuch auf Lampedusa zu mehr Solidarität mit Flüchtlingen aufgerufen. Haben wir in Europa eine schlechte Migrationspolitik?

Stephen Castles: Was der Papst meinte, betraf vor allem Asylbewerber, die von Afrika versuchen nach Europa zu kommen. Es gibt einen ganz klaren Widerspruch zwischen Recht und Verbot. Alle entwickelten Länder sind UNO-Mitglieder. 145 der 193 UNO-Mitgliedsländer haben das Flüchtlingsabkommen von 1951 unterschrieben.

Zur Person:

Porträtfoto des Soziologen Stephen Castles

Universität Sydney

Stephen Castles ist Soziologe und Ökonom an der Universität Sydney. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie soziale Mobilität von Menschen entsteht. Von 1972 bis 1985 lehrte er an der Fachhochschule Frankfurt am Main und war von 1986 bis 2000 Professor für Soziologie an der Universität Wollongong, Australien. 2001 bis 2006 leitete er das "Refugee Studies Centre" an der Oxford Universität und war als Berater der australischen und britischen Regierung tätig.

Stephen Castles hat im Rahmen der Marie Jahoda Summer School 2013 einen Vortrag an der Universität Wien gehalten.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 12.7., 13:55 Uhr.

Das heißt, man hat sich verpflichtet festzustellen, ob Leute wirklich Flüchtlinge sind. Der Widerspruch dabei ist, dass man nicht legal einreisen kann. Es ist für einen Afrikaner normalerweise unmöglich, legal nach Europa zu kommen, um diese rechtliche Prüfung zu vollziehen. Eine richtige Behandlung würde bedeuten, zumindest das Recht zu haben, ein Asylgesuch einzureichen, ohne zuerst das Leben zu riskieren.

Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, um die gegenwärtige Situation zu verbessern?

Eine Lösung ist, die Anzahl der Plätze zu erhöhen. Im Moment sind es vielleicht zehn Länder, die mit dem UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge zusammenarbeiten und Flüchtlingen eine dauerhafte Niederlassung ermöglichen. Demnach gibt es auf der ganzen Welt ungefähr 100.000 sogenannte Resettlement-Plätze im Jahr. Es gibt aber ungefähr sieben Millionen Menschen, die einen Platz brauchen. Für die meisten gibt es keine Chance.

Die andere Lösung ist, Friedenspolitik zu machen. Man konnte beobachten, dass die meisten Flüchtlingsströme in den letzten Jahren aus Afghanistan und dem Irak kamen - Länder, wo es westliche militärische Eingriffe gab. Man sieht: Militärische Eingriffe vermindern die Flüchtlingszahlen nicht, genau im Gegenteil. Man muss also eine Friedenspolitik anstatt einer Besatzungspolitik machen.

Warum funktioniert Migration in manchen Ländern besonders gut bzw. weniger gut?

Es gibt Länder, die wir klassische Migrationsländer nennen, wie Kanada, USA, Australien, Neuseeland. Das sind Länder, die ihr Bevölkerungswachstum auf Migration gegründet haben und wo deshalb die Eingliederung recht gut funktioniert. Was nicht heißt, dass Leute ihre Kulturen aufgeben mussten. In Australien oder auch in den USA wird es völlig akzeptiert, dass Leute ihre eigene Religion, Kultur, Feste und Sprachen brauchen. Vorausgesetzt, dass diese Gruppen sich wirtschaftlich eingliedern und bestimmte Grundprinzipien wie Demokratie, Gleichberechtigung usw. anerkennen.

Es gibt allerdings in den USA, die nach wie vor das größte Einwanderungsland der Welt sind, einen Widerspruch. Obwohl das Land auf Migration gegründet wurde und eine sehr starke und erfolgreiche Gesellschaft ist, gibt es elf Millionen illegale Bewohner. Das ist für mich etwas Unbegreifliches, dass ein Land wie die USA nicht in der Lage ist, hier legale Möglichkeiten zu finden, auch wenn man sich jetzt in diese Richtung bewegt.

Wenn man die österreichische Geschichte betrachtet, sieht man, dass dieses Land Jahrhunderte lang ein Vielvölkerstaat war. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde dann mehr Bedacht auf einen engeren Begriff der nationalen Identität gelegt. Man kann heute nicht eine weltoffene Industriemacht sein und gleichzeitig die Einwanderung verbieten oder die Eingliederung der Einwanderer erschweren. Beides gehört zusammen. Das moderne Wirtschaftsmodell ist Freizügigkeit von Kapital, Freizügigkeit von Waren und schließlich auch der Menschen.

Wir alle haben Bilder von überfüllten Booten im Kopf, wo Menschen aus Afrika, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, versuchen den Süden Europas zu erreichen. Würde eine Umverteilung durch die europäische Migrationspolitik helfen, die südeuropäischen Länder zu entlasten?

Das ist sehr stark übertrieben. Die höchste Anzahl von Einwanderern gab es natürlich in Südeuropa, parallel zum großen Wirtschaftsaufschwung bis 2007. Spanien und Italien haben das ja durch eine Amnestiepolitik begünstigt. Mit der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen hohen Arbeitslosigkeit hat sich das geändert. Es gibt jetzt auch viele junge Südeuropäer, die nach Nordeuropa auswandern.

Aber die Anzahl von Menschen, die illegal mit Booten über das Mittelmeer kommen, ist relativ gering. Es ist natürlich sehr medienwirksam, weil man diese Bilder von den sinkenden Booten zeigen kann. Es kommen aber viel mehr Leute mit dem Flugzeug aus Afrika, Asien oder auch Südamerika.

Wie sieht für Sie eine gelungene Integration aus? Dass Migranten ein vollständiger Bestandteil der Gesellschaft werden?

Man kann keine einheitliche Gesellschaft haben, ohne gleiche Rechte für alle zu gewährleisten. Wir in Australien meinen, dass die Einbürgerung die Voraussetzung für eine gute Integration ist. Wir versuchen, dass Einwanderer so schnell wie möglich australische Staatsbürger werden, weil sie damit alle Sozial- und Arbeitsrechte, alle Grundrechte haben, natürlich auch das Recht zu wählen.

Zudem erlaubt Australien die Doppelstaatsbürgerschaft. Man braucht also nicht die ursprüngliche Staatsbürgerschaft aufzugeben, wenn man Australier wird. Das entspricht auch der doppelten Identität, die die meisten Migranten haben. Nämlich, dass sie einerseits noch eine Zugehörigkeit zur Herkunftsgesellschaft fühlen, aber eben auch zur neuen.

Das Problem in Europa ist, dass man sehr zögernd Rechte, vor allem politische Rechte, an Einwanderer vergibt und dass sie sich somit nicht als Teil der Gesellschaft fühlen. Es liegt wirklich an der Politik, dass es für die Leute sehr schwierig ist, sich als volles Mitglied zu fühlen.

Ist Australien also ein Vorzeigestaat für Migration und Integration?

Ja, aber das kam nicht durch eine schnelle Einsicht. Wir haben lange Zeit versucht, eine Assimilierungspolitik zu machen. Wenn Leute bleiben wollten, sollten sie auch Australier werden und ausschließlich englisch sprechen usw. Das ist jedoch aus zwei Gründen unrealistisch: Erstens mussten die Menschen anfangs niedrige, schlecht bezahlte Arbeiten machen. Schließlich suchten sie sich Wohnungen in Gegenden, wo es billiger war. Das hat zu einer gewissen Konzentration geführt.

Der zweite Grund ist, dass natürlich alle Menschen ihre eigene Religion und Kultur beibehalten wollen, und warum nicht? Im Grunde ist das ein Recht, das alle Menschen haben - eine freie Wahl von Kultur und Religion. Das Prinzip der Anerkennung der eigenen Kulturen führt nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft. Was zu einer Spaltung führt, ist, wenn man nicht gleiche Rechte für alle gewährleistet.

Woher kommt die Angst vieler Menschen vor Einwanderern, so auch in Österreich?

Das betrifft natürlich nicht nur die Österreicher, das ist ein allgemeines Problem. Vor allem sieht man das bei Völkern, die eine imperialistische Geschichte haben; Völker, die selbst als Eroberer in andere Ländern gegangen sind und sich nicht integriert haben.

Es ist witzig, dass die Europäer immer die Eingliederung verlangen, sich selbst aber nicht immer daran halten. Zum Beispiel integrieren sich britische Spezialisten in einem Land wie Singapur überhaupt nicht. Sie haben eigene britische Clubs, bleiben unter sich etc. Es ist ein ziemlich verbreitetes Phänomen, dass ehemalige kolonialistische Völker denken, das gleiche könnte mit ihnen passieren.

Die Geschichte ist aber völlig anders. Als die Europäer andere Länder erobert haben, waren sie technisch überlegen und konnten sich durchsetzen. Das sieht man heute nicht. Vielmehr ist es so, dass man Arbeitskräfte von verschiedenen Qualifikationsständen braucht, in Österreich und auch anderen europäischen Ländern.

Welche Rolle spielt das Internet bzw. Social Media für die Migration und Integration? Erleichtert sie oder hemmt sie den Eingliederungsmechanismus in eine neue Gesellschaft?

Die neuen Medien machen es viel leichter durch Skype, Handys, Internet usw. den Kontakt aufrechtzuerhalten. Wir sehen die Entwicklung eines transnationalen Bewusstseins, wo sich Menschen in mehreren Gesellschaften zu Hause fühlen oder Anbindungen haben. Das ist aber nicht nur für Migranten der Fall. Es gibt beispielsweise übergreifende Kulturgemeinschaften. Auch für Leute, die nie ausgewandert sind, sich aber an anderen Kulturen orientieren.

Es ist wichtig, dass wir versuchen, diese Veränderung zu verstehen. Die Kulturen werden viel offener. Und ganz getrennte nationale Identitäten werden aufgrund der vielen Wahlmöglichkeiten langsam schwächer. Dabei ist die Herausforderung natürlich, das Positive an der eigenen Kultur beizubehalten. Ohne das als Ausschlussmechanismus zu sehen.

Sie erwähnten in Ihrem Vortrag, dass es neue Formen der Migration gäbe. Eine davon bezeichneten Sie als Lifestylemigration. Was genau beschreibt diese neue Form der Migration?

Lifestylemigration sieht man interessanterweise sowohl bei älteren, als auch bei jüngeren Leuten. Junge Leute wollen in anderen Ländern leben, da es oft mit beruflichem Fortkommen verbunden ist, oder um einfach neue Erfahrungen zu sammeln. Manchmal aber auch um an einem Ort zu leben, wo das Klima oder die Lebensweise anders ist. Ältere Menschen wollen zum Teil im Ruhestand in Länder gehen, wo das Klima besser oder das Leben billiger ist.

Ich habe mit einem marokkanischen Geografen zusammengearbeitet, der via Satellitenbilder versucht hat herauszufinden, wie viele Häuser in großen marokkanischen Städten wie Marrakesch und Fès Europäern gehören. Viele Franzosen, Deutsche, Dänen und andere Leute aus ziemlich reichen Ländern wandern nach Marokko aus und kaufen dort Häuser, die sie entweder zum Leben oder zum Hotelbetrieb nutzen.

Diese starke Nord - Südwanderung ist weltweit erkennbar. Zum Beispiel ziehen viele Amerikaner, nach Mexiko, weil das Leben dort vielleicht billiger oder angenehmer ist. Oder Japaner auf die Philippinen. Das ist ein relativ neues Phänomen.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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