Standort: science.ORF.at / Meldung: "Überraschende Wirkung von Antidepressiva"

Eine Frau hält sich vor einer hektischen Umgebung den Kopf.

Überraschende Wirkung von Antidepressiva

Eine vermeintliche Begleitwirkung von Antidepressiva könnte laut einer neuen Studie viel wichtiger sein als bisher angenommen. Die Entdeckung könnte zu einem neuen Ansatz in der Bekämpfung von Depressionen führen.

Pharmazie 12.07.2013

Viele Medikamente gegen Depressionen mindern ganz nebenbei auch den Gehalt des fettähnlichen Stoffes Ceramid in Nervenzellen. "Doch genau dieser Effekt scheint in Wirklichkeit eine zentrale Rolle zu spielen, um wieder in eine positive Stimmung zu kommen", sagte einer der beiden Hauptautoren der siebenjährigen Studie, Johannes Kornhuber von der Universität Erlangen-Nürnberg, der Nachrichtenagentur dpa.

Die Studie:

"Acid sphingomyelinase–ceramide system mediates effects of antidepressant drugs" von Erich Gulbins und Kollegen ist am 16.6.2013 in "Nature Medicine" erschienen.

Stoff, der Bildung von Gehirnzellen mindert

Wie die Wissenschaftler bei Mäusen herausfanden, hemmt Ceramid die Bildung neuer Nervenzellen in einem besonderen Bereich des Gehirns, dem Hippocampus - eine bisher völlig unbeachtete Wirkung. Werde Ceramid reduziert, könnten sich neue Nervenzellen bilden und die Stimmung verbessere sich wieder.

Lassen sich die Aussagen bestätigen, hätten die Forscher zugleich eine neue Ursache der Krankheit entdeckt. "Unsere Annahme ist, dass es bei Depressionen zu viel Ceramid gibt", sagte Kornhuber, der die Abteilung Psychiatrie am Universitätsklinikum Erlangen leitet. Auch Stress könne die Neubildung von Nervenzellen verhindern.

Könnte langsame Wirkung von Antidepressiva klären

Bisher sei man davon ausgegangen, dass in erster Linie eine reduzierte Signalübertragung im Gehirn Depressionen auslöse, erläuterte Kornhuber. Die stimmungsaufhellende Wirkung der bekannten Medikamente wurde deshalb sogenannten Botenstoffen zugeschrieben, die diese Blockade lösen.

"Botenstoffe wirken aber schnell; eine Verbesserung müsste somit innerhalb weniger Stunden einsetzen", erklärte Kornhuber. Tatsächlich wirkten Antidepressiva aber erst nach mehreren Wochen. "Das war schon ein Hinweis auf weitere Wirkmechanismen."

Die bisher im Tierversuch erprobte Therapie soll in einem nächsten Schritt auf Menschen übertragen werden. "Wir sind da sehr zuversichtlich", sagte Kornhuber. Bei neuen Medikamenten könne die Begleitwirkung nun zur Hauptwirkung gemacht werden. Bis ein neues Mittel genehmigt werde, vergingen allerdings mehrere Jahre.

science.ORF.at/dpa

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