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eine Frau zupft Cello

Sexuelle Belästigung an Musikunis

Studien gehen davon aus, dass bis zu 80 Prozent aller Frauen im Lauf ihres Lebens sexuell belästigt werden. Direkte Abhängigkeitsverhältnisse fördern das Risiko von Belästigungen. Insofern ist es kein Wunder, das auch Musik- und Kunsthochschulen betroffen sind. Im Vergleich zu anderen Universitäten kommen dort aber noch einige Besonderheiten hinzu.

Hochschulen 12.07.2013

Zum einen der Einzelunterricht: Lehrende und Studierende üben Gesang, Instrument oder Schauspiel häufig zu zweit in einem Raum. Niemand Dritter sieht zu. Dazu kommt die Emotion, die beim künstlerischen Ausdruck immer zentral ist. "Kunst kann eine Droge sein, sie läuft stark über Gefühle, da kann es zu emotionalen Verwirrungen kommen", beschreibt es Ulrike Sych, ausgebildete Sängerin und Vizerektorin an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw).

Verbunden damit ist auch eine gewisse Körperlichkeit, ohne die Musik - im Gegensatz vermutlich zu Jus oder Germanistik - nicht funktioniert. "Die Chance, dass man von einer Lehrkraft angefasst wird, ist sehr hoch, etwa wenn man eine Körperhaltung am Instrument zeigen möchte", erklärt Sych. "Wobei es einen klaren Unterschied gibt zwischen didaktisch-methodischem Anfassen und einer Belästigung."

Eine weitere Besonderheit betrifft die Arbeitssituation. Viele Lehrer an Kunst- und Musikunis sind bekannte Persönlichkeiten und international gut vernetzt. Das kann zum Problem werden, wenn Studierende Personen eine Belästigung melden, wie Sych erzählt. "Es hat Fälle gegeben, wo es die Betroffenen dann schwer hatten, einen Job zu finden, weil die Netzwerke der Täter oder Täterinnen das verhindern."

Belästigung für Musikerinnen Alltag

Ob sexuelle Belästigung deshalb an Kunsthochschulen verbreiteter ist als an anderen Universitäten? Ulrike Sych glaubt das nicht. Eine Schweizer Studie ist zu dem Schluss gekommen, dass sich 20 Prozent der Studentinnen an Musikkonservatorien sexuell belästigt fühlen und fünf Prozent der Studenten. Empirische Daten dazu für Österreich gibt es hingegen keine.

Edda Breit, Cellistin, Kammermusikerin und mdw-Absolventin, hat sich dieser Frage gewidmet. "Für meine Diplomarbeit habe ich Musikerinnen interviewt, und da hat sich gezeigt, dass sexuelle Belästigung für sie Alltag ist. Das reicht von abwertenden Bemerkungen bis zur Nötigung. In Orchestern versuchen einige Instrumentengruppen Frauen auszuschließen. Eine Musikerin lebte jahrelang in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem 'Mentor' samt sexuellen Kontakten. Im Nachhinein betrachtet ein klarer Fall von Missbrauch."

Die Täter und die Opfer

Ulrike Sych war jahrelang die Gleichbehandlungsbeauftragte an der mdw und hat dabei "wilde Sachen erlebt". Generell gebe es zwei Hauptgruppen bei sexuellen Belästigungsfällen: "Das sind männliche Lehrende und weibliche Studierende. Und zwar sowohl bei den Täter- als auch bei den Opferpersonen."

Mit anderen Worten: Studentinnen werden viel eher von Musiklehrern belästigt als Studenten von Lehrerinnen (was nicht zuletzt an der hohen Anzahl von Männern im Lehrbereich und von Frauen unter den Studierenden liegt). Umgekehrt gibt es auch eine nicht geringe Anzahl von Studentinnen, die ihre Lehrer belästigen oder sie fälschlich beschuldigen.

Statistisch aussagekräftig ist das freilich nicht. "Studierende tun sich viel schwerer, eine Belästigung zu melden. Sie sind von den Lehrenden abhängig, und es bedarf eines großen Mutes, mit so einer Geschichte in die Gleichbehandlung oder ins Rektorat zu gehen", erzählt Sych von ihren Erfahrungen.

Komplizierte und eindeutige Fälle

Sie empfiehlt es dennoch jeder und jedem und versichert, dass an der mdw dabei "Zero Tolerance" herrsche. "Wenn es einen Fall gibt, wird sofort Meldung beim Rektor gemacht. Das geht bei uns sehr schnell. Die Betroffenen stehen sofort unter dem persönlichen Schutz des Rektors. Es muss sofort der Lehrer gewechselt werden, manche Studierende brauchen auch Psychologen, die wir vermitteln."

Zu Beginn müsse natürlich eruiert werden, was tatsächlich geschehen ist. Das ist nicht immer ganz eindeutig. "Es gibt auch Fälle, wo Vorwürfe nicht gestimmt haben, und das Motiv ganz einfach war: Ich habe eine schlechte Note erhalten und will dem Lehrer oder der Lehrerin eines auswischen", sagt Sych. Es gebe aber auch andere, sehr eindeutige Fälle.

"Oft dauert es dabei sehr lange, bis sich die studierende Person traut das zu melden. Dann kommt es vor, dass eine Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, und sich auch viele Absolventen oder Absolventinnen melden, die die Vorwürfe bestätigen. Unter dem Motto 'Das war doch damals schon der Running Gag, dass der Soundso jeder auf den Busen greift'. Wenn so etwas geschieht, und das kommt vor, dann wird es eng für die Lehrkraft."

Was dann geschieht? "Das kommt drauf an", sagt Sych. "Wenn der Fall eindeutig ist, wird die Lehrkraft suspendiert. Sie bekommt Hausverbot, muss vom Unterricht fernbleiben. Mögliche Konsequenzen reichen vom Disziplinarverfahren bis zur Entlassung."

Wie man vorbeugen kann

Bleibt die Frage, was man tun kann, um sexuelle Belästigungen in dieser speziellen Situation unwahrscheinlicher werden zu lassen. Eine Möglichkeit liegt in Prävention, wie Ulrike Sych erklärt. "An der mdw gibt es Startmodule für neue Lehrende, in denen sie lernen, was professionelle Beziehungsgestaltung bedeutet. Es werden da Fragen geklärt wie: Wie verhalte ich mich im Instrumentalunterricht, darf ich anfassen oder nicht?"

Auf den Einzelunterricht komplett verzichten will die Vizerektorin nicht. Man könnte ihn freilich ändern und öffnen, wie Edda Breit vorschlägt: "Prinzipiell ist die 1:1-Unterrichtssituation ja etwas sehr Schönes. Die Betreuung, die Musikstudierende bekommen, wäre an anderen Unis wünschenswert. Aber man könnte den Einzelunterricht öffnen und anderen Studierenden die Möglichkeit geben zuhören. Dadurch wäre die Gefahr von Übergriffen nicht mehr so groß."

Rechtliche Änderungen?

Breit hält den Umgang mit Fällen sexueller Belästigung an der mdw prinzipiell für beispiel- und vorbildhaft für andere Musikhochschulen. Dennoch würden Prävention und konsequente Verfolgung der Fälle alleine nicht ausreichen. "Wichtig wäre es auch, sich das Recht anzuschauen. Es gibt Paragraphen im Strafrecht zum Missbrauch von Autoritätsverhältnissen, die aber nur Minderjährige und Personen in psychotherapeutischer Behandlung schützen. Ich würde es gut finden, wenn man diesen Personenkreis erweitert - etwa auf Musikstudierende, die sich im Einzelunterricht mit Lehrpersonen befinden."

Wichtig sei es auch, die Verjährungsfristen zu überdenken: Sie liegen bei sexueller Belästigung derzeit bei einem Jahr. "Bis sich eine Studentin eingesteht, dass da etwas vorgefallen ist, kann ein Jahr schnell vergehen, und dann kann im Straf- und Zivilrecht nichts mehr getan werden", sagt Breit.

Amerikanische Verhältnisse nicht zu befürchten

Das Thema "sexuelle Belästigung" ist bei vielen umstritten. Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Manche befürchten im schlimmsten Fall "amerikanische Verhältnisse", wo sich niemand mehr traut ohne Dritten im Aufzug zu fahren, aus Angst vor falschen Vorwürfen.

Edda Breit befürchtet dies nicht. "Amerikanische Verhältnisse in dem Sinne, dass man jede kleinste erotische Regung unterbindet, sehe ich nicht. Aber wenn Universitäten von ganz oben signalisieren, dass sie sexuelle Belästigung nicht dulden und dies bis zu den Studierenden vordringt, dann haben wir eine Chance, die bestehenden Verhältnisse zu ändern. Die Lehrenden müssen begreifen, dass sie für die Gestaltung der Beziehungen verantwortlich sind und nicht die Studierenden."

Zwar gebe es durch die Diskussion des Themas an den Unis eine starke Verunsicherung der Lehrenden. "Das finde ich aber gut", sagt Breit. "Wenn sie ihre Rolle hinterfragen, ist schon viel gewonnen."

Liebe ist unerwünscht

Ulrike Sych pflichtet dem bei. "Ich glaube auch nicht, dass wir in die andere Richtung verkrampfen. Mein Wunsch ist, dass sich alle so benehmen, dass sich alle wohlfühlen an der Uni. Man kann sich nur dann als Künstler oder Künstlerin entfalten, wenn man sich wohlfühlt. Dazu brauchen wir keine verkrampften Regeln."

Letzte Frage: Was ist, wenn im Zuge der aufgewirbelten Emotionen im Musikunterricht tatsächlich beidseitige Liebe im Spiel ist? Ulrike Sych findet das "auch nicht ideal". Zwar könne es immer passieren, dass sich zwei ineinander verlieben.

"Es ist aber gesetzlich verankert, dass die Lehrkraft Objektivität zu wahren hat. Wir handhaben das so, dass die Studierende sofort den Lehrer zu wechseln hat, ansonsten gibt es Konsequenzen. Liebesbeziehungen sind bei uns nicht erwünscht."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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