Standort: science.ORF.at / Meldung: "Im Körper eines Kindes "

Der kindliche Avatar winkt.

Im Körper eines Kindes

Die Welt aus den Augen eines Kindes betrachten - mit Hilfe von Virtual Reality ist das schon lange möglich. Wie ändert sich das Selbstbild eines Erwachsenen, der plötzlich im Körper eines Vierjährigen steckt? Eine Studie gibt die Antwort.

Virtuelle Wirklichkeit 16.07.2013

Der virtuelle Rollenwechsel lässt der Untersuchung zufolge die Umgebung wachsen: Offenbar entscheidet nicht nur die Körpergröße über die Wahrnehmung der Welt, sondern auch, ob der Avatar tatsächlich die Gestalt eines Kindes hat - oder schlicht ein geschrumpfter Erwachsener ist.

Die Studie:

"Illusory ownership of a virtual child body causes overestimation of object sizes and implicit attitude changes" erscheint zwischen 15. und 19. Juli 2013 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI:10.1073/pnas.1306779110).

Frei gestaltbare Kunstfiguren

Virtuelle Welten werden von vielen Menschen deshalb so gern aufgesucht, weil man die Kunstfigur, mit der man auftritt, frei gestalten kann. Da wird gern mal bei Körpergewicht, Alter und manchmal auch beim Geschlecht geschwindelt - schließlich ist Virtual Reality ja auch dazu da, dass man mit anderen Identitäten spielt.

Dass es enge Verbindungen zwischen Aussehen eines Avatars und seinem Verhalten bestehen, wurde bereits in mehreren Studien belegt. So wiesen die Sozialwissenschaftler Nick Yee und Jeremy Bailenson von der Stanford University 2007 in einer Studie nach, dass größere und attraktivere Avatare selbstbewusster auftreten - nach Proteus, einem Seegott in der griechischen Mythologie, der verschiedene Gestalten annahm, nannten sie diesen Zusammenhang "Proteus-Effekt".

Auch dass die eigene Körperwahrnehmung vom Aussehen des Avatars beeinflusst werden kann, wurde bereits experimentell nachgewiesen. Körperteile können als größer bzw. kleiner eingeschätzt werden, je nachdem, wie die virtuelle Repräsentation aussieht.

Wahrnehmung der Umgebung

Oben winkt der kindliche Avatar zurück, unten der geschrumpfte Erwachsene.

Mel Slater

Oben winkt der kindliche Avatar zurück, unten der geschrumpfte Erwachsene.

Forscher um Mel Slater von der Universität Barcelona wollten nun wissen, ob die Gestalt der virtuellen Kunstfigur auch die Wahrnehmung der Umgebung beeinflusst - und ob dabei allein die Größe der bestimmende Faktor ist.

Dazu teilten sie 30 Versuchspersonen in zwei Gruppen: Die eine Hälfte bekam ein virtuelles Alter Ego im Alter von vier Jahren zugewiesen, die andere eine Erwachsenenfigur, die auf die Größe des vierjährigen Kindes geschrumpft wurde. Alle Bewegungen der Avatare waren mit jenen der Versuchspersonen synchronisiert, wodurch eine Verschmelzung von Versuchs- und Kunstfigur suggeriert wurde.

Bei beiden Gruppen zeigte sich, dass die Verkleinerung der virtuellen Repräsentation zu einer Überdimensionierung der Umgebung führte - jedoch war der Effekt bei den "Kindern" deutlich stärker. Damit übereinstimmend gaben die Menschen mit dem kindlichen Avatar auch an, sich schnell mit der kindlichen Rolle angefreundet zu haben - während die verkleinerten Erwachsenen Probleme hatten, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden.

Erfahrung verändert Wahrnehmung

Den Grund für diese Wahrnehmungsunterschiede sehen die Forscher in der individuellen Erfahrung, auf die jeder Mensch zurückgreift. Jeder verbindet bestimmte Erinnerungen und Emotionen mit seiner Kindheit - und genau diese Assoziationen beeinflussen auch das Verhalten im virtuellen Raum.

Die durch Avatare beeinflusste Selbstwahrnehmung wird demnach nicht nur durch die Größenverhältnisse bestimmt, sondern maßgeblich durch "höherrangige kognitive Prozesse", wie die Wissenschaftler berichten.

Die Forscher wollen diese komplexe Wechselwirkung nun genauer untersuchen - unter anderem um das Potenzial veränderter Selbstwahrnehmung für Therapien zu erkunden.

Virtuell in die Rolle eines Kindes zu schlüpfen, könnte auch das Verhalten Einzelner gegenüber den jungen Mitgliedern unserer Gesellschaft verändern: So zeigte eine Studie, dass Menschen, die virtuell mit ihrem ergrauten Alter Ego zu tun hatten, im Alltag rücksichtsvoller mit Senioren umgingen. In diesem Sinn würde es wahrscheinlich nicht schaden, wenn manch Erwachsene eine Runde mit dem virtuellen Ringelspiel fahren würden.

Elke Ziegler, science.ORF.at

Mehr über Simulationen: