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Hitparade der umstrittenen Themen

Wikipedia ist mehr als ein Online-Nachschlagewerk. Einer Studie zufolge zeigen "Autorenkriege", wie gesellschaftlich umstritten manche Themen sind. Einige Kontroversen finden sich in vielen Sprachen, die meisten sind aber offenbar lokal geprägt.

Wikipedia 18.07.2013

Krieg der Autoren

Wikipedia, das nach eigenen Angaben meist benutzte Online-Lexikon der Welt, basiert auf der Arbeit von unzähligen Freiwilligen: So entstanden weltweit bis jetzt etwa 22 Millionen Artikeln in 285 Sprachen. Die größte Version, die englische, umfasst allein vier Millionen Beiträge.

Es ist wenig überraschend, dass mitunter Konflikte entstehen, wenn so viele Menschen gemeinsam an einer Sache arbeiten. Diese Auseinandersetzungen können durchaus produktiv sein und tragen zur Qualität des Ergebnisses bei - sofern sie gelöst werden können. Manchmal nehmen die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Mitarbeitern jedoch kriegsähnliche Formen an. Bei einem solchen "Edit-War" werden Änderungen des anderen augenblicklich rückgängig gemacht und vice versa.

Links:

Top Ten-Kontroversen der deutschen Wikipedia (März 2010):

  1. Kroatien
  2. Scientology
  3. Verschwörungstheorien zum 11. September
  4. Studentenverbindungen
  5. Homöopathie
  6. Adolf Hitler
  7. Jesus
  8. Hugo Chávez
  9. Grundeinkommen
  10. Rudolf Steiner

Gesellschaftlich umstritten

Derartige "Revertierungen" haben die Forscher um Taha Yasseri von der University of Oxford zur Grundlage ihrer Untersuchung gemacht. Je häufiger ein Artikel "revertiert" wird, umso kontroverser ist das Thema - so die zentrale Annahme.

Mit Hilfe einer Formel, die die Häufigkeiten gewichtet, hat das Team nun die Umstrittenheit von sämtlichen Artikeln in zehn verschiedenen Sprachversionen von Wikipedia berechnet. Die Daten stammen aus dem März 2010.

Zu den Sprachen zählen Englisch, Deutsch und Französisch, die zum Zeitpunkt der Analyse jeweils mehr als eine Million Artikel umfassten, Spanisch mit mehr als 500.000, Persisch, Tschechisch, Ungarisch, Arabisch, Rumänisch, mit jeweils mehr als 200.000 und Hebräisch mit 142.000 Einträgen. Die Autoren der Seiten kommen aus aller Welt.

Religiöse und politische Konflikte

Für jede der Sprache haben die Autoren Top-Ten-Listen erstellt. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass sich manche Themen in allen Rankings finden, andere hingegen einen lokalen politischen bzw. kulturellen Hintergrund haben. Jesus beispielsweise findet sich in der deutschen, der englischen, der französischen sowie der tschechischen Version unter den Top Zehn.

Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

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Generell spielen religiöse und politische "Edit-Wars" in allen untersuchten Sprachen die wichtigste Rolle, allerdings meist in lokaler Ausprägung. So findet sich etwa George W. Bush auf Platz eins der englischen Liste, Ségolène Royal belegt dieselbe Position in der französischen Version.

Auf Platz eins der deutschen Version befand sich zum Zeitpunkt der Analyse übrigens Kroatien, vermutlich auch nicht ganz ohne politische Hintergründe, Platz zwei belegte Scientology, Platz drei Verschwörungstheorien zu 9/11. Auch Adolf Hitler darf auf der Liste natürlich nicht fehlen, er belegte Platz sechs, nach Homöopathie und vor Jesus.

Kulturelle Prägung

Laut den Forschern gibt es Themen, die in allen untersuchten Versionen zu den umstrittenen Inhalten zählen, wie Israel, Adolf Hitler, Holocaust und Gott. Die meisten der kontroversen Themen sind aber sprachabhängig.

Bei den erstellten Listen handelt es sich natürlich um eine Momentaufnahme, wie die Autoren der Studie betonen. Die Umstrittenheit selbst sei allerdings eine dynamische Eigenschaft. Man könnte damit also auch die Veränderung von Konflikten "messen" bzw. feststellen, für welche Themen Menschen in anderen Regionen und Kulturen zurzeit kämpfen würden.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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