Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wie kriegerisch ist der Mensch?"

Soldaten vor Sonnenuntergang

Wie kriegerisch ist der Mensch?

Einer weit verbreiteten Annahme zufolge liegt Krieg dem Menschen gewissermaßen im Blut. Ein Studie an heute lebenden Jäger-und-Sammler-Gesellschaften widerspricht: Gewalt kommt dort in der Regel innerhalb der Familie oder Gruppe vor, fremde Gegner sind selten.

Anthropologie 19.07.2013

Gewalt als Teil der Natur

Gewalt und Aggressivität sind dem Menschen in die Wiege gelegt, erst im Lauf der kulturellen Evolution und des Zivilisationsprozesses sind wir immer friedlicher geworden - so sieht es etwa der renommierte Harvard-Forscher Steven Pinker, wie er in seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch "Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit" detailliert ausführt. Demnach lebte es sich statistisch betrachtet in frühen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften viel gefährlicher; die Chance, eines gewaltsamen Todes zu sterben, sei damals deutlich höher gewesen.

Die Studie in "Science":

"Lethal Aggression in Mobile Forager Bands and Implications for the Origins of War" von Douglas P. Fry und Patrik Söderberg, erschienen am 19. Juli 2013.

Auch die Wurzeln von systematischer Gewalt und kriegerischen Konflikten sollen in unserer fernen Vergangenheit liegen. Auf der Suche nach Indizien für derartige Thesen untersuchen Forscher heute lebende Jäger-und-Sammler-Kulturen, sie dienen als Modell für den frühen Menschen - naturgemäß mit manchen Einschränkungen, denn die heutigen Umstände sind nicht eins zu eins vergleichbar.

Friedlich oder kriegerisch?

Ganz eindeutig dürfte zudem die Beweislage hinsichtlich des Konfliktverhaltens nicht sein, denn an der Frage, wie kriegerisch diese einfachen Gesellschaftsformen sind, scheiden sich die Geister. Manche Anthropologen attestieren den meisten Jägern und Sammlern ein friedvolles Dasein, die nur zum Zweck des Handels mit anderen in Kontakt treten. Andere berichten von häufigen, blutigen Auseinandersetzungen zwischen benachbarten Gruppen.

Dabei geht es nicht nur um eine rein akademische Frage. Denn wenn Kriegeführen bereits ein typisches Merkmal von einfachen Gesellschaften war, hat dies die menschliche Entwicklung vermutlich entscheidend geprägt.

Persönliche Motive

Die Forscher um Douglas P. Fry von der finnischen Abo Akademi University haben der Debatte nun ein weiteres Kapitel hinzugefügt, und zwar auf Seiten der Gegner der Kriegsthese. Dafür haben sie eine der größten ethnographischen Datenbasen, das "Standard Cross-Cultural Sample" (SCCS), analysiert. Diese wurde bereits in den 1980er Jahren von Anthropologen zusammengestellt. Frys Team hat daraus die Daten zu allen Jäger-und-Sammler-Kulturen entnommen, die nomadisch leben und 95 Prozent ihrer Nahrung durch Jagen, Sammeln und Fischen erwirtschaften. Übrig geblieben sind 21 Stämme, darunter die !Kung in Südafrika, die Semang in Malysien, die Hadza in Tansania und die Tiwi in Australien.

Die Forscher zählten insgesamt 148 Fälle von tödlicher Aggression, also durchschnittlich vier pro Gesellschaft, wobei in manchen Gruppen kein einziger gewaltsamer Todesfall dokumentiert war, in einer einzigen allerdings sogar 69. Letzteres betrifft die australischen Tiwi, die offensichtlich ein ziemlich gewaltfreudiges Volk sind. Entfernt man sie aus der Statistik, bleibt insgesamt ein bei Weitem friedvolleres Bild übrig.

Bei näherer Betrachtung der Unglücksfälle zeigte sich, dass der größte Teil davon, nämlich 85 Prozent, innerhalb der Gruppe stattfanden. D.h., die meisten Getöteten waren Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde und Bekannte. Zudem waren in der Regel bloß zwei Personen beteiligt, der Mörder und das Opfer. Die Motive waren in der Regel persönlicher Natur, z.B. Eifersucht oder Rache. Bei den tödlichen Auseinandersetzungen handelt es sich also im überwiegenden Teil der Fälle um Mord oder Familienfehden, wie die Forscher schlussfolgern. Hinweise auf größere Konflikte oder gar auf Krieg gebe es in ihren Daten kaum. Das zeige, dass diese Verhaltensweise uns nicht einfach "im Blut" liegt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt der Menschgeschichte erst aufgetaucht ist.

Gute Frage: Was ist Krieg?

"Meiner Ansicht nach ist der typische Jäger-und-Sammler nicht kriegerisch", so Fry in einem begleitenden Newsartikel zur Studie im "Science". Darin kommen aber auch Kritiker der aktuellen Studie zu Wort.

So bekrittelt etwa der Anthropologe Kim Hill von der Arizona State University die Methode der Forscher. Er hält die SCCS-Datenbasis für "eine reine Anekdotensammlung". Er selbst habe Daten zur Kriegsführung in umfassenden Feldstudien gesammelt und dabei auch sehr kriegerische Gruppen gefunden. Kriegerische Auseinandersetzungen waren ihmzufolge häufig genug, um die menschliche Entwicklung tatsächlich zu beeinflussen. Krieg habe z.B. die Kooperation innerhalb der Gruppe gestärkt.

Die Kritik entzündet sich aber auch an der Definition von Krieg. Laut Hill ist es kurzsichtig, nicht von Krieg zu sprechen, nur weil es persönliche Motive gibt. Gerade diese könnten in kleinen Gesellschaften zu Krieg führen. "Fehden sind Krieg, Rache ist nichts anderes als Krieg", so Hill - wie es aussieht, wird der "Krieg" um unsere kriegerischen Wurzeln noch eine Weile dauern.

Eva Obermüller, science.ORF.at

Mehr zum Thema: