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Test des neuen Navigationssystems für Blinde

Ein Stadtplan fürs Ohr

Dank Smartphones gehört die GPS-Navigation heute zum Alltag. Obwohl auch Blinde und Sehbehinderte gängige Navigationssysteme verwenden, auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind sie nicht. Wie man geografische Daten nicht für das Auge optimiert und darstellt, untersuchen mehrere europäische Forschungsinstitute und Firmen im EU-Projekt "Argus".

Technologie 22.07.2013

Herauskommen soll in ein bis zwei Jahren unter anderem eine alternative Navigationshilfe für das Smartphone, wie der Projektkoordinator Wolfgang Wasserburger im Interview erklärt.

Zur Person:

Wolfgang Wasserburger ist Senior Consultant am Central European Institute of Technology (CEIT) mit Sitz in Schwechat. Zu seinen Schwerpunkten gehören Raum- und Verkehrsplanung. Derzeit entwickeln er und seine Kollegen und Kolleginnen ein alternatives Routingsystem. An dem Projekt sind neben dem Schwechater Forschungsinstitut auch mehrere Firmen aus Spanien, Großbritannien und Deutschland beteiligt.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

"Das Smartphone als Blindenhund - Technologien für Menschen mit Behinderung: matrix - computer & neue medien, 21.07., 22:30 Uhr.

Welche Probleme haben Blinde, wenn sie mit einem gewöhnlichen GPS-Gerät oder einer Smartphone-App navigieren?

Wolfgang Wasserburger: Das größte Problem ist, dass die derzeitige satellitenbasierte Standortbestimmung zu ungenau ist. GPS liefert in der öffentlichen Version eine Genauigkeit von nur zehn Metern. Das ist zu ungenau, wenn ich wissen will, ob ich auf der linken oder rechten Straßenseite stehe. Blinde und Sehbehinderte können außerdem mit der Angabe von Entfernungen in Metern oder Schritten oft wenig anfangen. Dafür orientieren sie sich lieber an markanten Stellen, die etwa durch einen speziellen Geruch oder Lärm auffallen, etwa Kreuzungen.

Was kann das Projekt Argus bieten?

Wir arbeiten nicht mit gesprochenen Wegansagen á la "in 100 Metern links abbiegen", sondern mit sogenannten 3D-Tönen. Das heißt man hört über Kopfhörer ein bestimmtes Audiosignal, zum Beispiel ein Glöckchen etwas weiter links oder rechts. Diesem Geräusch folgt der Blinde und kann sich dadurch im Raum orientieren. Wir haben des bereits in einem großen Feldversuch in Paderborn getestet und sehr gute Ergebnisse erzielt. Da sich Blinde durch Kopfhörer natürlich nicht völlig von ihrer Umwelt abkapseln können, arbeiten wir mit Kopfhörern, die das Ohr frei lassen, also auf das Innenohr oder das Ohrläppchen wirken.

Auch wenn geografische Informationen nicht als Bild, sondern durch Töne dargestellt werden, das Problem der Genauigkeit bleibt doch?

Wir setzten auf das europäische Navigationssatellitensystem Galileo. Momentan ist es noch in Entwicklung. 2014 soll es in Betrieb gehen. An die 30 Satelliten werden in den kommenden Jahren gestartet. Mit dem System wird man eine Genauigkeit von bis zu einem Meter erzielen können. Das ist eine deutliche Verbesserung zum amerikanischen GPS-System.

GPS ist ja nur in der offenen Version so ungenau. Dem US-amerikanischen Militär stehen deutlich genauere verschlüsselte Signale zur Verfügung. Ist so eine Trennung in zivile und militärische Anwendungen bei Galileo nicht vorgesehen?

Auch beim europäischen Satellitennavigationssystem wird es eine Trennung geben. Sie ist sogar noch differenzierter, in mehrere Stufen. So wird es neben staatlichen Diensten, die dem Geheimdiensten, der Polizei und dem Militär zur Verfügung stehen wird unter anderem auch einen Such- und Rettungsdienst geben. Mit ihm sollen weltweit Notsender von Schiffen oder Flugzeugen schneller geortet werden. Diese Dienste erlauben Ortungen im Zentimeterbereich. Die zivile Anwendung erlaubt, wie gesagt, eine Genauigkeit auf immerhin bis zu einem Meter.

Als Sehender orientiere ich mich auch anhand von markanten Punkten, gewissen Gebäuden oder Geschäften. Spielen sogenannte Points of Interests (POI) auch in der Navigation Blinder eine Rolle?

Natürlich, aber es sind meist ganz andere, als für Sehende. Bei Geschäften, sind etwa jene interessant, die einen bestimmten Lärm erzeugen oder Geruch aussenden, interessant. Springbrunnen sind eine ganz wichtiger Orientierungshilfe. In der Smartphone-App, die wir im Projekt Argus entwickeln wollen, sollen auch diese POIs angesagt werden.

Zu detailliert dürfen Informationen aber auch nicht sein, oder?

Sehende können überflüssige Infos auf dem Display einfach ausblenden oder ignorieren. Blinde sind darauf angewiesen, dass sie nur die wirklich relevanten Informationen mitgeteilt bekommen. Wir werden mit Filtern arbeiten, d.h. der Nutzer soll wählen können, welche Zusatzinformationen er bekommt. Derartige konkrete Zusatzinformationen gibt es auch ganz greifbar an manchen Stellen im öffentlichen Raum, in Form von Blindenleitsystemen. Diese spielen für Blinde übrigens oft eine untergeordnete Rolle. Das war auch einer der Lerneffekte des Projektes. Blinde fahren meist lieber mit der Rolltreppe als mit dem vergleichsweise sichereren Aufzug, weil sie schneller sind.

Mit welchen Karten beziehungsweise, welchen Geodaten arbeiten Sie?

Momentan zu Testzwecken mit Open Street Map. Da gibt es allerdings an vielen Stellen Probleme mit der Genauigkeit. Wir bauen das System so auf, dass man genauere Daten einbinden kann. Etwa solche der Stadt Wien, mit denen man Gehsteige wirklich getrennt erfassen und angeben kann.

Interview: Anna Masoner, Ö1 Wissenschaft

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