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Pupille und Iris eine menschlichen Auges

Künstliche Netzhaut imitiert Sehzellen

Die Entwicklung eines künstlichen Auges schreitet weiter voran. Kürzlich wurde ein Netzhaut-Implantat für den europäischen Markt zugelassen, das ganz ohne Spezialbrillen oder Zusatzkameras auskommt. Blinde, deren Netzhaut durch eine Krankheit zerstört ist, können damit wieder schemenhaft sehen.

Medizin 30.07.2013

Allerdings kommt ein Implantat derzeit nur für wenige Personen in Frage, weil nur die Netzhaut, nicht aber der Sehnerv oder die Sehbahn der Grund für die Blindheit sein darf.

Schemenhaftes Sehen

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Netzhautimplantat berichtete auch "Wissen Aktuell" am 30. Juli 2013 um 13.55 Uhr.

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Drei mal drei Millimeter groß ist der winzige Mikrochip. In einer zehn Stunden dauernden Operation wird er ins Auge eingesetzt, danach können Blinde wieder schemenhaft sehen, sagt Ursula Schmidt-Erfurth, Leiterin der Wiener Universitäts-Augenklinik: "Man kann bewegte große Objekte, Autos zum Beispiel erkennen, man kann sehen, ob eine Tür geschlossen ist oder offen steht, den Weg, auf dem man geht etwas besser erkennen und größere Gegenstände erraten".

Winzige, lichtempfindliche Elemente an der Oberfläche des Chips geben Lichtreize an den Sehnerv weiter. Der Mikrochip imitiert so Teile eines gesunden Auges, erklärt Schmidt-Erfurth: "Die Sinneszellen, die Lichtreize wahrnehmen, bestehen aus zwei verschiedenen Typen. Erstens sind das die Stäbchen, die außerhalb des Netzhautzentrums sitzen. Hier kann man Umrisse sehen, bewegte Objekte erkennen und große Gegenstände, aber kein Farbensehen zum Beispiel."

Dafür seien die sogenannten Zapfen zuständig, die im Zentrum der Netzhaut zu finden und komplizierter aufgebaut sind, so Schmidt-Erfurth. Nur die Stäbchen kann der implantierte Mikrochip ersetzen, also jene Zellen, die für das schemenhafte Schwarz-Weiß Sehen zuständig sind.

Nur für kleine Gruppe

In Frage kommt ein Implantat außerdem nur für Patienten und Patientinnen, bei denen lediglich die Netzhaut betroffen ist, aber nicht die Sehbahn und nicht der Sehnerv.

Entwickelt wurde das Implantat für jene Menschen, die an der Krankheit Retinitis Pigmentosa leiden, einer Augenerkrankung, die die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut zerstört. Man hofft aber, dass die Technologie in Zukunft auch auf andere Formen von Netzhauterkrankungen angewendet werden kann.

Zwei Technologien im Praxistest

Vor zwei Jahren wurde ein erstes Implantat in Europa zugelassen. Der Unterschied zum kürzlich vorgestellten: Das 2011 zugelassene Implantat Argus II besitzt rund 50 Elektroden um Lichtreize aufzunehmen, das neue, in Tübingen entwickelte Netzhaut-Implantat mit dem Namen Alpha IMS besitzt 1.500 Elektroden. Außerdem benötigt man für die 2011 zugelassene Variante zusätzlich eine Spezialbrille mit eingebauter Kamera. Derartiges Zusatz-Equipment ist bei der kürzlich vorgestellten Technologie nicht mehr nötig, auch die Stromversorgung des Chips wird mit implantiert.

Die höhere Anzahl an lichtempfindlichen Elektroden sei kein Garant dafür, dass auch das Seh-Ergebnis besser ist, sagt Michaela Velikay-Parel von der Uniklinik Graz im Gespräch mit Ö1. Sie leitet den österreichischen Teil einer europaweiten Studie zu Netzhautimplantaten. Velikay-Parel nennt als Beispiel die Cochlear-Implantate, die es gehörlosen Menschen ermöglichen, wieder zu hören. Bei ihnen habe sich gezeigt, dass gerade weniger Elektroden oft zu einem besseren Hörergebnis führen. Velikay-Parel hält für denkbar, dass dies bei Netzhaut-Implantaten ähnlich sein könnte. Welches der beiden Implantate die besseren Ergebnisse erzielt, wird nun getestet. Ein Netzhautimplantat erhält man daher auch nur im Rahmen von medizinischen Studien, Informationen dazu bietet die Uniklinik Graz.

Alexandra Siebenhofer, Ö1 Wissenschaft

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