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Porträtfoto von Antonio Negri

Praxis: Der optimistische Revolutionär

Der italienische Soziologe und Philosoph Antonio Negri gilt als einer der führenden Intellektuellen der Gegenwart. Seit den frühen 1960er Jahren beteiligte er sich an politischen Revolten und Demonstrationen. Im ersten Teil eines Porträts anlässlich seines 80. Geburtstags am 1. August erzählt Negri von seinem revolutionären Leben.

Antonio Negri 1 01.08.2013

Negri hat in einem langen Gespräch in seiner Wohnung in Venedig mit dem Autor in einer lockeren Atmosphäre gesprochen. Noch immer wirkt er äußerst kämpferisch, er gestikuliert leidenschaftlich, wenn er über sein theoretisches Programm spricht.

Die Schilderungen der politischen Aktionen, die in Fabriksbesetzungen, Demonstrationen und der Blockade der Biennale im Jahr 1968 bestanden, werden häufig von einem Gelächter unterbrochen, das zeigt, dass er sich auch heute noch über seine subversiven Tätigkeiten freut.

Krise von Kapitalismus und Demokratie

Übersetzung des Interviews mit Antonio Negri: Dieter Alexander Behr

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen: Revolutionärer Optimismus, Zum 80. Geburtstag des italienischen Soziologen, Philosophen und Politaktivisten Antonio Negri, am 1. August, 19.05 Uhr.

Bücher:

Michael Hardt/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung, Campus Verlag
Michael HardtAntonio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums, Campus Verlag
Michael Hardt und Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen, Campus Verlag

Sekundärliteratur:
Martin Birkner/Robert Foltin: (Post)-Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Eine Einführung, Schmetterling Verlag
Manfred Lauermann: Michael Hardt & Antonio Negri. Kulturrevolution durch Multitudo, in: Stephan Moebius/Dirk Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart, VS Verlag für Sozialwissenschaften

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Mit großer Vehemenz beschreibt Negri die Folgen des globalisierten Kapitalismus, der - verbunden mit der unersättlichen Profitgier einer geringen Anzahl von international vernetzten Bankern - für eine soziale Panik sorgt, die heute selbst die Mittelschichten erfasst hat. Hier finde man die Angst, die Miete nicht zahlen zu können, meint Negri, nicht genug Geld zu haben, um bis zum Monatsende durchzukommen, die Furcht vor der Überschuldung, vor dem Abklemmen von Strom und Telefon und davor, sich nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee leisten zu können.

Auch um die aktuelle Situation der repräsentativen Demokratie ist es laut Negri nicht gut bestellt. Sie ist weit von ihrem Ideal entfernt, wie die um sich greifende Politikverdrossenheit belege. Diese Verdrossenheit resultiere daher, dass immer mehr hochrangige Politiker ihre Funktion dazu nützen, sich hemmungslos zu bereichern, wie Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit in Österreich, Spanien oder Tschechien zeigen.

"An diesem Punkt kommt die Frage der Repräsentation ins Spiel, die absolut zentral ist. Repräsentation existiert heute vom politischen, demokratischen Blickwinkel her schlicht nicht mehr! Es handelt sich um reinen Betrug, um eine unglaubliche Verfremdung. Wer will noch etwas wissen von diesen Ideologien und bürokratischen Apparaten, von denen die verrottende europäische Elite so gut lebte?"

Jahrzehnte lang …

Gegen die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen einer vernetzten Elite von Finanzkapital und Politik ruft Negri zu radikalem Widerstand auf. Er ist von der Empörung der Benachteiligten, der sozial Ausgeschlossenen getragen. Empörung sei der Rohstoff - meint Negri - für eine grundlegende Rebellion gegen das herrschende System.

"Bei meinen theoretischen Arbeiten war es mir stets sehr wichtig, Theorien zu entwerfen, die Klassenkämpfe unterstützen und voran zu treiben. Jede Theorie muss konkret auf Klassenkämpfe, also auf die Kämpfe der Armen gegen die Reichen, bezogen sein. Diesen Grundsatz habe ich immer verfolgt und auf diesem Terrain gearbeitet."

Geboren wurde Antonio Negri am 1. August 1933 in Padua. Er studierte Philosophie und Politikwissenschaften in Neapel, Paris, Freiburg, Hannover und Frankfurt und schloss sein Philosophiestudium mit einer Arbeit über Wilhelm Dilthey ab. Später übernahm er die Professur für Rechtsphilosophie an der Universität von Padua.

… im Klassenkampf

In diesen Jahren begann auch Negris politisches Engagement. 1967 begründete er die Gruppe Potere Operaio - unter anderen mit dem Philosophen Massimo Cacciari, der später Bürgermeister von Venedig wurde.

"Für mich war der Zeitpunkt gekommen, mich den Revolten anzuschließen. Und zwar vom Beginn der großen Bewegungen Ende der 60er Jahre bis zum heutigen Tag. Wir begannen in Porto Maghera nahe Venedig zu arbeiten, wo zu diesem Zeitpunkt rund 60.000 Arbeiter und Arbeiterinnen in der chemischen Industrie beschäftigt waren. Wir haben versucht, eine autonome Arbeiterbewegung aufzubauen. Man muss festhalten, dass die Kämpfe, die hier wie auch in den großen industriell geprägten Städten Norditaliens wie Mailand und Turin stattfanden, antiautoritär waren, gleichzeitig aber nicht vornehmlich aus dem studentischen Milieu kamen, sondern aus der Arbeiterklasse. Dies ist also ein wesentlicher Unterschied zu den Bewegungen, die während dieser Zeit in Deutschland oder in Frankreich aktiv waren."

Zusammenarbeit mit Künstlern

Die Revolte der 1968er Bewegung erfolgte in karnevalesker Form. In den Großstädten wie Mailand existierten "befreite Stadtteile", in denen sich die Bewohner selbst organisierten; sie bestimmten die Mieten und die Preise für die öffentlichen Transportmittel. In zahlreichen lautstarken Demonstrationen, die öfter zu Happenings gerieten, artikulierten sie ihre Anliegen. Zahlreiche Künstler unterstützten sie, wie Negri, auch heute noch darüber amüsiert, berichtet:

"Das war eine ganz wunderbare Zeit, in der die Bewegung sehr stark war. Es lohnt sich, Dokumentationen darüber anzusehen und die Theaterstücke, die der Schriftsteller Dario Fo über diese Zeit geschrieben hat, zu lesen. Wir haben auch mit Komponisten wie Luigi Nono zusammengearbeitet - beispielsweise bei der Blockade der Biennale im Jahr 1968. Außerdem mit Emilio Vedova, einem Maler, der ebenfalls in Venedig lebte, den wir bei Demonstrationen stets in die erste Reihe schickten, da er groß und kräftig war und die Schläge der Polizei einstecken konnte; denn hier in Venedig, in den engen Gassen, ist es nicht einfach, eine Konfrontation mit der Polizei einzugehen! In Venedig gab es noch die wichtigen Musiker Bruno Maderna und Luciano Berio, die mit den Kämpfen sympathisierten."

Gefängnisaufenthalt nach Terrorvorwurf

Die politischen Parteien reagierten auf die wachsende Selbstbestimmung mit einer scharfen Repression. Zahlreiche Mitglieder der radikalen Gruppierungen von "Autonomia Operaia" oder die Gruppe um die Zeitschrift "Lotta Continua" wurden verhaftet und erhielten hohe Gefängnisstrafen. Auch Negri war davon betroffen. Er wurde am 7. April 1979 mit anderen Intellektuellen verhaftet. Speziell Negri wurde vorgeworfen, der intellektuelle Stratege der bewaffneten Formation der "Roten Brigaden" zu sein, die den Politiker Aldo Moro entführt und ermordet hatte.

Negris Hinweis, dass er die Aktionen der "Roten Brigaden" verurteile und von ihnen dafür mit der Ermordung bedroht wurde, fand in der politisch aufgeheizten, teilweisen hysterischen Stimmung, die bewusst von den herrschenden Parteien geschürt wurde, keine Beachtung. Er verbrachte mehrere Jahre in Untersuchungshaft. Die Wahl zum Abgeordneten für die Radikale Partei verschaffte ihm 1983 kurzfristig Freiheit; sie wurde einige Monate später aufgehoben.

Flucht nach Frankreich

Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, floh Negri nach Frankreich, wo er von Intellektuellen wie Gilles Deleuze und Félix Guattari unterstützt wurde.

"In Frankreich habe ich viel mit alten Freunden zusammengearbeitet, wie zum Beispiel Etienne Balibar. Mit ihm zusammen war ich bei den ersten großen Demonstrationen der Bewegung der 'Beurs' - der Subkultur arabischer Immigranten - die um das Jahr 1984 stattfanden. Es gab den großen Streik der Studierenden im Jahr 1986, danach, in den 90er Jahren, die Besetzung der Kirche St. Bernard in Paris durch die Bewegung der 'Sans Papiers'. Bei all diesen Aktivitäten waren wir beteiligt. Zusätzlich gab ich Seminare am Collége International de Philosophie in Paris. Zusammen mit anderen Genossen und Genossinnen aus Italien, Spanien und Frankreich haben wir in diesem Rahmen gemeinsam gearbeitet und bereits Grundlagen entwickelt, die später auch in unser Buch 'Empire' einfließen sollten."

Ungebrochen, trotzt erneuten Gefängnisaufenthalts

In Paris erhielt Negri den Besuch des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Michael Hardt, der seine Schriften übersetzen wollte. Aus der Begegnung ergab sich eine enge Zusammenarbeit, die sich in Büchern wie "Empire", "Multitude", "Common Wealth" und "Demokratie!" äußerte.

Diese Zusammenarbeit setzte sich nach der Rückkehr Negris nach Italien 1997 fort. Negris Hoffnung auf Haftverschonung, die sich auf Grund der dubiosen Beweislage ergab, erwies sich als Illusion. Er musste noch mehrere Jahre im Gefängnis verbringen; erst 2003 wurde er entlassen.

Diese Jahre haben ihn psychisch nicht gebrochen; er habe niemals seine Würde verloren, sagt Negri im Gespräch. Er setze sein radikales Denken und Handeln weiter fort, allerdings bezogen auf die enormen politischen und sozialen Veränderungen der Globalisierung, die sich in den letzten Jahrzehnten ergeben haben.

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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