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Porträtfoto von Antonio Negri

Theorie: Mit Spinoza zu Glück und Liebe

In seinem theoretischen Werk analysiert Antonio Negri den postmodernen Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung. Im zweiten Teil eines Porträts zu seinem 80. Geburtstag erklärt er die dabei geprägten Begriffe wie "Empire" oder "Multitude", verweist auf seine philosophischen Wurzeln bei Spinoza und stellt sein Ziel vor: Freude, Glück und Liebe.

Antonio Negri 2 01.08.2013

Die Ursachen der aktuellen weltumspannenden Krise wurden in dem von Negri gemeinsam mit dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt verfassten Buch "Empire. Die neue Weltordnung" beschrieben. Das im Jahr 2000 publizierte Werk hat mittlerweile Kultstatus und wurde als "Kommunistisches Manifest des 21. Jahrhundert" bezeichnet.

Darin postulieren die beiden Autoren ein "Empire", eine universelle Weltordnung, die keine Zentralmacht aufweist. Diese Macht kennt kein Außen mehr, sie ist vielmehr im "Empire" als Macht präsent, die vehement in das Leben jedes Einzelnen eingreift. Negri und Hardt sprechen von "Biomacht" und nehmen dabei den griechischen Begriff "bios" auf, der das Leben in der Gesamtheit bezeichnet.

Übersetzung des Interviews mit Antonio Negri: Dieter Alexander Behr

Ö1 Sendungshinweis:

Dimensionen: Revolutionärer Optimismus, Zum 80. Geburtstag des italienischen Soziologen, Philosophen und Politaktivisten Antonio Negri, am 1. August, 19.05 Uhr.

Bücher:

Michael Hardt/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung, Campus Verlag
Michael HardtAntonio Negri: Common Wealth. Das Ende des Eigentums, Campus Verlag
Michael Hardt und Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen, Campus Verlag

Sekundärliteratur:
Martin Birkner/Robert Foltin: (Post)-Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis. Eine Einführung, Schmetterling Verlag
Manfred Lauermann: Michael Hardt & Antonio Negri. Kulturrevolution durch Multitudo, in: Stephan Moebius/Dirk Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart, VS Verlag für Sozialwissenschaften

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Multitude - die Vielfalt der Subjekte

"Biopolitik meint ein nicht zu entwirrendes Geflecht von Macht und Leben. Die Biopolitik hat das Ziel, die biologischen Prozesse der Bevölkerung wie Sexualität, Geburten- und Sterblichkeitsrate, Gesundheit, Wohnverhältnisse etc. zu regulieren und nach ökonomischen Richtlinien zu organisieren. Das Kapitalverhältnis selbst ist in den gesellschaftlichen Bereich vorgedrungen, in das Leben eines jeden einzelnen Menschen", erklärt Negri.

Das "Empire" - verstanden als die Welt des neoliberalen Finanzmarktkapitalismus mit seiner umfassende Disziplinar- und Kontrollmacht, die das Leben des Einzelnen bestimmt - bedeutet jedoch für Negri/Hardt keineswegs das Ende der Geschichte. Sie setzen ihre Hoffnungen auf eine internationale, vielschichtige Bewegung, die sie "Multitude" nennen.

Es ist dies ein schillernder Begriff, der am besten mit "Menge" oder "Vielfalt von Subjekten" übersetzt werden kann. Die "Multitude" gründet sich einerseits auf dem Widerstand der Individuen, die vom "Empire" kontrolliert und diszipliniert werden; andererseits auf die Empörung der sozial Degradierten, die als Opfer des Finanzmarktkapitalismus ihre existenziellen Grundbedürfnisse kaum mehr befriedigen können.

Ziel: Friede, Glück und Liebe

In dem ebenfalls gemeinsam verfassten und 2013 auf Deutsch erschienenen Buch "Demokratie Wofür wir kämpfen!" plädieren Hardt und Negri für eine "Demokratie der Multitude". Die Autoren orientieren sich an Bewegungen wie Occupy Wall Street, den Protestbewegungen in Spanien und Griechenland und den Revolutionen des Arabischen Frühlings.

In diesen Strömungen sehen sie Manifestationen der "Multitude", in denen die überholten Rituale der repräsentativen Demokratie durch aktive Formen der Beteiligung ersetzt werden. Die Autoren plädieren für eine allmähliche Verabschiedung des Modells der repräsentativen Demokratie durch eine vielschichtige Gesellschaft von aktiven Bürgern und Bürgerinnen.

Eine "Demokratie der Multitude", wie sie sich Hardt und Negri vorstellen, bedarf mehrerer Voraussetzungen: ein garantiertes Grundeinkommen für alle, das eine menschenwürdige Existenz ermöglicht; eine umfassende Bildung, die den Menschen befähigt, sich grundlegend zu informieren, und die globale Staatsbürgerschaft, die die Möglichkeit bietet, sich gleichberechtigt an der Regierung der globalen Gesellschaft zu beteiligen.

Diese Voraussetzungen sollen eine neue gesellschaftliche Qualität schaffen, in denen Freude, Glück und vor allem die Liebe einen zentralen Stellenwert haben.

Wurzeln bei Baruch Spinoza

Hardt und Negri beziehen sich in ihrem 2009 veröffentlichten Buch "Commonwealth Das Ende des Eigentums" auf den niederländischen Philosophen Baruch Spinoza, der von 1632 bis 1677 lebte. Warum er wichtig war und ist, erklärt er im Interview folgendermaßen:

"Ich hatte in den 1970er Jahren begonnen, zu Spinoza zu arbeiten ... Spinoza, verstanden als der Anti-Hobbes, der Anti-Leviathan, das heißt im Pantheismus ist Gott, ist Göttlichkeit in der Welt. Wir haben Gott nicht mehr notwendig, denn wir sind bereits Gott; wir sind absolut und alles, was wir machen, ist ein Absolutes. Unsere Ontologie ist eine kreative, produktive Ontologie, die sich an Spinoza orientiert. … Es lag also auf der Hand, dass das Denken Spinozas ein Denken ist, das auf dem Begehren beruht, auf Solidarität und auf Liebe. Ganz im Gegensatz zu Hobbes, dessen politische Theorie auf Angst beruht. Spinozas Ansatz repräsentiert die fortschrittlichsten revolutionären Aspekte der Renaissance. Ich spreche von der Entdeckung des Laizismus, der Erfindung der Republik, der Entdeckung des Begehrens. Spinoza spricht von der Multitude, mit ihrer Vielheit an Singularitäten, die reich ist an Begehren, an Geschichte, an Vermögen, an Arbeit und an Liebe."

Warten auf den "kairós"

Angesichts der bestehenden Verhältnisse des globalisierten Finanzkapitalismus ist die Realisierung der angestrebten "Demokratie der Multitude" ein langwieriger Prozess. In den immer wieder aufflackernden sozialen Revolten sieht Negri Versuche, diese fröhliche Utopie zu realisieren.

Die sozialen Bewegungen der Gegenwart auf den "Straßen und besetzten Plätzen", artikulieren laut Negri "mit ihren Gedanken und Taten, ihren Parolen und Sehnsüchten neue Grundsätze und Wahrheiten". Dies allein aber reicht nicht aus. Es bedarf noch eines welthistorischen Moments - den "kairós" -, um ein neues "goldenes Zeitalter" zu etablieren. Es ist dies "ein Ereignis, dessen Datum ungewiss ist", - vergleichbar mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus, den kaum jemand vorhergesehen hatte.

Kritik und aktuelle Lage

Negris These von dem prozessartigen Übergang von der repräsentativen zur aktiven, direkten Demokratie wurde vielfach kritisiert. Die Rede war von einem "neuen Messianismus", von der "Illusion einer herrschaftsfreien Gesellschaft, in der es keine Ausbeutung mehr gibt", und von einem pseudorevolutionären Wunschdenken, das an die Phase der Revolte in den 60er und 70er Jahren in Italien nahtlos anschließt.

Gegen Ende des Gesprächs kommt Negri noch auf die aktuelle politische Situation in Italien und der Welt im Allgemeinen zu sprechen. Da wirkt er resignativ, fast fatalistisch und verweist auf sein nun doch schon fortgeschrittenes Alter.

"Die politische Lage, in der Italien aktuell steckt, ist entsetzlich. Wir finden hier die verdrehtesten, mystifiziertesten Formen der Politik vor, die man sich vorstellen kann. Wir sehen, dass dieser Clown Beppo Grillo Dinge sagt, die die linken Parteien nicht über die Lippen bringen würden. Offenbar scheint das aber das Schicksal Italiens zu sein: Wir waren die ersten, die den Faschismus erlebt haben; gleichzeitig war Italien praktisch das erste Land, in dem es eine neue Form von Kämpfen einer autonomen Arbeiterbewegung gab. Wir leben sozusagen in Extremen. ... Gleichzeitig gibt es aber tatsächlich große Probleme. Selbstverständlich muss man in diesem Zusammenhang auch von den Aufbrüchen im arabischen Raum sprechen. Ich persönlich bin absolut davon überzeugt, dass diese Bewegungen weitergehen und sich weiter entwickeln werden. Wir leben heute in einer Welt, die nichts mehr mit der Welt zu tun hat, wie sie war, als ich geboren wurde."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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