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Mehl, das von einer Schaufel auf ein Häufchen rieselt

Gesund ohne Gluten?

In Anbetracht des großen Angebots an von Gluten befreiten Produkten im Supermarkt fragt man sich als ernährungsbewusster Mensch, ob man sich denn auch noch glutenfrei ernähren soll. Ist "glutenfrei" das neue Zauberwort für eine gesunde Ernährung? Harald Vogelsang, Leiter der Ambulanz für Zöliakie im AKH Wien, klärt auf.

Ernährung 09.08.2013

Laktoseintoleranz, Fruktoseintoleranz, Glutenintoleranz - Intoleranzen auf diverse Nahrungsmittel scheinen schick geworden zu sein. "Fast jeder, der Verdauungsbeschwerden hat, denkt, er habe eine Allergie oder Unverträglichkeit", meint Vogelsang.

Porträt Harald Vogelsang

Harald Vogelsang

Harald Vogelsang ist Leiter der Spezialambulanz für Zöliakie am AKH Wien

Doch was steckt nun eigentlich hinter dem Begriff Glutenunverträglichkeit? Gluten - übrigens richtig ausgesprochen mit Betonung auf dem zweiten Vokal - ist ein Klebereiweiß, das in den üblichen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste, Hafer sowie in den weizenverwandten Getreidesorten Dinkel, Kamut, Grünkern etc. enthalten ist. Bei der Unverträglichkeit auf diese Getreidesorten gibt es drei Varianten: Glutensensitivität, Zöliakie und Weizenallergie.

Drei Varianten von Unverträglichkeit

Von einer Glutensensitivität, einer symptomatischen Reaktion auf Gluten, könnten in Österreich zwischen fünf und zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sein. Vor der Diagnose einer Glutensensitivität muss allerdings eine Zöliakie ausgeschlossen werden. Hierbei handelt es sich um eine angeborene chronische Verdauungserkrankung, an der in etwa ein Prozent der Bevölkerung leidet und die nur mit einer strikten glutenfreien Diät behandelt werden kann. Als Weizenallergie, die ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung betrifft, bezeichnet man eine Allergie ausschließlich auf Weizen.

Glutensensitivität - ein neues Phänomen

Die Existenz der Glutensensitivität wurde erst in den vergangenen Jahren durch diverse Studien bestätigt, die korrekte medizinische Bezeichnung lautet: Nicht zöliakiebedingte Glutensensitivität. Aus diesem Grund weiß man noch sehr wenig über die Ursachen und Formen. So wie bei der Zöliakie können die Symptome auch bei einer Glutensensitivität von klassischen Bauchbeschwerden wie Blähungen und Durchfall bis hin zu Müdigkeit und Bauchschmerzen reichen.

Diagnose

Beim Verdacht auf Zöliakie wird zuerst das Blut auf typische Antikörper untersucht und anschließend eine Biopsie gemacht, wobei eine Gewebeprobe aus dem Zwölffingerdarm entnommen wird. Glutensensitivität ist momentan nur mittels einer Ausschlussdiagnose festzustellen.

Es wäre aber falsch, jeden Blähbauch sofort auf eine Glutenunverträglichkeit zurückzuführen. Auch andere anlagebedingte Unverträglichkeiten wie Laktose- und Fruktoseintoleranz können für solche Beschwerden verantwortlich sein. Andererseits zeigt sich gerade im Fall der Zöliakie ein besonders buntes Spektrum an Symptomen, weshalb diese Krankheit oft auch als Chamäleon bezeichnet wird. Nur in vergleichsweise wenigen Fällen äußert sich die Zöliakie mit klassischen Verdauungsbeschwerden.

"In 70 Prozent der Fälle haben die Betroffenen diese Beschwerden nicht oder kaum, weshalb viele erst spät oder gar nicht auf die Idee kommen, Zöliakie zu haben", erklärt Vogelsang. Die Glutensensitivität ist im Vergleich zur Zöliakie tatsächlich ein neueres Phänomen, was auch Vogelsang bestätigt. Er warnt aber davor, irgendwelches Halbwissen aus Büchern und dem Internet unhinterfragt zu übernehmen und auf glutenhaltige Nahrung zu verzichten.

Selbstdiagnose nicht ratsam

Generell sollte man beim Verdacht einer Glutenunverträglichkeit zuvor mit einem Arzt abklären, worauf der Körper genau reagiert. Eine Diagnose kann nämlich nur unter Einfluss von Gluten getroffen werden. Hat man aber bereits mit einer glutenfreien Ernährung begonnen, ist es im Nachhinein sehr schwierig, hinter die Ursachen und vor allem die Form der Unverträglichkeit zu kommen.

Für die Folgebehandlung ist die Abgrenzung nämlich entscheidend: Wo bei einer "einfachen" Glutensensitivität der sporadische Verzicht auf Nudeln, Bier und Pizza Abhilfe schafft, ist eine Verdauungserkrankung wie die Zöliakie mit einer lebenslangen glutenfreien Diät verbunden, die keine Ausnahmen zulässt.

Das Geschäft mit Gluten

Aber nicht nur Erwachsenen wird durch ein umfangreiches Angebot an glutenfreien Produkten suggeriert, es wäre gesund, auf Gluten zu verzichten. Im Bereich des Babynahrungssortiments bekommt alles, was nicht ohnehin reiner Obst- oder Gemüsebrei ist, den Stempel "glutenfrei" aufgedrückt. Und im Fall von Haferbrei und Co. werden Eltern sogar vor Gluten gewarnt.

"Dabei wäre es sogar wünschenswert, dass Kleinkinder nach dem Übergang auf Breinahrung auch glutenhaltige Nahrung zu sich nehmen, um eine Verdauungskrankheit wie Zöliakie so schnell wie möglich erkennen zu können", erklärt Vogelsang. Denn: "Verhindern lässt es sich sowieso nicht." Es gebe auch keinerlei Daten, die darauf hindeuten, dass eine glutenfreie Ernährung im Kleinkindalter geeignet ist, um späteren Allergien vorzubeugen. Auch wenn einem dieser Rat ab und an ans Herz gelegt wird.

Dass die wachsende Produktpalette ausschließlich dem einen Prozent an Zöliakieerkrankten gewidmet ist, ist jedenfalls zu bezweifeln. "Natürlich sieht hier die Lebensmittelindustrie eine große Chance, neue Absatzbereiche für sich zu beanspruchen", so Vogelsang. "Aber das sehen sie in vielen Bereichen, wie z. B. bei laktosefreien Produkten auch, wo sogar von Natur aus laktosefreie Produkte wie Butter den Zusatz erhalten."

Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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