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Englische Wörter in einer Grafik

Sprache: Zeitalter des Egos

Die Welt, in der wir leben, hat sich in den vergangenen 200 Jahren rasant verändert. Dieser Wandel spiegelt sich auch im Sprachgebrauch. Eine Analyse von 1,5 Millionen englischsprachigen Büchern zeigt: Heute regieren Individualismus und Materialismus.

Wandel 09.08.2013

Kulturelles Genom

Soziokulturellen Wandel quantitativ zu erfassen, war bis vor kurzem kaum möglich. Daher setzt man seit einigen Jahren große Hoffnungen auf die Digitalisierung von Büchern. Nun kann man große Datenmengen systematisch durchforsten und so langfristige gesellschaftliche Entwicklungen aufspüren. Für den neuen Weg der kulturellen Spurensuche haben Wissenschaftler um Jean-Baptiste Michel von der Harvard University vor rund zwei Jahren den Begriff "Culturomics" geprägt, ihm zufolge sind Bücher eine Art "fossiler Beleg" der menschlichen Kultur.

Michels Team hat 2010 auf Basis von Google Books einen riesigen Datensatz von 5,2 Millionen Büchern, die zwischen 1800 und 2000 erschienen sind, erstellt, nach Veränderungen durchsucht und damit sprachliche wie gesellschaftliche Entwicklungen nachgezeichnet.

Diese Datenbasis bzw. Teile davon sind mittlerweile unter Google Ngram frei zugänglich. Und sie wird auch von Forschern fleißig genutzt. Erst im Frühjahr dieses Jahres haben Forscher um Alberto Acerbi damit die Gefühlsausdrücke in der englischen Literatur von 1900 bis 2000 untersucht. Demnach ist die Literatur im Lauf der Jahrzehnte immer gefühlsärmer geworden.

Veränderte Werte

In ihrer aktuellen Studie haben die Forscher um Patricia Greenfield von der University of California nun ebenfalls mit Google Ngram untersucht, wie sich der soziokulturelle Wandel der vergangenen zwei Jahrhunderte - also etwa seit der Industriellen Revolution bis heute - in der Sprache spiegelt. Insgesamt haben sie dafür 1,5 Millionen US-amerikanische und britische Bücher durchforstet - und nach bestimmten Worten gesucht, die im Lauf der Zeit häufiger bzw. seltener auftauchen.

So kamen etwa die Verben "wählen" und "bekommen" ("choose", "get") im Lauf der zwei Jahrhunderte immer häufiger im Korpus vor - das kann jeder selbst mit dem Google Ngram Viewer überprüfen. Laut den Forschern ist das ein Zeichen für die zunehmende Individualisierung und den Materialismus in der heutigen mehrheitlich urbanen Welt.

Bei Worten wie "sich verpflichtet fühlen" oder "geben" ("obliged", "give") zeigt sich hingegen ein Abwärtstrend. Es gibt aber auch kurzzeitige Abweichungen von der Entwicklung, z.B. bei "bekommen", das von 1940 bis 1960 wieder weniger verwendet wurde, erst seit den 1970ern sieht man wieder einen Anstieg. Die Autoren der Studie vermuten, dass dies mit dem Zweiten Weltkrieg und der Bürgerrechtsbewegung zusammenhängt.

Anpassung in Worten messbar

Eine Zunahme lässt sich auch bei "fühlen" ("feel") feststellen, während "handeln" ("act") einen gegenläufigen Trend erlebt hat. Den Forschern zufolge markiert dies eine vermehrte Hinwendung zu inneren Vorgängen, weg von aktivem Handeln.

Im Korpus findet sich zudem eine deutliche Verschiebung in Richtung Ego, Worte wie "einzigartig", "individuell" und "selbst" ("unique", "individual", "self") kommen heute alle viel häufiger vor als vor über hundert Jahren. "Gehorsam", "Autorität" und "beten" ("obedience", "authority", "pray") sind dagegen seltener geworden. Daran lässt sich laut den Forschern ablesen, dass die Bedeutung von Autorität oder Religion geschwunden ist.

Ein Test mit Synonymen ergab dieselben Tendenzen. Damit sehen die Autoren ihre These bestätigt, dass sich langfristige psychologische Anpassungen im Zuge soziokultureller Veränderungen am Sprachgebrauch ablesen lassen. Dies ist zwar wenig überraschend, dank der neuen technischen Möglichkeiten aber empirisch belegbar.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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