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Vier Ansichten des am vollständigsten erhaltenen Lissoirs, der bei Ausgrabungsarbeiten in der Neandertalerfundstätte Abri Peyroni entdeckt wurde.

Gaben uns die Neandertaler "Nachhilfe"?

Wie intelligent und geschickt die Neandertaler waren, ist umstritten. Forscher haben nun Spezialwerkzeuge aus Knochen gefunden, die für ihre Fähigkeiten sprechen. Bereits vor 50.000 Jahren haben die Neandertaler damit Leder bearbeitet - mit einer Technik, die es heute noch gibt.

Anthropologie 13.08.2013

Nicht nur der moderne Mensch könnte somit dem Neandertaler "technologische Nachhilfe" gegeben haben, sondern auch umgekehrt, wie Forscher in einer Studie berichten. Möglicherweise handelt es sich bei den Werkzeugen um das einzige Erbe aus der Zeit der Neandertaler, das bis in die Gegenwart genutzt wird.

Die Studie:

"Neandertals Made the First Specialized Bone Tools in Europe" von Marie Soressi und Kollegen ist am 12.8.2013 in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") erschienen.

Aus Tierrippen hergestellt

Einige Forscher meinen, Neandertaler hatten kulturelle Fähigkeiten, ähnlich denen des modernen Menschen. Andere denken hingegen, dass diese Fähigkeiten erst auftraten, nachdem moderne Menschen und Neandertaler einander begegnet waren. Vor etwa 40.000 Jahren hat der moderne Mensch den Neandertaler in Europa schließlich verdrängt.

In den Knochenwerkzeugen (sogenannten "Lissoirs") sieht Shannon McPherron vom Leipziger Max-Planck-Institut evolutionäre Anthropologie in Leipzig einen Beleg dafür, dass die Neandertaler eine eigene Technologie hatten, die bisher dem modernen Menschen zugeschrieben wurde. Womöglich haben die modernen Menschen sogar von ihnen gelernt.

Mit den aus Tierrippen hergestellten, länglichen Schleifwerkzeugen machten die Neandertaler den Forschern zufolge das Leder weicher und wasserbeständiger. Dabei hätten sie sich die Biegsamkeit und Flexibilität der Knochen zunutze gemacht.

Die Flexibilität der Rippen sorgt für einen ständigen Druck auf die Tierhaut. Unten sieht man, wie der Abwärtsdruck schließlich zum Bruch führt, bei dem kleine Fragmente entstehen.

Abri Peyrony & Pech-de-l’Azé I Projects

Rekonstruktion, wie die Lissoirs verwendet wurden, um Tierhäute geschmeidiger zu machen. Die natürliche Flexibilität der Rippen sorgt für einen ständigen Druck auf die Tierhaut, ohne sie zu zerreißen. Rechts unten: der Abwärtsdruck führt zum Bruch, bei dem kleine Fragmente - ähnlich den drei gefundenen - entstehen.

Vorbild für modernen Menschen?

Sollten die Neandertaler die Knochenwerkzeuge selbst entwickelt haben, könnten die modernen Menschen die Technologie von ihnen übernommen haben. Denn als die modernen Menschen Europa besiedelten, hatten sie nur spitze Knochenwerkzeuge. Wenig später stellten sie aber Lissoirs her. Die Forscher werten dies als ersten Hinweis darauf, dass es einen kulturellen Transfer gegeben hat.

"Dies ist der erste Hinweis darauf, dass es möglicherweise zu einem 'kulturellen Transfer' zwischen Neandertalern und unseren direkten Vorfahren gekommen ist", sagt Marie Soressi von der Universität Leiden in den Niederlanden. Zusammen mit ihren Kollegen fand sie das erste von vier Knochenwerkzeugen während ihrer Ausgrabungsarbeiten in der klassischen Neandertalerfundstätte Pech-de-l’Azé.

Vier Ansichten des am vollständigsten erhaltenen Lissoirs, der bei Ausgrabungsarbeiten in der Neandertalerfundstätte Abri Peyroni entdeckt wurde.

Abri Peyrony & Pech-de-l’Azé I Projects

Vier Ansichten des am vollständigsten erhaltenen Lissoirs

Es bleiben allerdings Fragen. Die Wissenschaftler können nicht ausschließen, dass der moderne Mensch früher als bisher gedacht in Europa angekommen ist und die Neandertaler beeinflusst hat. Um das zu klären sollen weitere Fundstätten in Zentraleuropa untersucht werden.

Wie weit verbreitet die Lissoir-Herstellung bei den Neandertalern war, ist außerdem noch unklar. Bei den ersten drei Fundstücken handelte es sich um jeweils wenige Zentimeter lange Fragmente, die kaum als Werkzeuge erkennbar waren.

Baugleich heute im Internet

"Legt man aber diese kleinen Fragmente zusammen und vergleicht sie mit Funden aus jüngeren Ausgrabungsstätten, wird ein Muster deutlich", sagt McPherron. "Im vergangenen Sommer sind wir dann auf ein größeres, vollständigeres Werkzeug gestoßen, unverkennbar ein Lissoir, wie wir ihn in jüngeren Fundstätten des modernen Menschen oder sogar heutzutage in einer Lederwerkstatt finden."

Mikroverschleißanalysen an einem der Knochenwerkzeuge zeigen Spuren, die auf eine Verwendung für ein weiches Material hindeuten, wie etwa Tierhaut. Moderne Lederarbeiter nutzen ähnliche Werkzeuge noch heute.

"Lissoirs wie diese eignen sich so gut zur Bearbeitung von Leder, dass ich 50.000 Jahre, nachdem die Neandertaler sie herstellten, über das Internet ein fast baugleiches Exemplar bestellen konnte", sagt Marie Soressi.

Knochenspezifische Eigenschaften genutzt

Dies sind nicht die ersten von Neandertalern hergestellten Werkzeuge aus Knochen; die bisher bekannten ähnelten jedoch in ihrer Form eher Steinwerkzeugen und wurden auch mithilfe von Steinbearbeitungstechniken hergestellt.

"Neandertaler stellten manchmal Schaber und sogar Faustkeile aus Knochen her. Sie nutzen Knochen auch als Hämmer, um ihre Steinwerkzeuge zu schärfen", sagt McPherron.

"Hier aber haben wir ein Beispiel dafür, dass Neandertaler sich die Biegsamkeit und Flexibilität von Knochen zunutze machten, ihnen eine neue Form gaben und damit Arbeiten verrichteten, die sie mit Steinen nicht hätten ausführen können."

science.ORF.at/APA/dpa

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