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Pianist auf der Bühne, Scheinwerferlicht

Wir hören mit den Augen

Äußerlichkeiten mögen in vielen Bereichen der Kultur zählen, nicht aber bei klassischer Musik. Oder doch? Versuche einer Psychologin belegen: Wenn Musiker das Spiel von Kollegen beurteilen, lassen auch sie sich vom Äußeren leiten.

Psychologie 20.08.2013

"Don't judge a book by its cover", warnt der Angelsachse. Studien zeigen, dass wir es dennoch tun. Wir verlieben uns auf den ersten Blick, kaufen Produkte wegen ihrer Verpackung, wählen Politiker wegen ihrer vertrauenswürdigen Erscheinung. Das gilt zumal für die Unterhaltungsbranche. Hässliche Schauspielerinnen und Sänger mag es geben, unter den Erfolgreichen finden sich jedenfalls überzufällig viele hübsche.

Die Studie

"Visuals may trump sound when judging music performance", PNAS (19.8.2013; doi: 10.1073/pnas.1221454110).

Am ehesten durfte bisher noch die klassische Musik eine Sonderstellung beanspruchen. Sie galt als letztes Refugium der Innerlichkeit - das belegen auch Umfragen, die Chia-Jung Tsay vom University College London kürzlich durchgeführt hat. Sowohl Laien als auch Experten glauben, klassische Musik nur nach ihrem Gehalt zu beurteilen. Die Interpretation gilt als Maßstab der Qualität, nicht die äußere Form des Auftritts.

Experiment: Auftritt mit oder ohne Ton

Das lässt sich im Experiment allerdings nicht bestätigen. Tsay bat mehr als hundert Laien und professionelle Musiker um die Beurteilung von Auftritten, die die drei Finalisten von internationalen Wettbewerben im Bereich klassischer Musik absolviert hatten. Dargeboten wurde das Spiel entweder via Tonspur oder als Video mit oder ohne Ton.

Resultat: Die Experten waren den Laien nicht überlegen. In der Variante Ton oder Video plus Ton fanden alle den späteren (durch eine Expertenjury ausgewählten) Sieger nur in einem knappen Drittel der Fälle. Eine Trefferrate also, die auch ein Zufallsgenerator zustande gebracht hätte.

Anders die Ergebnisse, wenn das Video ohne Ton gezeigt wurde: Hier lag die Quote um die 50 Prozent. Für Tsay ein Hinweis darauf, dass die Überzeugungskraft des Sehsinns eben nicht wegzudenken ist, auch wenn man es bisweilen möchte.

Was man nicht notwendigerweise als Bruch mit der Musikgeschichte ansehen muss. Über Franz Liszts exzentrische Auftritte mit wehendem Haar sagte sein Zeitgenosse Robert Schumann: "Diese Kraft, ein Publikum zu unterjochen, es zu heben, tragen und fallen zu lassen, mag wohl bei keinem Künstler in so hohem Grad anzutreffen sein." Und Liszt? "Das Publikum ist ein Esel, aber alle zusammen sind sie die Stimme Gottes."

Robert Czepel, science.ORF.at

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