Standort: science.ORF.at / Meldung: "Bakterien profitieren vom Schmerz"

Gesicht einer Frau, die ofenbar unter Schmerzen leidet

Bakterien profitieren vom Schmerz

Nicht die Immunabwehr macht bestimmte Entzündungen schmerzhaft, sondern in den Körper eingedrungene Bakterien. Eine perfide Strategie, wie Forscher nachweisen: Denn der Schmerz hemmt das Immunsystem - zum Wohl der Keime.

Medizin 22.08.2013

Schon der römische Enzyklopädist Aulus Cornelius Celsus wusste: Akute Entzündungen lassen sich durch vier Anzeichen erkennen - Rötungen, Schwellungen, Wärme und nicht zuletzt: Schmerzen. Was er im ersten Jahrhundert n. Chr. notierte, gilt auch heute noch.

Und bis vor kurzem hätte man hinzugefügt: Der Schmerz mag kurzfristig unangenehm sein, aber er ist ein Nebeneffekt des Heilung. Denn er zeigt an, dass ein Heer von Leukozyten in das infizierte Gewebe einmarschiert und dort klar Schiff macht.

Löcher in Nervenzellen

Die Studie

modulate pain and inflammation", Nature (21.8.2013; doi: 10.1038/nature12479).

Laut einer Studie von Isaac Chiu von der Harvard Medical School ist das zumindest teilweise falsch. Chiu hat Experimente mit "Staphylococcus aureus" gemacht, das Bakterium löst Hautentzündungen aus, in ungünstigen Fällen auch Lungenentzündung und Sepsis.

Chius Versuche mit Mäusen zeigen: Die Mikrobe manipuliert Nerven in der Haut. Erstens, indem sie mit Eiweißstoffen an speziellen Rezeptoren andockt; zweitens, indem sie Löcher in die Nervenmembran bohrt. Beides tut weh, und beides legt offenbar die körpereigene Defensive lahm.

Wie Chiu und seine Kollegen im Fachblatt "Nature" schreiben, löst der Eingriff eine Signalkaskade aus, die zu Hilfe eilende Immunzellen behindert. Das gilt nicht nur für den Entzündungsherd selbst, sondern auch für die Lymphknoten, wo sich normalerweise T- und B-Zellen für eine zweite Abwehrwelle gegen schädliche Erreger sammeln.

"Wir habe herausgefunden, dass große Teile des Immunsystems nicht für den Schmerz während einer Infektion verantwortlich sind", sagt Chiu. "Es sind die Bakterien selbst, die den Schmerz auslösen." Womit sich eine neue Behandlungsstrategie eröffnet. Den Schmerz an der richtigen Stelle zu lindern, hieße gleichzeitig auch das Immunsystem zu stärken.

Auch Hör- und Sehzellen betroffen?

Dass Immun- und Nervensystem so eng verbunden sind, hätte man bis vor ein paar Jahren nicht angenommen, schreiben Victor Nizet und Tony Yaksh von der University of California, San Diego, in einem begleitenden Kommentar. Und es sei nicht auszuschließen, dass diese Wechselwirkung weitere Sinne betrifft: "Könnte es sein, dass etwa auch Seh-, Hör- und Riechzellen von Bakterien Signale empfangen?"

Zumindest in einem Fall wurde das bereits nachgewiesen: In den Geschmacksknospen der Zunge sitzt ein Rezeptor namens T2R38. Er spricht auf Bitterstoffe an, wird aber ebenso durch die Anwesenheit des Bakteriums "Pseudomonas aeruginosa" stimuliert. Was in diesem Fall nützlich ist: Das Signal lockt Immunzellen an, die daraufhin die Mikrobe neutralisieren.

Robert Czepel, science.ORF.at

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