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Mobile Pumpensteuerung der SmartFactoryKL e.V

"Der Mensch behält die Kontrolle"

In der Fabrik von morgen werden Maschinen, Roboter und Computer eine noch größere Rolle spielen als heute schon. Komplett auf den Menschen verzichten können wird aber auch die "Industrie 4.0" nicht, ist der Künstliche-Intelligenz-Forscher Jochen Schlick überzeugt.

Technologiegespräche Alpbach 26.08.2013

Der Deutsche ist Forschungskoordinator von SmartFactory, einem "lebenden Labor", das heute schon zeigt, wie Fabriken in der Zukunft aussehen könnten.

science.ORF.at: Was produzieren Sie konkret in der SmartFactory, und wer sind die Kunden?

Porträtfoto von Jochen Schlick

SmartFactory

Jochen Schlick ist Mitarbeiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und Forschungskoordinator an der SmartFactory KL.

Links zu dem Interview:

Technologiegespräche in Alpbach:

Von 22. bis 24. August fanden im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach die Technologiegespräche statt, organisiert vom Austrian Institute of Technology (AIT) und der Ö1 -Wissenschaftsredaktion. Das Thema heuer lautete "Die Zukunft der Innovation: Voraussetzungen - Erfahrungen - Werte".

Beiträge Technologiegespräche:

Links:

Jochen Schlick: Wir haben zwei Anlagen, eine für flüssige Seife, die andere für einen intelligenten Schlüsselfinder. Die meisten Kunden sind deutsche Industrievertreter, es sind aber auch viele internationale darunter. Ein Beispiel betrifft die Stecker-Firma Harting, mit der wir ein neues Produkt entwickelt haben: Smart Power Networks, ein Sensornetzwerk für die Automatisierung der einzelnen Produktionsschritte, das nicht auf die zentrale Steuerung zugreifen muss.

Was ist ganz prinzipiell in der automatisierten Arbeitswelt bereits möglich?

Eine intelligente Fabrik kann sich heute schon kognitiv und selbstoptimierend verhalten. Das heißt, die Produktionsanlagen können sich selbstständig auf veränderte Umgebungsbedingungen einstellen, automatisch Belastungen ausgleichen und ihre Produktivität selbsttätig optimieren. Das Ganze auf Basis von Informationen, die in den Einzelteilen vorhanden sind und über die Produktionsanlage in das IT-System kommen. Diese Informationen werden mit entsprechenden Technologien Künstlicher Intelligenz zusammengebracht, verarbeitet und dann den Menschen als Vorschlag unterbreitet. Der Mensch behält letztlich die Kontrolle.

Was wird darüber hinaus in Zukunft noch alles möglich sein?

Da bin ich immer vorsichtig, weil ich keine funktionierende Glaskugel habe. Generell glaube ich aber, dass die Möglichkeiten der Systeme, die Vorschläge unterbreiten, noch beträchtlich zunehmen werden. Wir werden Barrieren abbauen, die wir heute durch inkompatible Systeme haben. Es wird sich mit dem Ethernet-Standard ein durchgängiger Standard für Netzwerke in der Fabrik etablieren. Ich glaube aber nicht, dass der Mensch jemals die Kontrolle abgeben wird. Das heißt, man sollte sich als Mensch zwar Vorschläge präsentieren lassen, aber letztendlich die Entscheidung selber treffen. Das kennt heute jeder von Navigationssystemen: Wenn eine Anweisung irgendwie unplausibel ist, ignoriert man sie einfach. Meine persönliche Erfahrung ist, dass man damit relativ gut ans Ziel kommt.

Dennoch gibt es immer wieder Leute, die ihrem Navigationssystem blind vertrauen und dann in einem Straßengraben oder Flussbett landen. Gibt es ähnliche Beispiele auch in der Welt vermeintlich intelligenter Fabriken?

Der bekannteste Fall betrifft wohl den Stuxnet-Virus. Da wurde gemunkelt, dass Geheimdienste einen Virus in eine iranische Urananreicherungsanlage eingeschleust haben. Der Virus hat das Frequenzverhalten der industriellen Steuerung in einem sehr kleinen Bereich geändert - das hat aber ausgereicht, um die Anlage zu zerstören.

Was die Absicht der Geheimdienste war …

Ja, aber sicher nicht des Betreibers.

Gibt es noch andere Beispiele?

Es kommt vor, dass digitale Unterlagen gestohlen werden oder verschwinden. Oder dass Computerviren versehentlich durch einen Servicetechniker in PCs von Fertigungsanlagen gelangen. Ich habe auch schon erlebt, dass man durch eine Fabrik läuft und auf einem Bildschirm offen das Passwort eines Netzwerks sieht. Sie können das System noch so sehr absichern, wenn so etwas passiert, hat man leider verloren.

Sie sagten vorhin, dass Sie nicht an die komplett durchautomatisierte Fabrik glauben und der Mensch weiterhin die Kontrolle behalten wird - was macht Sie da so sicher?

Ich sage das, obwohl ich Mitarbeiter des deutschen Forschungszentrums für Künstliche-Intelligenz-Forschung bin. Wir hatten diesen Ansatz in der Produktion bereits in den 90er Jahren. 1995 wurde uns auf einer Studentenexkursion in Kalifornien ganz stolz eine menschenleere Fabrik präsentiert. In einer Schicht gaben Menschen die Fertigungsprogramme ein, in den folgenden zwei Schichten hat die Fabrik dann von selbst gearbeitet, am nächsten Tag kam dann wieder der Mensch. So etwas funktioniert recht gut, solange es sehr einfache Produkte sind. Sobald es sich aber um individualisierte Produkte handelt oder Änderungen notwendig sind, bekommen Sie Probleme: Wer optimiert die Prozesse, wenn sich keiner mehr mit den Prozessen auskennt? Die Erfahrung zeigt, dass alle KI-Systeme eingelernt werden müssen. Es stecken Modelle dahinter, und die wurden letztlich von Menschen gebaut. Selbst wenn wir irgendwann vollautonome und vollkognitive Maschinen haben, wird es Wissensarbeiter geben müssen, die diese Modelle anpassen.

Und was, wenn eines Tages auch Kreativität simuliert werden kann?

Ich kann das nicht mit Sicherheit ausschließen, diese Vision von menschenähnlichem Verhalten gab es schon 1956 bei der berühmten KI-Konferenz am Dartmouth College. Es hat sich inzwischen gezeigt, dass man isolierte Gebiete tatsächlich sehr gut abbilden kann, in der Medizin, auch in der Industrie. Bestimmte Dinge sind schon auf einem sehr hohen Niveau, wie zum Beispiel die Sprachverarbeitung von Apple oder Google. Aber es ist vielleicht eine Frage der Selbstbestimmung des Menschen, dass er sich seine Kreativität behalten und nicht abgeben möchten, auch wenn es technisch möglich wäre.

Zumindest solange uns die Maschinen lassen?

(Lacht) Ich glaube nicht, dass es zu einem Szenario wie in Matrix oder anderen Filmen kommen wird.

Auch wenn intelligente Fabriken noch nicht menschenleer sind, werden es dennoch immer weniger, die in ihnen arbeiten. Wie soll der Kapitalismus funktionieren, wenn es immer weniger Menschen gibt, die sich seine Produkte kaufen können?

Ich beobachte das auch mit Sorge: Die Leistung wird immer mehr verdichtet, die Produktivität immer höher. Die einzige Möglichkeit besteht darin, das Innovationstempo weiter zu erhöhen. Man braucht für die Entwicklung und Herstellung eines Produkts zwar immer weniger Menschen, aber dann wird ein neues entwickelt und produziert, und die Arbeitskräfte wandern dorthin ab. Wo das Ende dieser Spirale liegt, weiß ich natürlich nicht.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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