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Schemtaische darstellung des Gehirns

Elektro-Implantate heilen Nervenkrankheiten

Zwei neue Neuroimplantate sollen in Zukunft Nerven- und Immunkrankheiten heilen oder zumindest behandeln können. Erste Tests an Parkinson- und Arthritis-Patienten verliefen erfolgreich.

Neurologie 27.08.2013

Parkinson und Epilepsie sind altbekannte Krankheiten des Nervensystems, die schon im letzten Jahrhundert mit Elektroschocks behandelt wurde. Die damaligen Behandlungen werden heute aufgrund ihrer Intensität und Durchführung als grausam empfunden, das Prinzip ist dadurch jedoch nicht falsch. In sehr geringer Dosis stimulieren schwache Elektroschocks einzelne Nerven. Mithilfe von modernen Implantaten können sie direkt auf die betroffenen Nerven im Gehirn wirken. Parkinson ist zum Beispiel eine Bewegungserkrankung durch das Nervensystem; die Muskelfunktionen degenerieren, weil bestimmte Nerven im Gehirn absterben. Mithilfe der Tiefenstimulation des Gehirns können die krankheitsbedingten Nervenaktivitäten aber unterbunden oder korrigiert werden.

Implantate zur Tiefenstimulation

Ein neues Implantat der Firma Medtronic, das erst seit einer Woche getestet wird, soll nun die Betreuung von Patienten vereinfachen. Die Tiefenstimulation kann durch ein Implantat im Gehirn gesteuert werden und muss nicht operativ vorgenommen werden. Bisher mussten Parkinson oder Epilepsie-Patienten mit Implantaten die Einstellungen der Geräte regelmäßig von einem Arzt kontrollieren und gegebenenfalls korrigieren lassen. Bisher konnten die Implantate lediglich stimulieren, aber keine Informationen erhalten. Die neuen Modelle dagegen sollen regelmäßig die elektrische Aktivität im Gehirn messen und die Stärke der Stimulation selbständig steuern können. Die langwierigen Nachjustierungen der Implantate würden dadurch wegfallen.

Neuer Zugriff auf das Immunsystem

Die Firma SetPoint hat soeben ein ähnliches Implantat entwickelt, das sämtliche Informationen kabellos übertragen kann. Der behandelnde Arzt könnte - ein positiver Abschluss der klinischen Testphase vorausgesetzt - dann das Gerät mit seinem Notebook oder Tablet anpassen. Das Implantat von SetPoint setzt allerdings nicht im Gehirn, sondern im Nacken, am Nervus vagus, an. Der Nervus vagus ist einer der wichtigsten Nerven im Körper und überträgt Informationen vom Gehirn, die entscheidend sind für unbewusste Körperfunktionen wie den Herzrhythmus, das Immunsystem und die Verdauung. Deshalb kann über ihn das Immunsystem beeinflusst werden: Bereits getestet wurde das Implantat an Patienten mit rheumatischer Arthritis, eine Art Immun-Überfunktion. Das Gerät schwächt Impulse am Nervus vagus teilweise ab - laut bisherigen Versuchen hört der Körper daraufhin auf, seine eigenen Gelenksknorpel anzugreifen.

Um die wichtige Position des Nervus vagus noch weiter auszunutzen arbeiten die Entwickler bereits an einem ähnlichen Implantat, das Morbus Crohn behandeln soll. Morbus Crohn eignet sich für diesen Versuch besonders gut: Die Autoimmun-Erkrankung wirkt sich neben dem Immunsystem auch auf den Verdauungstrakt aus - beides Körperfunktionen, die der Vagusnerv beeinflusst.

science.ORF.at

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