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Frau mit änsgtlichem Gesichtssausdruck

Furchtsame brauchen mehr Platz um sich

Dringt jemand in Raum unmittelbar um uns herum ein, empfinden wir das als Gefahr. Der Abstand, ab dem wir diese "Intimsphäre" bedroht fühlen, ist laut britischen Psychologen von der Persönlichkeit abhängig. Furchtsame Menschen benötigen eine größere Schutzzone.

Psychologie 28.08.2013

Die Lästigkeit der Wespe hängt bekanntlich von ihrer Distanz ab. Einen Meter entfernt ist unsteter Flug keiner Rede wert, aber zehn Zentimeter vor dem Gesicht werden die allermeisten unruhig. Und natürlich beeinflusst auch die Natur des Stimulus die Bedrohung: Man tausche zur Bestätigung die Wespe gegen ein Stück Torte oder einen Revolver.

Beides hat laut Psychologen mit einer tief in der Persönlichkeit sitzenden Empfindung zu tun. Der Raum um uns ist aufgebaut wie eine Zwiebel. Der öffentliche Raum ist neutrales Gebiet, das uns nicht weiter tangiert, weiter innen folgt der soziale Raum - noch näher wird es intim: dieser "peripersonale" Raum ist gewissermaßen unser Körpereigentum, zu dem nur Ausgewählte Zutritt haben.

Die Frage war bisher nur: Wie lässt sich diese Distanz messen, ohne dass das Prozedere der Messung die Reaktion verfälscht? Durch einen Reflex, lautete die Antwort, die Chiara Sambo letztes Jahr in einer Studie gab.

Versuch: Blinzeln = Angst

Der Vorschlag der Neurowissenschaftlerin vom University College in London: Man verabreiche Probanden einen elektrischen Impuls an der Hand und positioniere die Hand in verschiedenen Entfernungen vom Gesicht.

Der leichte elektrische Schlag löst ab einer gewissen Grenzdistanz einen Lidschlagreflex aus - und diese Reaktion ist wiederum eine gute (weil nicht willentlich veränderbare) Beschreibungsgröße für die empfundene Bedrohung. Kurzum: Wer blinzelt, fühlt sich bedroht. Nun hat Sambo die Methode verwendet, um individuelle Unterschiede zwischen Menschen sichtbar zu machen.

Die Studie

"Better Safe Than Sorry? The Safety Margin Surrounding the Body Is Increased by Anxiety", Journal of Neuroscience (28.8.2013; DOI:10.1523/JNEUROSCI.0706-13.2013).

15 Probanden bat sie diesmal in ihr Labor zum Blinzeltest - Resultat: Die Intimdistanz lag meist zwischen 20 und 40 Zentimetern, die Stärke der Reaktion war allerdings von der Persönlichkeit abhängig. Und zwar von der Neigung zur Angst, wie die Statistik zeigt: Schreckhafte Menschen beanspruchten erwartungsgemäß ein größeres Schutzvolumen.

Das könnte, schreibt Sambo, bei beruflichen Eignungstests von Nutzen sein. Etwa für Militär, Polizei und Feuerwehr.

Hirnverletzung schrumpft Intimdistanz

Verantwortlich für die Reaktion dürfte die Amygdala, also das Angstzentrum im Gehirn, sein, wie der US-Forscher Daniel Kennedy bereits vor vier Jahren berichtete.

Kennedy führte damals Versuche mit der Patientin "SM" durch, deren Amygdala stark beschädigt ist. Sie scheint das Gefühl verloren zu haben, wie weit man sich anderen nähern kann, ohne dabei in die Intimzone einzudringen. Was vielleicht auch daran liegt, dass sich ihre eigenes Schutzbedürfnis in Luft aufgelöst zu haben scheint.

Wie Kennedy im Fachblatt "Nature Neuroscience" schreibt, war SM auch dann noch völlig unbeeindruckt, wenn er ihr seine Nase während des Versuchs ins Gesicht drückte. Die Kontrollgruppe fühlte sich bereits unwohl, wenn die Forschernase die 64-Zentimeter-Grenze überschritt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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