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Die königlichen Gräber in Abydos im Antiken Ägypten

Neue Chronologie für das Alte Ägypten

Über 4.000 Jahre lang existierte das Alte Ägypten. Speziell zur Entstehungszeit des Pharaonenreichs liegt noch vieles im Dunkeln. Britische Forscher haben nun mit einer neuen Methode die bisher genaueste Chronologie über diese Frühphase erstellt.

Geschichte 04.09.2013

Die Daten und Jahreszahlen sind erstaunlich exakt und setzen den Anfang für die erste Dynastie auf den Zeitraum zwischen 3111 und 3045 vor Christus.

Die Studie:

"An absolute chronology for early Egypt using radiocarbon dating and Bayesian statistical modelling" von Michael Dee und Kollegen ist am 3.9.2013 in den "Proceedings of the Royal Society A: Mathematical and Physical Sciences" erschienen.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 4.9., 13:55 Uhr.

Je älter, desto schwierigere Quellenlage

"In der Archäologie spießt es sich oft zwischen der relativen und der absoluten Chronologie", erklärt Julia Budka von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegenüber science.ORF.at den Rahmen der neuen Studie. "Die relative Chronologie bekommen wir durch rein archäologische Arbeitsweisen wie Bearbeitung von Grabinventar - in erster Linie über Form und Aussehen von Keramik -, indem wir für einen bestimmten Fundort eine lokale zeitliche Abfolge erstellen. Daten, die sich auf den Kalender beziehen, dienen der absoluten Chronologie - und oft ist es schwierig, die relative Einordnung mit diesen zeitlich fixierten Daten zu korrelieren."

Je länger Ereignisse zurückliegen, umso schwieriger ist es, Quellen für die absolute Chronologie zu finden. Textliche Quellen fallen aus, denn in dieser Frühphase Ägyptens hat es noch keine Schrift gegeben. Um dennoch absolute Daten für eine exakte kalendarische Verankerung zu finden, haben nun ein Team um Michael Dee und Christopher Bronk Ramsey von der Universität Oxford die sogenannte Radiokarbonmethode angewendet und mit archäologischen Daten kombiniert.

Die Radiokarbonmethode funktioniert in Kurzform so: Solange ein Organismus lebt, baut er Kohlenstoff in Form von Kohlendioxid aus der Atmosphäre in sein Gewebe ein. Nach dem Tod zerfallen verschiedene Formen des Kohlenstoffs (Isotope) verschieden rasch. Durch das heute gefundene Verhältnis dieser Isotope kann man auf das Alter einer Probe schließen.

Staatengründung schneller als gedacht

Für die aktuelle Studie verwendeten die Forscher Haar-, Knochen- und Pflanzenproben von mehreren wichtigen Ausgrabungsstätten in Ägypten, die aus verschiedenen Museen stammten bzw. neu entdeckt worden waren. Aus den rund 200 Radiokarbondatierungen und statistischen Analysen stellten sie die neue Chronologie für die Frühphase des Alten Ägypten auf.

Die königlichen Gräber in Abydos im Antiken Ägypten

Michael Dee

Die Stadt Abydos am Nil mit den Königsgräbern aus der Frühphase Ägyptens

"In der prädynastischen Zeit fehlen uns verwertbare historische Zeugnisse und das meiste blieb in Hinblick auf eine absolute Datierung und somit eine zeitliche Einordnung sehr vage", sagt Budka, die an der aktuellen Studie nicht beteiligt war. "Forscher haben mit Funden von verschiedenen Plätzen gearbeitet und daraus sehr unterschiedliche Schlüsse für ihre Theorien gezogen."

So sind sich die Experten u.a. über den Prozess der Staatseinigung des Alten Ägypten durchaus uneins. Der tendenziell vorherrschenden Meinung, dass dieser Prozess sehr lange gedauert hat, widerspricht die aktuelle Studie.

Wurde bisher davon ausgegangen, dass die prädynastische Zeit vor "ungefähr 6.000 Jahren" eingesetzt hat, schränkt die Arbeit von Michael Dee und seinen Kollegen dies nun auf den Zeitraum "3.800 - 3.700 Jahre v. Chr." ein. Der Zeitraum bis zur Staatengründung wird dadurch kürzer. "Unsere Studie legt nahe, dass sich das Alte Ägypten viel schneller gebildet hat als angenommen", fasst Dee das Ergebnis in einer Aussendung zusammen.

Zeitleiste passt zur Evidenz

Was das im Detail heißt, steht in der aktuellen Studie nicht. Sie wartet aber mit einer akribischen Zeitleiste auf, die künftige Forschergenerationen befruchten sollte. So hat Aha, der erste König des Reichs, laut der Studie wohl zwischen 3111 und 3045 v. Chr. regiert. Die von ihm begründete erste Dynastie währte zwischen 170 und 270 Jahre.

Mit einer bisher unbekannten Genauigkeit können die Forscher auch die Regierungsdauer aller acht Könige dieser altägyptischen Frühphase ausmachen. Und diese passen auch zur archäologischen Evidenz: So wurde der beiden Könige Adjib und Semerchet nach ihrem Tod mit vergleichsweise kleineren Grabmälern gedacht als den anderen - offenbar weil sie viel kürzer regierten.

Auch die ungewöhnlich lange Regierungszeit von König Djer, die bereits bekannt war, spiegelt sich in den Daten wieder - neu sind aber Indizien für einen zeitlichen Abstand zu Djers Nachfolger, Djet. "Entweder ist Djer noch viel älter geworden, als wir bisher dachten oder aber es hat zwischen den beiden Thronfolgeschwierigkeiten gegeben, von denen wir noch nichts wussten", erklärt Julia Budka. Ihr Fazit: "Das ist eine beispielhafte Studie, die zeigt, wie sinnvoll es ist, wenn Naturwissenschaftler mit modernen Analysemöglichkeiten und Archäologen zusammenarbeiten."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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