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Kuh liegt in der Wiese

"Langweilige" Kühe und verirrte Mistkäfer

Opernliebende Mäuse, "langweilige" Kühe und nach dem Sternenhimmel schauende Mistkäfer zählen heuer zu den Highlights der Ig-Nobelpreise. Bereits zum 23. Mal wurden gestern im Rahmen einer Gala an der US-Eliteuniversität Harvard zehn besonders bizarre Forschungsergebnisse ausgezeichnet.

Ig-Nobelpreise 2013 13.09.2013

Begehrte Auszeichnung

Die Ig-Nobelpreise werden jährlich für Forschungsarbeiten vergeben, die Menschen zuerst zum Lachen bringen und erst danach zum Denken.

Zuerst fliegen traditionell die Papierflieger auf die Bühne. Später werden altehrwürdige Nobelpreisträger das Chaos wieder zusammenkehren, aber erstmal müssen diese brav am Rand des Geschehens sitzen. Bei der 23. Verleihung der Ig-Nobelpreise stand wie jedes Jahr die kuriose Forschung im Mittelpunkt. Die Auszeichnungen sollen "das Ungewöhnliche feiern und das Fantasievolle ehren" und belohnten diesmal Erkenntnisse wie diese: Je länger eine Kuh liegt, desto eher steht sie wahrscheinlich wieder auf. Oder auch: Menschen, die sich als betrunken wahrnehmen, finden sich attraktiv.

Alle zehn Preisträger:

Medizin: Forscher um Masateru Uchiyama (Japan) für eine Studie, die die Auswirkungen von Oper auf am Herzen operierte Mäuse untersucht hat.
Biologie und Astronomie: Forscher um Marie Dacke (Südafrika und Schweden) für die Entdeckung, dass verirrte Mistkäfer ihren Weg nach Hause finden können, indem sie sich an der Milchstraße orientieren.
Sicherheitstechnik: Gustano Pizzo (USA) für die Erfindung eines elektromechanischen Systems, mit dem Flugzeug-Entführer in eine Falle gelockt und aus der Maschine geworfen werden, dann zu Boden schweben und dort bereits von der Polizei erwartet werden.
Frieden: Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko für das Verbot, in der Öffentlichkeit zu applaudieren, und die staatliche Polizei Weißrusslands, weil sie einen einarmigen Mann festnahm, der gegen das Verbot verstoßen haben soll.
Physik: Forscher um Alberto Minetti (Italien) für die Entdeckung, dass einige Menschen physisch in der Lage wären, über einen Teich zu rennen - wenn diese Menschen und der Teich auf dem Mond wären.
Chemie: Forscher um Shinsuke Imai (Japan) für die Erkenntnis, dass der biochemische Prozess, der zwiebelschneidende Menschen zum Weinen bringt, noch komplizierter ist als bislang gedacht.
Archäologie: Brian Crandall und Peter Stahl (USA und Kanada), weil sie eine tote Spitzmaus gekocht, gegessen und dann ihre Exkremente untersucht haben, um zu sehen, welche Knochen verdaut werden.
Wahrscheinlichkeit: Forscher um Bert Tolkamp (Großbritannien) für die Entdeckung, dass je länger eine Kuh liegt, desto höher die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie bald wieder aufstehen wird - aber wenn sie dann erst einmal aufgestanden ist, man nicht leicht vorhersagen kann, wann sie sich wieder hinlegen wird.
Gesundheitswesen: Forscher um Kasian Bhanganada (Thailand) für die Beschreibung der medizinischen Techniken der Penisamputation in Thailand.
Psychologie: Forscher um Laurent Bègue (Frankreich, USA) für ein Experiment, das bewies, dass Menschen, die sich als betrunken wahrnehmen, sich auch als attraktiv betrachten.

Sind solche Forschungsergebnisse überflüssig? Vielleicht, aber das ist nicht der Punkt. Die zugespitzten Erkenntnisse sind publikumswirksam, realitätsnah und vermitteln Spaß an der Wissenschaft. Sie beruhen alle auf anerkannter Forschung und haben in ihrem jeweiligen Fachgebiet und darüber hinaus oft durchaus Wert. Ein Ig-Nobelpreis (die englische Abkürzung für ignorable bedeutet etwa unwürdig) gilt deshalb unter Wissenschaftlern als anerkannte Auszeichnung. Viele reisen von weit her an, um sie sich - oft in bunten Kostümen - vor mehr als 1.000 Zuschauern abzuholen.

Opernliebende Mäuse, langweilige Kühe

Forscher aus Japan kamen beispielsweise in Maus-Kostümen auf die Bühne. Ihre Experimente hatten ergeben, dass am Herzen operierte Mäuse länger leben, wenn sie Oper hören. "La Traviata", sagte einer der Wissenschaftler und begann zu singen - bis ihn ein kleines Mädchen lauthals unterbrach. "Mir ist langweilig, bitte hör' auf", sagte sie immer wieder hintereinander. Wie jedes Mal, wenn ein Preisträger die vorgegebene Zeit für seine Dankesrede überschritt.

Vom ebenfalls ausgezeichneten Forscher Bert Tolkamp stammt die Erkenntnis, dass eine Kuh, die schon lange liegt, wahrscheinlich bald wieder aufstehen wird - aber wenn sie erstmal aufgestanden ist, ist es nicht mehr so leicht vorhersagbar, wann sie sich wieder hinlegen wird. "Ich beobachte Kühe seit vielen Jahren", sagte der Experte in seiner Dankesrede. "Deswegen kann ich mit einiger Kompetenz sagen: Kühe können wirklich langweilig sein." Das Verhalten seiner Untersuchungsobjekte sei "wirklich, wirklich enttäuschend gewesen".

Auch die Entdeckung, dass Mistkäfer ihren Weg nach Hause finden, indem sie sich an der Milchstraße orientieren, und der Verzehr einer Spitzmaus wurden ausgezeichnet. Dazwischen wurden bizarre Kurz-Opern aufgeführt und ein Treffen mit einem echten Nobelpreisträger verlost.

Teichüberquerung und Zwiebeltränen

In Badelatschen kam ein Team auf die Bühne, das bewiesen hatte, dass einige Menschen in der Lage wären, über einen Teich zu rennen - wenn diese Menschen und der Teich auf dem Mond wären. Und Forscher aus China brachten Zwiebeln mit und klebten sich falsche Tränen an: Sie hatten entdeckt, dass der biochemische Prozess beim Zwiebelschneiden noch komplizierter ist als bislang gedacht. Ihre Entdeckung könnte vielleicht dazu führen, dass Zwiebeln entwickelt werden, die Menschen beim Schneiden nicht mehr zu Tränen reizen.

Dann ging es für die echten Nobelpreisträger daran, die Haufen von Papierfliegern zusammenzufegen. Vorher verabschiedete Moderator Marc Abrahams, Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu kurioser Forschung, im zerrupften Zylinder die Zuschauer und Ausgezeichneten. "Wenn Sie keinen Ig-Nobelpreis dieses Jahr gewonnen haben - und besonders dann, wenn sie einen gewonnen haben: Mehr Glück im nächsten Jahr!"

Christina Horsten, dpa

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