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Blick auf die ruhige Neue Donau

Als die Donau noch bedrohlich war

"Donau so blau, so schön und blau. Durch Tal und Au, wogst ruhig du hin", lautet der Text zu Johann Strauss' Donauwalzer. Die Realität war weniger romantisch, wie eine historische Studie zeigt: Die Donau erwies sich lange Zeit als kaum regulierbarer Strom, der in Wien immer wieder zu Überflutungen führte.

Umweltgeschichte 18.09.2013

Verlauf der Donau rekonstruiert

Es geschah im Winter 1830 in Wien. Nach moderaten Überflutungen ging das Donau-Hochwasser bereits zurück. Doch stromaufwärts staute ein Damm aus Eisschollen das Wasser auf. Als der Eisstoß brach, rollte in der Nacht zum 3. Februar eine eiskalte Flutwelle über die Stadt, richtete enorme Schäden an und kostete allein in der Leopoldstadt 70 Menschen das Leben.

Doch Hochwässer waren nicht das einzige Problem, das der vielbesungene Strom den Wienern machte, wie Forscher kürzlich in der Fachzeitschrift "Water History" berichteten. Denn die Donau wand sich auch wie eine Schlange im Wiener Becken hin und her. Die Wissenschafter haben den Verlauf des Stroms seit Beginn der Neuzeit rekonstruiert.

Studien und Videos

Der Geschichte der Donau in Wien widmet sich eine Sonderausgabe des Fachblatts "Water History"

Die Wissenschafter haben die Rekonstruktionen auch animiert: auf Youtube sind zehn Videos abrufbar, die unter anderem den Verlauf zwischen 1715 und 1991 zeigen.

Anhand von alten Karten, Berichten, Rechnungen für Brücken- und Regulierungsbauten, aber auch Gerichtsakten erforschten die Wissenschafter um Verena Winiwarter vom im Wien ansässigen Zentrum für Umweltgeschichte der Universität Klagenfurt, wie sich der Lauf der Donau im Raum Wien seit dem Ende des Mittelalters verändert hat. "Man fängt dazu in der Gegenwart an, denn man weiß ja, wie die Gegend heute aussieht, geht dann in der Zeit zurück und sucht Schritt für Schritt nach der nächsten historischen Quelle", erklärte sie der APA.

Karte zeigt Verlauf der Donau von der frühen Neuzeit bis heute

APA/B. LAGER & S. HOHENSINNER, I/B. LAGER & S. HOHENSINNER, IHG/B

Verlauf der Donau in der frühen Neuzeit, im 18. Jahrhundert und heute

Allerdings könne man zum Beispiel Karten und Berichte aus dem 16. Jahrhundert nicht einfach für bare Münze nehmen und in ein modernes Geo-Raster "hineinzwängen", sondern man muss die Sichtweise der Chronisten berücksichtigen, sagte ihr Kollege Martin Schmid.

Dokumente der Verzweiflung

So haben die Forscher zum Beispiel eine Karte aus dem Jahr 1601 gefunden, in dem der Wiener Arm (der Vorläufer des heutigen Donaukanals) als breiter, geradlinig fließender Strom eingezeichnet ist, während der sogenannte Wolfsarm auf der Zeichnung als mickriges Flüsschen im rechten Winkel nach Norden abzweigt, erklärte Severin Hohensinner vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement der Universität für Bodenkultur Wien.

"Die Leute haben den Fluss aber nicht so gezeichnet, wie er damals war, sondern wie sie ihn haben wollten". Denn der Wolfsarm war damals in Wirklichkeit der Hauptarm und der Wiener Arm drohte zu versanden. Das passte den Wienern überhaupt nicht, denn sie brauchten den Fluss nahe der Stadt – etwa als Transportweg und zum Schutz bei Angriffen der osmanischen Heere.

Die Wiener haben daher jahrhundertelang versucht, das Wasser mit verschiedenen Regulierungsbauten oberhalb der Stadt (bei Nussdorf) wieder in den Wiener Arm zu leiten. Doch diese Bauten hielten nie lange. "Wenn man in den Berichten nachliest, verzweifelt man fast selbst: Wenn die Bauwerke nicht im selben Jahr von einem Hochwasser weggeschoben wurden, dann hat die Donau sie in zwei bis drei Jahren nach und nach abgetragen", so Hohensinner.

Sogar die Brücken über die vielen Flussarme hat die Donau immer wieder demoliert oder weggespült, länger als ein paar Jahre hielten sie selten, so Winiwarter. Auch die Aulandschaft änderte sich ständig, die Donau spülte Inseln weg und ließ sie anderswo wieder entstehen. Freilich scherte sie sich auch nicht darum, dass diese laut Besitzurkunden diesem oder jenem gehörten.

Eskalierender Streit: Stift gegen Spital

So kam es zu einem aus heutiger Sicht nachgerade lächerlichen Geplänkel zwischen dem Stift Klosterneuburg und dem Wiener Bürgerspital (einer karitativen Einrichtung), als die Veränderungen während der "Kleinen Eiszeit" in den 1560er Jahren rascher abliefen als sonst und die Inseln in der Au als Holzquelle wertvoll wurden.

Denn damals brauchten die Wiener massenhaft Ziegel für die Stadtmauern und die Ziegelbrennereien verbrannten Unmengen von Holz. Die beiden mächtigen und finanziell gut ausgestatteten Institutionen stritten schließlich über hundert Jahre lang um Inseln, die mittlerweile verschwunden waren oder ihre Form komplett verändert hatten.

Sie zogen vor Gericht, bemühten den Kaiser, ließen Gutachten, Gegengutachten und viele Skizzen erstellen, die zwar nicht klären konnten, wem nun welche Donauinsel gehörte, aber den Forschern sehr dienlich waren, die Flusslandschaft des 16. Jahrhunderts zu rekonstruieren.

Außerdem fanden sie Aufzeichnungen über einen amüsanten Zwischenfall: "Als der Streit 1580 eskalierte, stieg der Probst vom Stift Klosterneuburg sogar in eine Zille und tauchte mit einem Gewehr bei einer Insel auf, die Arbeiter des Bürgerspitals gerade befestigen wollten, er bedrohte sie und beschimpfte sie wüst", erzählte Christoph Sonnlechner vom Wiener Stadt- und Landesarchiv.

"Bild war viel zu statisch"

"Man ist bisher von einem viel zu statischen Bild der Donau ausgegangen", meint Hohensinner. Dadurch habe man auch die Unannehmlichkeiten unterschätzt, die der Fluss den Wienern bereitet hat. "Wien hat europaweit eine spezielle Rolle, weil es eine Großstadt ist und an einem Fluss liegt, der an dieser Stelle noch Gebirgsflusscharakter hat", sagte er.

Darum sei es auch umso beachtlicher, was die Wiener im Wasserbausektor geleistet haben. "Auch wenn ihre Anstrengungen bis zur großen Donauregulierung in den 1870er Jahren meist gar nichts bewirkt haben."

science.ORF.at/APA

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