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Der Großglockner

Neuschnee half Gletschern über kritische Zeit

Das Wetter im Sommer 2013 war eine Kombination aus schneereichen, kühlen Wochen im Mai und Juni und heißen Wetterphasen im Juli und August. Eines lässt sich jedenfalls sagen: Die Neuschneedecke verzögerte die Ausaperung der Gletscher um vier bis sechs Wochen und half den Gletschern maßgeblich, diese kritische Zeit zu überstehen.

Gletschertagebuch 25.09.2013

Aber: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, schreiben die Gletscherforscher Heinz Slupetzky und Andrea Fischer in ihrem regelmäßig in science.ORF.at erscheinenden Gletschertagebuch. Von einer Rückkehr der Gletscher könne noch keine Rede sein.

Ein spannender Gletschersommer geht zu Ende

von Heinz Slupetzky und Andrea Fischer

Heinz Slupetzky und Andrea Fischer

Slupetzky/Fischer

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte.

Andrea Fischer ist Gletscherforscherin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Innsbruck. Ihr Hauptforschungsgebiet sind Gebirgsgletscher und deren Änderung im Klimawandel.

Für science.ORF.at führt Heinz Slupetzky seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

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Danksagung:

Die Autoren danken allen Personen/Institutionen (siehe Glaziologie Österreich) für die Bereitstellung der Daten, Fotos und Informationen und dem Hydrographischen Dienst Land Salzburg für die Kooperation (Gletscherschmelze, Land Salzburg).

Mit Herbstbeginn kann ein erstes Resümee gezogen werden. Wie im letzten Gletschertagebuch berichtet, haben die Starkniederschläge im Frühsommer zu einer guten Ausgangslage für den Sommer geführt. Die Gletscher waren durch eine mächtige Schneedecke geschützt, die zunächst in der ersten Hitzeperiode Mitte Juni abgebaut werden musste, bevor die Eisoberfläche zum Vorschein kam und die Eisabschmelzung einsetzen konnte.

Die Ausaperung setzte deutlich später als in den Vorjahren ein; in anderen Worten: die temporäre Altschneelinie (Schneegrenze) lag beträchtlich tiefer. Und noch eine Besonderheit kam dazu: Der im Frühjahr abgelagerte Wüstenstaub kam nicht voll zur Wirkung. Aufgrund der Erniedrigung des Rückstrahlungsvermögens wird an der "verschmutzten" Schneeoberfläche die Abschmelzung verstärkt, im Juni und Juli war sie jedoch unter dem Neuschnee verborgen, wurde dann beim Schmelzprozess rasch weggeschwemmt und in höheren Lagen im Nährgebiet war der Wüstenstaub ab Mitte August immer wieder von Neuschnee bedeckt.

Nach wenigen Tagen mit unterdurchschnittlichen Temperaturen waren der Juli und die erste Augustwoche überdurchschnittlich warm. In dieser Zeit wurden laut ZAMG einige österreichische Temperaturrekorde gebrochen. Aber schon am 30. Juli und dann mehrmals im August kam es zu einigen Schneefallereignissen auf den Gletschern über 2.600 bis 2.700 m. Die gefallene Schneedecke war gering, reichte aber aus, um die Abschmelzung für einige Zeit zu stoppen, trotz der zum Teil noch sommerlichen Temperaturen in den Tälern. Die Altschneebedeckung im Nährgebiet blieb weitgehend erhalten, dieser zurückbleibende Schnee bildet ja in der Bilanz die Netto-Einnahme am Ende des Haushaltsjahres.

Frühes Ende der Eisabschmelzung?

Der Jamtalferner zur Zeit der maximalen Ausaperung Mitte August 2013. Am Gletscher liegt im Nährgebiet mehr Schnee als im Jahr 2011.

Andrea Fischer

Der Jamtalferner zur Zeit der maximalen Ausaperung Mitte August 2013. Am Gletscher liegt im Nährgebiet mehr Schnee als im Jahr 2011.

Schon am 2. September kam es zu ersten herbstlichen Schneefällen bis in Höhenlagen unter die meisten Gletscherenden (mit Ausnahme z.B. der Pasterzenzunge). Die Neuschneegrenze lag aber dann am 9. September in den Hohen Tauern bei 1.700 m, am 17.9. in 1.450 m und reichte damit teilweise bis in die Almregionen hinunter; die Bergbauern taten gut daran, den Almabtrieb rechtzeitig vorher durchzuführen. Die aufsummierte tägliche Neuschneehöhe an der Station Rudolfshütte in 2.305 m Seehöhe jeweils in der Früh im September bis zum 19. 9. betrug 80 cm. Das Ende des natürlichen Haushalsjahres in der ersten Septemberhälfte wäre damit eingetreten (und der Zeitpunkt, am Stubacher Sonnblickkees die Gletscherbilanz zu ziehen, festgelegt). Der warme Altweibersommer könnte, wenn er länger dauern sollte und Föhnphasen dazukommen, zwar in tieferen Lagen nochmals Eisabschmelzung bringen, diese wird aber nicht mehr viel an den Bilanzen ändern.

Am 9. September ging damit eine Zeitspanne von 70 Tagen ohne Schneefälle unter 2.200 m (in den Hohen Tauern) zu Ende. Ohne die großen Neuschnee-"Reserven" vom Juni hätte das wieder einen beträchtlichen Eisverlust bedeutet. Damit ist die Länge der Schmelzsaison im Sommer 2013 wesentlich kürzer als in den letzten Jahren. Pro Tag kann etwa 10 cm Eis schmelzen, wobei die wichtigste Energiequelle die direkte Sonnenstrahlung ist. Steigt das Temperaturmaximum um einige Zehntelgrad, wie es heuer im Sommer an wenigen Tagen der Fall war, steigert das die Eisschmelze nicht signifikant. Am untersten Pegel des Jamtalferners (Silvretta) sind bis 14.08.2013 251 cm Eis geschmolzen. Im Jahr 2012 war die Eisschmelze mit 397 cm bis 22.08.2012 fast doppelt so stark.

"Moderate" Massenbilanzen 2012/13

Das Hofmannskees,  rechts der Großglockner. Im Nährgebiet ist noch viel Altschnee zurückgeblieben.

G.K. Lieb

Das Hofmannskees, rechts der Großglockner. Im Nährgebiet ist noch viel Altschnee zurückgeblieben.
Das Stubacher Sonnblickkees am 7.9.2013. Es liegt noch eine relativ große Nettoakkumulation als "Rest" des Winterschnees im Nährgebiet.

Heinz Slupetzky

Das Stubacher Sonnblickkees am 7.9.2013. Es liegt noch eine relativ große Nettoakkumulation als "Rest" des Winterschnees im Nährgebiet. Die ockerbraune Färbung ist auf den im Frühjahr abgelagerten Wüstenstaub zurückzuführen.

Im Nährgebiet des Stubacher Sonnblickkeeses blieb heuer deutlich mehr Altschnee zurück als in den vergangenen Jahren. Aus der Fläche des Akkumulationsgebietes (Altschneebedeckung) im Verhältnis zur Größe des Ablationsgebietes kann schon jetzt abgeschätzt werden, dass die Bilanz größenordnungsmäßig höchstens leicht negativ, wahrscheinlich aber ausgeglichen bis leicht positiv ausgefallen ist. Endgültig wissen wir Ende Dezember, wie die Gletscher das Haushaltsjahr 2012/13 abgeschlossen haben - dann werden die Bilanzwerte vorliegen.

Kleine, höhergelegene, vor allem im Nordsektor gelegene Gletscher haben an Masse gewonnen oder bilanzierten ausgeglichen, die Mehrzahl sollten leicht bis mäßig negative Haushalte haben, größere, tiefer herabreichende und/oder südexponierte Gletscher werden wieder deutliche Massenverluste erlitten haben, aber weit entfernt von extremen Verlusten wie im Jahr 2003. Die Gletscher beiderseits der Zentralalpen haben mehr von den Schneefällen am Sommerbeginn profitiert als die der nördlichen Kalkalpen.

Die ehemalige Übergossene Alm am Hochkönigplateau (7.9.2013) hat sich in ein Dutzend Gletscherflecken aufgelöst. Heuer ist fast kein Altschnee mehr vorhanden.

Heinz Slupetzky

Die ehemalige Übergossene Alm am Hochkönigplateau (7.9.2013) hat sich in ein Dutzend Gletscherflecken aufgelöst. Heuer ist fast kein Altschnee mehr vorhanden

An einigen Gletschern war heuer der Eisrand noch zum Teil von Altschnee überdeckt, im Vergleich zum Vorjahr wäre hier der Rückgang gering, ja es könnten einzelne kleine Gletscher leicht vorgerückt sein, weil an der Stirn keine Ablation stattfand. Wir erwarten mit Spannung die Ergebnisse der Längenmessungen des Österreichischen Alpenvereins (OEAV), dessen Beobachter derzeit etwa 100 Gletscher nachmessen. Die Ergebnisse werden im April 2014 veröffentlicht.

Und die Zukunft?

Die jährlichen Massenbilanzen am Stubacher Sonnblickkees. Das heurige Jahr dürfte leicht positiv oder ausgeglichen sein.

Heinz Slupetzky/Andrea Fischer

Die jährlichen Massenbilanzen am Stubacher Sonnblickkees. Das heurige Jahr dürfte leicht positiv oder ausgeglichen sein.

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer! Im Diagramm ist ersichtlich, dass es die vergangenen 16 Jahre (beim Stubacher Sonnblickkees) nur zwei Jahre mit einem ausgeglichenen Haushalt gab, kein einziges Jahr mit einer positiven Bilanz, aber immer einen mehr oder weniger großen jährlichen Massenverlust; insofern ist das heurige Jahr eher eine Ausnahme.

Niemand kann wirklich seriös sagen, wie es weitergehen wird. Fest steht jedoch: Die Gletscher haben in den vergangenen über drei Jahrzehnten derart an Masse verloren, dass sie wenigstens zwei Jahrzehnte sehr "gletschergünstige" Verhältnisse brauchen - wie zwischen 1965 und 1981 - um halbwegs wieder solche Eismengen anzusammeln, dass sich daraus wieder vorstoßende Gletscherzungen entwickeln können. Aber immer noch wäre man weit entfernt von einer "Rückkehr" der Gletscher.

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