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Richterin im Gerichtssaal

Debattenkultur: Verklagen statt widerlegen

In wissenschaftlichen Debatten sollten sich über kurz oder lang die besseren Argumente durchsetzen. Manchmal sind die Argumente jedoch rein juristischer Natur: Fachliche Kontroversen enden immer häufiger vor Gericht.

Soziologie 27.09.2013

Schon der österreichische Philosoph Karl Popper wusste: Ohne fachliche Kritik wäre die Wissenschaft keine Wissenschaft. Sie dient der Widerlegung von Theorien - und sorgt somit indirekt für den Fortschritt des Wissens. Soweit die Theorie.

In der Praxis sieht es oft anders aus, berichtete der Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich beim Österreichischen Soziologenkongress in Linz. Kritiker würden immer wieder durch Verleumdungsklagen zum Schweigen gebracht:

Kongress

Österreichischer Kongress für Soziologie 2013
"Krisen in der Gesellschaft – Gesellschaft in der Krise". 25. bis 27. September 2013, Johannes Kepler Universität Linz.

Panel: "Beklagen & Verklagen als Geschäftsmodell"

"Die Rechtslage ist in verschiedenen Ländern unterschiedlich. Am krassesten war das Verleumdungsrecht - zumindest bisher - in Großbritannien. Daher gibt es einen regelrechten Verleumdungsrechtstourismus: Wissenschaftliche Konflikte werden nicht unbedingt in jenem Land ausgetragen, in dem entweder der Autor oder der Verlag oder das Journal seinen Sitz hat - sondern in jenem Land, in dem das Gerichtsverfahren am ehesten zu Gunsten des Klägers ausgeht."

Lügendetektor-Firma droht Journal

Ö1-Sendungshinweis

Über dieses Thema berichtet auch "Wissen aktuell", 27.9.2013; 13:55 Uhr.

Ein Beispiel: Die israelische Rechtswissenschaftlerin Karin Calvo-Goller reagierte auf eine negative Besprechung ihres letzten Fachbuches mit einer Klage in Paris. Sie versuchte, die missliebige Rezension von der Website "Global Law Books" entfernen zu lassen - allerdings erfolglos.

Sehr wohl erfolgreich war indes eine Intervention der Firma Nemesysco Limited. Der Hersteller von Lügendetektoren drohte dem "Journal of Speech Language an the Law" mit einem Verleumdungsprozess. Anlass dafür: Ein Fachartikel, in dem die Autoren zu der Conclusio gelangten, die Lügendetektor-Technologie funktioniere nicht und sei letztlich eine Pseudo-Wissenschaft. Die Herausgeber ließen sich von der Klagsdrohung einschüchtern und entfernten den Text. Was sehr ungewöhnlich ist: Fachartikel werden normalerweise nur bei schweren inhaltlichen Mängeln zurückgezogen - Mängel gab es in diesem Fall aber keine.

Öffentliche Kritik unerwünscht

Der Kritik nicht gerade förderlich ist auch ein Update der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Bezug auf den Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. In dem Schreiben präzisiert die DFG u.a. die Rechte bzw. Pflichten von Whistleblowern - die Regelung läuft darauf hinaus, dass die Veröffentlichung von Hinweisen auf Fälschungen und dergleichen ihrerseits als wissenschaftliches Fehlverhalten gilt. Mittlerweile ging eine Petition online, in der Forscher gegen die neue Regelung protestieren. Fröhlich: "Kritik ist das A & O der wissenschaftlichen Rationalität, so heißt es in Sonntagsreden. In der Praxis wird sie kaum praktiziert."

Robert Czepel, science.ORF.at

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