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Gezeichnet Bild eines menschlichen Kopfes, der als Puzzle dargestellt wird, einige Puzzleteile fehlen

Wie die Ironie in die Sprache kommt

Ungefähr ab acht Jahren erkennen Kinder den ironischen Gebrauch von Worten. Eine Studie kanadischer Psychologen zeigt: Emotionen sind für diesen Entwicklungsschritt maßgeblich - ohne Einfühlungsvermögen gibt es offenbar kein Sprachverständnis.

Psychologie 09.10.2013

Als Sigmund Freud 1938 dem nationalsozialistischen Österreich für immer den Rücken kehrte, wurde er vor der Ausreise von den Behörden gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben. Darin stand, dass er, Freud, von der Gestapo mit "Achtung und Rücksicht behandelt wurde und nicht den geringsten Grund zur Beschwerde hatte."

Freud setzte seine Unterschrift unter das Papier und fügte noch einen Satz hinzu. "Ich kann die Gestapo jedermann aufs Beste empfehlen." Bewiesen ist die Anekdote zwar nicht - falls es sich wirklich so zugetragen hat, dann traf der Begründer der Psychoanalyse den Schwachpunkt der Diktatur: Wo die schlichte Semantik regiert, ist der Ironiker immer im Vorteil.

Sätze mit doppeltem Boden sind laut Entwicklungspsychologen an gehobenes Sprachverständnis gebunden. Kinder lernen Ironie und Sarkasmus zwischen sechs und zehn Jahren zu erkennen. Und brauchen danach Jahre, bis sie die semantische Figur souverän einzusetzen wissen.

Puppenstück: Lobend kritisieren

Während das "Wann?" schon häufig Gegenstand von Untersuchungen war, haben Forscher bislang nicht untersucht, inwieweit das Ironieverständnis auch Einfühlungsvermögen voraussetzt. Naheliegend wäre es: Denn wenn der eigentliche Sinn nicht im Wörtlichen liegt, dann muss er sich im Kopf des Sprechers verstecken.

Die Studie

"Children’s processing of emotion in ironic language", Frontiers in Psychology (8.10.2013; doi: 10.3389/fpsyg.2013.00691).

Penny Prexman von der University of Calgary hat diese Frage nun an 31 acht bis neun Jahre alten Kindern untersucht. Sie spielte ihren Probanden ein Puppenstück vor, in dem gutes Verhalten gelobt ("Das war sehr gut") und schlechtes Verhalten kritisiert wurde. Letzteres entweder wörtlich ("Das war sehr schlecht") oder sarkastisch ("Das war sehr gut"). Wie Prexman im Fachblatt "Frontiers in Psychology" schreibt, erkannten vor allem jene Kinder die sarkastischen Kommentare als Kritik, die auch bei Empathietests gut abgeschnitten hatten.

Die Trefferquote lag bei den Acht- bis Neunjährigen im Schnitt bei 50 Prozent - im Gegensatz zu zwei Jahre jüngeren Kindern, mit denen Prexman ebenfalls Tests durchgeführt hatte. Sie zeigen: In diesem Alter kommen Ironie respektive Sarkasmus noch gar nicht an, die Trefferquote lag fast bei null. "Sarkastische Sprechweisen sind für Kinder eine echte Herausforderung. Speziell dann, wenn sie in ungewohnter Form auftreten", resümiert Prexman.

Hirnschaden schwächt den Sinn für Ironie

Neurobiologisch betrachtet fügt sich das Ergebnis durchaus ins Bild früherer Untersuchungen. Für das Empathieverständnis ist unter anderem der sogenannte rechte (ventromediale) präfrontale Cortex verantwortlich. Menschen, die in dieser Hirnregion Verletzungen aufweisen, können laut einer Studie Ironie kaum erkennen.

Und die Region dürfte auch etwas mit politischen Überzeugungen zu tun haben. Der präfrontale Cortex ist quasi die Gehirnweiche zwischen abwägendem und stereotypem Denken, wie die US-Forscherin Kristine M. Knutson vor kurzem herausfand. Eine Pointe, die wohl auch Freud gefallen hätte.

Robert Czepel, science.ORF.at

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