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Porträtfoto des Chemienobelpreisträgers 2013 Martin Karplus

"Österreich heute noch antisemitisch"

Martin Karplus, einer der heurigen Chemienobelpreisträger, ist 1930 in Wien geboren. Von den Nazis vertrieben, kehrte er nach Ende des Zweiten Weltkrieges öfter in seine alte Heimat zurück. Dabei traf er immer wieder auf einen unliebsamen alten Bekannten: den Antisemitismus.

Martin Karplus 12.10.2013

Flucht nach Frankreich und in die USA

Schon Jahre vor dem Einmarsch Adolf Hitlers in Österreich hätten seine Eltern die bevorstehende Verfolgung der jüdischen Bewohner geahnt, erzählt Martin Karplus rückblickend im Ö1-Mittagsjournal: "Meine Eltern haben gewusst, dass etwas kommt. Als ich fünf Jahre alt war, habe ich begonnen, Englisch zu lernen. Am Tag, als Hitler nach Österreich einmarschierte, hatten wir schon den Zug in die Schweiz reserviert. Wir sagten, dass wir auf Skiurlaub in die Schweiz fahren werden. Das einzige Problem war, dass mein Vater noch nicht freigekommen und noch im Gefängnis in Wien war."

Autobiografie Martin Karplus:

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Ö1-Sendungshinweise

Die Ö1-Journale und Ö1-"Wissen aktuell" berichten in der "Nobelpreiswoche" von 7. bis 11. Oktober über alle Auszeichnungen.

Der Vater war von den Nazis verhaftet worden. Gemeinsam mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder floh Karplus über die Schweiz nach Frankreich. In der Nähe von Paris lebten sie im Sommer 1938 in einem Kinderheim, das von seinem Onkel Ernst Papanek - einem Wiener Sozialisten, der sich in der Flüchtlingskinderbetreuung engagierte - errichtet worden war. Der Vater von Martin Karplus kam dann doch frei - wenige Tage, bevor die Familie aus Le Havre mit dem Schiff "Ile de France" nach New York auslaufen und somit vor den Nationalsozialisten fliehen konnte.

Antisemitische Erfahrungen

Lange nach der Vertreibung bekam Karplus wieder die österreichische Staatsbürgerschaft. Diese nütze ihm bei der Reisefreiheit, so der Nobelpreisträger. Aber er fühle sich nicht als Österreicher. Der Antisemitismus sei in Österreich immer noch präsent. Karplus kommt immer wieder nach Österreich, u. a. um Vorträge zu halten.

Auf der Suche nach einer nach seinem Großvater, dem Neurologen Johann Paul Karplus, benannten Gasse in Wien habe er vor wenigen Jahren wieder einmal Antisemitismus verspüren müssen: "Wir wollten wissen, wo die Gasse ist und haben die Inhaberin der Pension, in der wir wohnten, gefragt. Sie hat geantwortet, sie verstehe nicht, wie man eine Straße nach einem Juden benennen könne."

Die Dynamik von Molekülen

Karplus studierte in Harvard Chemie und wechselte später an das California Institute of Technology. Er dissertierte bei dem zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling. Seit 1966 lehrt und forscht der heute 83-Jährige an der Universität Harvard. Seit 1996 ist der Chemiker außerdem Professor an der Universite Louis Pasteur in Straßburg in Frankreich.

Den Nobelpreis bekommt Karplus für seine Forschungen über die Dynamik von Molekülen. Er beschreibt sein Forschungsgebiet kurz: "Wenn man den Bewegungen von Atomen nachgehen kann, kann man verstehen, wie diese Moleküle arbeiten." Um aus der Bewegung von Atomen Berechnungen über die Struktur von Molekülen anstellen zu können, programmierte Karplus schon ab den 1960er Jahren Computermodelle.

Warum nicht schon früher ausgezeichnet?

Schon früh habe er sich für Biologie interessiert, sagt Karplus: "Es hat angefangen, als ich sehr jung war. Ich wollte wirklich wissen, was man machen kann, um die Funktion der Proteine zu verstehen. Ich wollte wissen, wie die Struktur der Moleküle benutzt wird, damit sie als Enzyme wirken können und all die Sachen, die sie im Körper machen. Es hat viele Jahre gedauert, bis man die Methoden hatte, die gut genug waren, um die Vorgänge wirklich erklären zu können." Als der Nobelpreis bekanntgegeben wurde, sei er erstaunt gewesen, so Karplus. Aber seine Freunde hätten nicht verstanden, warum er den Nobelpreis nicht schon früher bekommen habe.

Zeit seines Lebens ist Karplus auch Hobbyfotograf. Seit den 1950er Jahren fotografiert er auf seinen Reisen. Die Bibliotheque nationale de France in Paris zeigte bis Ende August dieses Jahres eine Ausstellung über eine Auswahl seiner Bilder, darunter auch solche aus seiner alten Heimat Österreich.

Edith Bachkönig, Ö1 Wissenschaft

Die wissenschaftlichen Nobelpreise 2013: