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Eine Aneinanderreihung von Schädeln der Gattung Homo

"Zwei Paläoanthropologen, drei Meinungen"

Gehörten die frühen Ahnen des modernen Menschen tatsächlich zu einer einzigen Art, wie es eine neue Studie nahelegt? Der Wiener Anthropologe Gerhard Weber hält ihre Ergebnisse für "sensationell", die Diskussion aber noch für alles andere als abgeschlossen.

Menschenvorfahr II 18.10.2013

Denn: "Wenn sie zwei Paläoanthropologen fragen, bekommen sie drei Meinungen", bekennt der Professor für Anthropologie an der Universität Wien.

science.ORF.at: Handelt es sich bei der aktuellen Studie wirklich um einen Sensationsfund?

Link:

Die Studie:

"A Complete Skull from Dmanisi, Georgia, and the Evolutionary Biology of Early Homo" von David Lordkipanidze und Kollegen ist am 18.10.2013 in "Science" erschienen, ebenso der Begleitartikel "Stunning Skull Gives a Fresh Portrait of Early Humans" von Ann Gibbons.

Porträtfoto des Anthropologen Gerhard Weber

Universität Wien

Der Anthropologe Gerhard Weber

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 18.10., 13:55 Uhr.

Gerhard Weber: Durchaus. Der neu beschriebene Schädel weicht in seiner Gestalt deutlich von dem ab, was wir uns bisher vorgestellt haben. Die ersten Vertreter von Homo sind vor 1,8 Millionen Jahren aus Afrika nach Eurasien ausgewandert. Der Fund in Dmanisi hat ein erstaunlich kleines Gehirnvolumen, dennoch haben es die Vertreter seiner Art - im Laufe vieler Generationen - geschafft, die lange Distanz zu überwinden. Den Australopithecinen, die davor in Afrika gelebt haben, ist dies mit einem ähnlich kleinen Gehirn nicht gelungen. Ich sage nicht, dass der neue Schädel aussieht wie ein Australopithecus, aber viel fehlt nicht dazu.

Lässt sich jetzt schon sagen, dass es nur eine gemeinsame Homo-Art unter unseren Vorfahren gegeben hat?

Nein, das kann ich nach der kurzen Lektüre der Studie nicht sagen. Und auch die Autoren schlagen lediglich vor, dass wir uns den Kopf zerbrechen sollten, ob H. habilis, H. ergaster und H. rudolfensis tatsächlich unterschiedliche Spezies sind. Sensationell an der neuen Studie ist, dass sie zeigt, wie groß die Variation innerhalb einer Gruppe sein kann, die auf eng umgrenztem Raum gefunden wurde, zur selben Zeit gelebt hat und mit ziemlicher Sicherheit eine Spezies ist. Im Licht dessen müssen wir Ergebnisse aus Afrika, die alle von verschiedenen Fundstätten stammen, möglicherweise neu bewerten. Und es könnte sein, dass wir zum Schluss kommen, dass es wirklich nur eine Homo-Linie gab. Aber dazu ist es noch zu früh.

Die Forscher legen es zumindest nahe, sie schreiben generell von der Art "early homo" …

In der Studie steht das nicht so deutlich, der "Science"-Begleitartikel formuliert das etwas griffiger. Für mich ist das Thema nicht vom Tisch, weil es noch das Problem späterer Funde aus Afrika gibt, die ein deutlich höheres Gehirnvolumen haben und mehr aussehen wie Homo erectus - also ein geraderes Gesicht, eine weniger vorspringende Schnauze usw. haben. Man muss sich also weiter Gedanken machen, woher die Exemplare in Dmanisi kamen. War das ein Seitenast oder sind immer wieder Gruppen aus Afrika gekommen? Ich neige zur letzteren Annahme. Jedenfalls haben wir in Dmanisi nun den Beweis einer Gruppe, die es mit wenig Gehirnvolumen geschafft hat, so weit zu kommen.

Andere Experten sind sich bei der Einschätzungen der neuen Funde alles andere als einig, wie in dem Begleitartikel zu lesen ist …

Das ist ganz normal in unserer Wissenschaft. Wenn sie zwei Paläoanthropologen fragen, bekommen sie drei Meinungen, das ist immer so. Der Amerikaner Ian Tattersal neigt dazu immer eine neue Schachtel aufzumachen, wenn kleine Unterschiede auftreten. Er meint, dass es in Dmanisi zwei Spezies geben könnte und der neue Schädel zu einer bisher unbekannten Art gehört. Das halte ich für sehr unwahrscheinlich. Ron Clarke meint, dass der neue Schädel wie ein H. habilis aus Südafrika aussieht, womit er nicht Unrecht hat, und Fred Spoor argumentiert, dass Fossilfunde in Afrika alle zu H. erectus gehören. Sie sehen: Es gibt keine eindeutige Lehrmeinung.

Studienautor Christoph Zollikofer meint, dass Anthropologen zu einer übertriebenen "Artenbildung" neigen …

Das finde ich sehr plausibel. In solchen Ausgrabungen stecken sehr viel Arbeit, Zeit und Geld. Der Wunsch, etwas besonders zu entdecken, ist groß. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Medien mit Sensationsmeldungen immer wieder überschlagen. Stets muss die Geschichte neu geschrieben, der tollste Fund der Welt gemacht werden. Die aktuelle Studie ist aber sehr solide, und wir müssen jetzt wirklich nachdenken, wie wir die Ergebnisse aus Afrika einordnen. Dass jeder versucht, ein neues Schachterl aufzumachen um der Größte zu sein, ist ganz normal in unserem Business.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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