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Uni Wien

"Kein Jude, kein Linker, kein Positivist"

Schon vor den Nationalsozialisten hat es an Österreichs Hochschulen kaum jüdische oder politisch andersgesinnte Professoren gegeben. Dafür sorgten deutsch-nationale und katholisch-konservative Netzwerke. In der Zweiten Republik hat sich daran zunächst wenig geändert.

Hochschulpolitik 18.10.2013

"Der Prozess des inneren Umbaus der Hochschulen vor allem im Sinne der deutsch-nationalen und katholisch-konservativen Elite war eigentlich zu Beginn der 1930er-Jahre abgeschlossen", erklärte der Historiker Thomas König gestern, Donnerstag, bei einem Vortrag an der Universität Wien.

Verborgene Regeln der Berufung

Schon in den Jahren zuvor habe vor allem die Berufungspolitik nach gewissen "Hidden Rules" funktioniert, schilderte König in seinem Vortrag zu den Grundlagen der österreichischen Hochschulpolitik in der Zweiten Republik, der im Zuge der zeitgeschichtlichen Vortragsreihe "Interaktionen" stattfand.

"Diese Regeln besagten: Kein Jude, kein Linker und kein Positivist soll bei einer zu besetzenden Professorenstelle berücksichtigt werden." Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb dieses Schema vor allem in jenen Köpfen verankert, die damit aufgewachsen waren und keine andere Vorgehensweise kannten.

ÖVP-Minister sorgte für konservative Tradition

Das traf laut König, derzeit wissenschaftlicher Berater der Präsidentin des Europäischen Forschungsrats Helga Nowotny, auch auf den Politiker Heinrich Drimmel, geboren 1912, zu. Als Unterrichts-und Hochschulminister der Österreichischen Volkspartei war er ab 1954 mit dafür verantwortlich, "dass sich dieses Schema noch für einige Jahre prolongierte und sich das konservative Gedankengut noch jahrzehntelang in den Hörsälen hielt", wie König meinte.

Drimmel beschrieb er als einen "sehr mächtigen und gut informierten Ressortminister", dem vor allem der Hochschulbetrieb und das Wissenschaftssystem am Herzen lagen. Als Jusstudent, Hochschülerschaftsfunktionär und Leiter der Hochschulsektion selbst im Wissenschaftsbetrieb sozialisiert, strebte Drimmel nach einer Reformation des tertiären Sektors und der Organisation der Hochschule in einer neuen rechtlichen Form.

Vorgesehen sei dazu ein Drei-Stufen-Plan gewesen, der einerseits die Organisation der Universitäten, aber auch das Studium und seine Inhalte und schließlich das universitäre Dienstrecht regeln sollte.

Bedrohung durch liberale Ideen

"Verwirklicht hat er jedoch nur die erste Stufe und zwar mit dem Hochschulorganisationsgesetz von 1955", betonte König. Die anderen Reformbestrebungen Drimmels seien dann vor allem an seiner Unfähigkeit gescheitert, Kontrollfunktionen abzugeben, erklärte der Historiker. Denn Drimmel begriff die Wissenschaft als "schönes aber potenziell gefährliches Gewächs, das Kontrolle und Überwachung braucht".

Vor allem die metaphysische Grundlage der Wissenschaft war ihm ein Anliegen - Positivisten wie etwa den Rechtswissenschaftler Hans Kelsen, die nur auf die Erforschung beobachtbarer Sachverhalte setzen, nahm er als Gegner wahr.

"Bedroht sah er die Universitäten vor allem durch die steigenden Studentenzahlen der Nachkriegsjahre, die höheren ökonomischen Anforderungen an das Hochschulsystem und den kulturpolitischen Liberalismus, der aus den USA importiert wurde", erklärte König. Umso wichtiger sei dem Unterrichtsminister die praktisch-politische Umsetzung seiner Ideen gewesen.

Einerseits versuchte er rechtlich und organisatorisch die letztgültige Kontrolle über Entscheidungen zu behalten, andererseits mischte er sich aktiv in Entscheidungsverfahren ein - etwa in die Berufung von Professoren an der philosophischen Fakultät. Auch neu gegründete außeruniversitäre Institutionen wie etwa das Institut für höhere Studien (IHS) behielt er genau im Auge.

Allianz mit Professoren

Warum Drimmels "Containment", also "Eindämmungs-Politik" zumindest einige Jahre lang so gut funktionierte, lag laut König vor allem an den Spezifika des österreichischen Hochschulbetriebs nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit drei Universitäten, drei weiteren Technische Hochschulen (heute Technische Universitäten), der Universität für Bodenkultur und der Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität) war der Wissenschaftsbetrieb sehr überschaubar.

"Aus seiner Ausbildungszeit nahm Drimmel zudem Klientelnetzwerke mit. Er unterhielt fixe Allianzen mit Professoren und bezog so Handlungsanweisungen, Expertise und Insiderwissen", so der Historiker. Im Zusammenspiel mit den weiterhin praktizierten "Hidden Rules" der Besetzung, erreichte er damit nicht nur Kontrolle, sondern die anhaltende Dominanz des konservativen Gedankenguts in den österreichischen Hörsälen.

science.ORF.at/APA

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