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Computeranimiertes Bild eines weiblichen Cyborgs

Utopisch, transhuman oder inhuman?

Utopisten und Transhumanisten haben eines gemeinsam: Beide skizzieren die Zukunft eines neuen Menschen. Während Utopien aber - positive oder negative - neue Welten zeigen, die den Menschen verändern, will ihn der Transhumanismus grundlegend biologisch verbessern: Er soll besser sehen, hören und denken können.

Der neue Mensch 24.10.2013

Worin die ethischen Grenzen und Gefahren dieses technologischen Projekts liegen, erklärt der deutsche Politikwissenschaftler und Utopieforscher Richard Saage.

science.ORF.at: In der Politik scheint das Motto derzeit eher "Durchwurschteln" und "More of the same" zu sein. Sehen Sie heute eine große Nachfrage nach großen Gesellschaftsentwürfen?

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Veranstaltungshinweis:

Vom 24. - 25. 10. 2013 findet die Tagung "Philosophische Anthropologie - Natur und Medien" statt.

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien

Richard Saage: Zumindest in der deutschen Politik scheint tatsächlich ein Utopie-neutraler Pragmatismus vorzuherrschen. Aber man darf nicht übersehen, dass Globalisierung und europäische Einheit durchaus utopische Elemente enthalten. In der Globalisierung ist eine Perspektive auf eine Weltgesellschaft erkennbar. H.G. Wells hat in seinem Roman "A Modern Utopia" bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine solche Vision entworfen. Sie ist freilich ambivalent. Sie kann positiv gedeutet werden, als Hebung des Wohlstands für alle. Sie kann aber auch dystopisch gewendet werden, als Problemfeld, in dem kulturelle Differenzen als Konflikte ausgetragen werden. Utopische Aspekte sind auch in der Europa-Idee - im Spannungsfeld zwischen den Nationalstaaten und Europa als übernationalem Staat - zu erkennen, mit Anspruch auf Einheit in der Mannigfaltigkeit und der Garantie eines innereuropäischen Friedens. Freilich ist das Gefälle zwischen Anspruch und Wirklichkeit steil, wie wir in der aktuellen Krise erkennen können.

Neben der Politik gibt es auch andere Bereiche der Gesellschaft, in der Utopien eine Rolle spielen, etwa in der Literatur: Sehen Sie da ein Comeback von Utopien?

Ich habe keinen Gesamtüberblick über alle utopischen Texte, die in letzter Zeit erschienen sind. Aber man kann mit Sicherheit sagen, dass ihre Anzahl seit den 1970er Jahren deutlich gestiegen ist, und zwar auch positiv-utopischer Texte. Seit Beginn des 21. Jahrhundert gibt es mehr dystopische Bücher, aber auch die sind eine Variante der Utopie. Es handelt sich dabei v.a. um Texte, die sich gegen eine transhumanistische Abschaffung des alten Menschen wenden wie Bettina Obrechts "Designer-Baby", Michel Houellebecqs "Die Möglichkeit einer Insel", Kazuo Ishiguros "Alles, was wir geben mussten" oder Richard Powers "Das größere Glück". In der Literatur ist die utopische Kontinuität gewahrt.

Francis Fukuyamas Diktum vom "Ende der Geschichte" hat sich auf die großen Utopien bezogen, die sich mit dem Ende der Sowjetunion erübrigt hätten. Vor rund zehn Jahren hat er aber auch geschrieben, dass der Transhumanismus eine der größten Gefahren für die Menschheit sei. An seiner Figur festgemacht: Sind die Transhumanisten die Nachfolger der Utopisten?

In gewisser Weise ja. Ich bin aber der Meinung, dass sie sich in zentralen Punkten unterscheiden. Erstens: Die Transhumanisten wollen den Menschen nicht wie die Utopisten optimieren, sondern abschaffen. Sie wollen eine neue Art herstellen: einen technisch aufgerüsteten Menschen, der dem alten in vielerlei Hinsicht haushoch überlegen ist. Er soll belastungsfähiger, gesünder und kraftvoller sein, er soll besser wahrnehmen und denken können.

Zweitens: Die Transhumanisten wollen die für Utopisten zentrale Unterscheidung zwischen Naturding und Artefakt aufheben. Naturdinge sind Phänomene der organischen und anorganischen Natur, die unabhängig vom menschlichen Eingriff existieren: Pflanzen und Tiere auf der einen Seite, Vulkanismus, Wettererscheinungen und dergleichen auf der anderen. Artefakte sind hingegen von Menschen bearbeitete Gegenstände. Der Mensch investiert mit seiner Arbeit sich selbst in die Artefakte. Er eignet sie sich dadurch an, und die Artefakte können sich dann zu einem Kosmos der Zivilisation ausweiten.

Die Utopisten versuchen nun der Natur möglichst viele artifizielle Räume abzuringen, die unter der Kontrolle der menschlichen Ratio stehen - ein Beispiel dafür ist die Idealstadt der frühen Neuzeit. Die Transhumanisten wenden diesen Versuch auf den Menschen selbst an. Sie verstehen sich zwar auch als Anhänger der Darwin'schen Evolutionstheorie. In dieser verläuft der evolutionäre Prozess aber blind, er ist von zufälligen Faktoren abhängig, während die Transhumanisten glauben, die biologische Evolution in die eigene Hand nehmen zu können - auf Ziele gerichtet, die sich der Mensch selbst gibt.

Auch wenn nicht alle Voraussagen eingetroffen sind - etwa was Gentherapien betrifft -, so sind die Fortschritte etwa in Nano- und Biotechnologie unleugbar. Brauchen diese Fortschritte überhaupt eine zentrale Ideologie wie den Transhumanismus oder laufen sie nicht ohnehin "einfach so" ab?

Das kann man so sehen. Freilich darf man den Transhumanismus nicht unterschätzen, denn er imprägniert die gesellschaftlichen Strukturen mit seinen eigenen Inhalten und ermöglicht so, dass Menschen sich leichter dieser technischen Aufrüstung unterwerfen. Der Transhumanismus ist Teil unserer westlichen Zivilisation, mit ihrer ständigen Tendenz zu optimieren und Leistung zu steigern.

Was ist das Problem daran?

Dass der Transhumanismus die Autonomie des Menschen zerstört, und damit die Grundlage seiner Würde. Der Mensch wird total von der Technik abhängig gemacht, ja er verschmilzt mit der Maschine und wird so selbst zu Technik. Damit stellt der Transhumanismus die Einheit von Naturding und Artefakt her. Ich halte hingegen an einer autonomen Ethik im Sinne Kants fest, wonach der Mensch ein Zweck in sich selbst ist und niemals zu einem bloßen Mittel degradiert werden darf. Und genau das ist meines Erachtens im Transhumanismus der Fall.

Wo sehen Sie Ansätze, bei denen sich diese Gedanken in konkrete Wissenschafts- oder Forschungspolitik niedergeschlagen haben?

Es gibt zwei Berichte der US-Förderbehörde NSF bzw. des Bioethikrats des US-Präsidenten aus den Jahren 2002 bzw. 2003, die die zwei grundlegenden Positionen sehr gut charakterisieren ...

… das ist aber fast zehn Jahre her …

Ja, aber die darin verwendeten Grundmuster haben sich nicht geändert. Auf der einen Seite haben wir es mit einer technischen Aufrüstung des Menschen zu tun, besonders in der Medizin. Um die Funktion des menschlichen Körpers aufrechtzuerhalten oder zu verbessern, wird er zunehmend mit maschinellen Implantaten wie Herz- oder Gehirnschrittmachern angereichert. Die Transhumanisten fordern, der Mensch solle seine eigene biologische Entwicklung in die Hand nehmen und seine Leistungsfähigkeit auch im gesunden Körper steigern. Auf der anderen Seite gibt es ein Lager, das zwar Eingriffe in den menschlichen Körper akzeptiert, aber nur dann, wenn sie ausgefallene physiologische Funktionen wieder herstellen, also dem natürlichen Heilungsprozess dienen. Dieser Ansatz geht von der Prämisse aus, dass wir nicht unbegrenzt über unseren Körper verfügen können, weil er in letzter Instanz von Gott gegeben wurde. Diese Unverfügbarkeit unserer physiologischen Existenz macht den Kern der Würde des Menschen aus. Und sie gerät dann in Gefahr, wenn der Mensch dazu übergeht, auch den gesunden Körper technisch zu verbessern. Diese beiden Lager stehen sich ziemlich unversöhnlich gegenüber.

In einer Reihe von Ländern gibt es für diese Fragen Ethikkommissionen, manche Krankenhäuser haben ihre eigenen Ethikbeiräte, und die stellen sich üblicherweise nicht auf die Seite der Transhumanisten. Wie groß ist die reale Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Tages ihre Ziele erreichen werden?

Die Transhumanisten behaupten, dass wir Menschen in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation bereits mitten in einem Prozess stecken, der in jene Richtung zeigt, die sie visioniert haben. Ich meine aber, dass die Gesellschaft selber entscheiden muss, in welche Richtung er gehen soll: Wollen wir alles am Menschen technisch manipulieren, was wir manipulieren können? Oder nehmen wir punktuell davon Abstand? Da muss ein gesellschaftlicher Konsens her, der eine rote Linie zieht.

Könnten Sie als Kritiker dieser Entwicklung nicht froh darüber sein, dass es Leute gibt, die diese Szenarien durchdenken und daraus eine Ideologie entwickelt haben, weil man dadurch einen benennbaren Gegner hat?

(lacht) Ja, es ist sicherlich ein Verdienst der Transhumanisten, dass sie den Mut haben, diese technischen Anwendungen auf den Menschen zu Ende zu denken. Vorläufer dazu gab es im Übrigen bereits in den 1920er Jahren, und zwar die Briten John Haldane und John Bernal, der eine ein wichtiger Biologe der andere ein Physiker. Beide waren ursprünglich Marxisten und glaubten, die physiologische Konstitution des britischen Proletariats durch technische Anwendungen verbessern zu können.

Was beweist, dass utopisches und transhumanistisches Denken gemeinsame Wurzeln haben …

Ja, es gibt Schnittmengen: der Geist des Machens, die Akzeptanz der naturwissenschaftlichen Gesetze und einiges mehr. Aber ich bin sicher, dass die Unterschiede gerade im Bereich der Anthropologie so stark sind, dass man zwischen den beiden Strömungen unterscheiden sollte.

Wie unterscheiden sich die Menschenbilder von Utopisten und Transhumanisten?

Im utopischen Denken haben wir es mit einem ambivalenten Menschenbild zu tun: Der Mensch kann sich in eine positive oder in eine negative Richtung entwickeln. Deshalb kommt es darauf an, dass man eine Gesellschaft konstruiert, in der starke Institutionen die positiven Seiten der menschlichen Natur fördern und die negativen Seiten eher unterdrücken. Das Menschenbild der Transhumanisten hingegen hat eine außergewöhnlich hybride Stoßrichtung, die stark eskapistische Züge annimmt und daher von vielen Leuten nicht ernstgenommen wird. Ihr Eskapismus zeigt sich etwa darin, dass sie die empirischen Ergebnisse der Forschung - etwa im Bereich der Gehirnforschung - übertreiben und auf die von ihnen gewünschte Richtung schließen.

Am IFK in Wien sind Sie Mitorganisator einer Konferenz, in deren Mittelpunkt ein Programm steht, das versucht, derartige Probleme zu lösen: die philosophische Anthropologie - inwiefern kann sie das?

Die philosophische Anthropologie in der Tradition von Denkern wie Helmut Plessner, Max Scheler und Adolf Portmann kann uns in dieser Situation Orientierungswissen bieten. Und zwar in dem Sinn, dass sie von einem Menschenbild ausgeht, das zwei Dimensionen umfasst: zum einen seine animalische, biologische Natur, die ganz nach den Gesetzen Darwins verläuft. Zum anderen ist der Mensch gezwungen, Kunstwelten und Artefakte zu schaffen, um sich wegen seiner Weltoffenheit, seines Antriebsüberschusses usw. zu stabilisieren. Er muss eine Zivilisation entwickeln, um seine Identität aufrechtzuerhalten - auf welcher Stufe auch immer. Die philosophische Anthropologie betont diese beiden Dimensionen nicht einseitig, sondern setzt auf ein Gleichgewicht zwischen der artifiziellen und der biologischen Natur des Menschen. Nur wenn diese Balance erreicht ist, können wir uns ein gutes Leben vorstellen.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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