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"Coudenhove-Kalergi fast vergessen"

Vor 90 Jahren ist in Wien das Buch "Pan-Europa" erschienen, in dem Richard Coudenhove-Kalergi unter dem Eindruck der Schrecken des Ersten Weltkriegs für die Schaffung eines europäischen Staatenbunds eintrat. Die Ziele der im folgenden Jahr gegründeten Paneuropa-Bewegung sind heute zum Großteil verwirklicht.

90 Jahre Paneuropa 23.10.2013

Der Urheber der visionären Idee und Gründer der Bewegung ist heute in Österreich jedoch fast vergessen, klagte der langjährige Sekretär und Vertraute von Coudenhove-Kalergi, Lacy Milkovics gegenüber der APA.

"Die Tatsache, dass die Idee einer europäischen Einigung von Österreich ausgegangen ist, wird heute weitgehend verschwiegen", so der Zeitzeuge am Mittwoch am Rande einer Pressekonferenz anlässlich eines für Freitag geplanten Festakts im Haus der Europäischen Union in Wien.

Laut den Initiatoren fehlen in Wien bis heute ein Gedenkplatz oder eine Straßenbenennung, die an den europäischen Visionär erinnert, sowie eine Erwähnung in den Schulbüchern. "Wenn man bedenkt, was Coudenhove-Kalergi alles erreicht hat, ist das unverständlich", so Milokovics, der selbst mehrere Jahre Generalsekretär von Paneuropa Österreich war.

Von Adenauer, Einstein u.a. unterstützt

Nach der Veröffentlichung seines paneuropäischen Manifests 1922 in der "Presse" und seines Buches 1923 gelang es Coudenhove-Kalergi sehr rasch, bedeutende europäische Intellektuelle und Politiker für seine Idee zu gewinnen. Seiner Paneuropa-Union gehörten im Laufe der Zeit unter anderem der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, der französische Außenminister und Friedensnobelpreisträger Aristide Briand, der französische Ministerpräsident Edouard Herriot, Albert Einstein und Thomas Mann an.

Die Paneuropa-Bewegung wurde zu einer europaweit organisierten Organisation. Die österreichische Sektion führten der damalige Bundeskanzler Karl Renner und sein späterer Nachfolger Ignaz Seipel an. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland setzte den paneuropäischen Ideen ein vorläufiges Ende. Coudenhove-Calergi ging ins Exil und verbrachte die Zeit während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz, Frankreich und den USA.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte seine Paneuropa-Idee eine Renaissance. 1947 gründete Coudenhove-Kalergi die Europäische Parlamentarier-Union (EPU), deren Generalsekretär er wurde. Bei der Schaffung des Europarates 1949 konnte die EPU die Einrichtung einer Parlamentarischen Versammlung durchsetzen - der europäische Parlamentarismus war geboren.

Nicht unbedingt monarchistisch

Grund dafür, dass Coudenhove-Kalergi heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, ist laut Milkovics, dass die Paneuropa-Bewegung immer wieder "fälschlicherweise mit monarchistischen Tendenzen" in Zusammenhang gebracht werde - vor allem wegen des Engagements von Otto Habsburg.

Der verstorbene österreichische Kaisersohn war nach dem Tod Coudenhove-Kalergis von 1973 bis 2004 Präsident der internationalen Paneuropa-Union. Milkovics selbst engagiert sich für die Monarchistenpartei "schwarz-gelbe Allianz". "Aber ich habe die Union in Österreich immer rein demokratisch republikanisch geführt", betont er.

Maßgeblich beteiligt waren Milkovics und Coudenhove-Kalergi auch an der Aussöhnung zwischen dem Hause Habsburg und der Republik Österreich. "Man kann sich nicht vorstellen, welche Unruhe dieses Thema in Österreich in dieser Zeit verursacht hat", so Milkovics. Unter persönlichem Einsatz der beiden sei 1972 schließlich das historische Treffen zwischen dem damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky und Otto Habsburg gelungen. "Mit diesem Handschlag war dann mit einem Mal innenpolitischer Frieden geschaffen."

Gefahr des Nationalismus

Mit der heutigen EU wäre Coudenhove-Kalergi wohl zufrieden, meint Milkovics, "weil der Großteil seiner Forderungen umgesetzt wurden, sicher unzufrieden wäre er mit dem aufgeblasenen Apparat und der Bürokratie".

Noch vor 20 Jahren hätte man sich nicht träumen können, dass die EU heute 28 Mitglieder haben wird, "insofern sind wir unseren Zielen einen großen Schritt näher gekommen". Besorgt zeigte sich Milkovics allerdings angesichts der "steigenden Gefahr des Nationalismus". Er sei jedoch zuversichtlich, dass die europäischen Politiker die Gefahr erkennen und dem entgegensteuern würden.

science.ORF.at/APA

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