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Deutsche Kriegsgefangene tragen verwundete britische Soldaten an der Westfront des Ersten Weltkriegs, 1916 bei der Schlacht an der Somme .

Wozu Kriege gut sind

Kriege sind für die Entwicklung der Menschheit notwendig und damit nicht immer schlecht - mit dieser provokanten These lässt der Historiker Ian Morris von der US-Universität Stanford in seinem aktuellen Werk aufhorchen.

Geschichte 25.10.2013

Erst mit dem aus dem 1. Weltkrieg und seinen Folgen hervorgegangenen Weltsystem habe die Notwendigkeit zur Gewalt ihr Ende gefunden.

Ian Morris: "Krieg. Wozu er gut ist", Campus-Verlag 2013, 527 Seiten, 26,99 Euro

Mit "Krieg. Wozu er gut ist" legte der Forscher Ian Morris eine sich über 20.000 Jahre erstreckende Untersuchung dar, die sich auf archäologische und historische Erkenntnisse stützt. Im Laufe der Menschheitsgeschichte sei die Gewalt immer weiter zurückgegangen, heißt es darin. Während in prähistorischen Zeiten noch zehn bis 20 Prozent der Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben seien, wären es im 20. Jahrhundert trotz großer Kriege und Genozide nur mehr 0,7 Prozent gewesen.

Unvermeidliche Gewalt

Möglich machte diese Entwicklung ständige Gewalt. Während primitive Gesellschaften ihre Konflikte um Ressourcen noch durch Weiterziehen lösen konnten, wird nach Darstellung von Morris durch Ackerbau und wachsende Bevölkerungszahlen Krieg immer unvermeidlicher.

Das historische Paradox bestehe jedoch darin, dass danach die unterlegene Gesellschaft vom Sieger geschluckt werde. Die neuen Herrscher hätten dann jeden Grund gehabt, weiteres Blutvergießen - wenn nötig gewaltsam - zu unterdrücken. Aus Jäger-und-Sammler-Stämmen von 20 Menschen wurde das Römische Imperium mit 70 Millionen Einwohnern.

Befriedung durch Unterdrückung

In der Moderne bilden sich schließlich von Europa ausgehend Staatengebilde, die ganze Kontinente umspannen und diese durch Unterdrückung "befrieden". Bereits das britische Weltreich habe eine ähnliche Hegemonialmacht entfaltet wie heute die USA, in einer Situation, die der heutigen erschreckend ähnlich sei, sagte Morris. Doch das Empire der Briten hatte mit Deutschland und anderen Mittelmächten starke Rivalen, es habe sich darum um eine "dysfunktionale Weltmacht" gehandelt. Die Folge war ein Weltkrieg mit 100 Millionen Toten.

Welche Rolle der Erste Weltkrieg für das Ende der Gewalt haben werde, sei erst jetzt langsam abzusehen, glaubt Morris. Die beste Art, solche Abläufe zu betrachten, sei in Jahrhundert-Schritten. 1919 hätten die Siegermächte von einem guten, sinnvollen Krieg gesprochen. In den 1930ern, unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise und des Aufstiegs des Faschismus hieß es wieder, der Krieg sei entsetzlich gewesen. Erst nach 1989 habe man den Großen Krieg nicht als singuläres Ereignis sehen können, sondern als Beginn eines "kurzen Jahrhunderts", an dessen Ende eine einzige Supermacht verblieben ist, die USA.

Für Morris ist die USA als "Weltpolizist" die beste Garantie für ein Ende der Gewalt auf globaler Ebene, die viele kleine und besonders einen weiteren großen Krieg verhindert. Das von ihr etablierte liberale, demokratische globale System sei das ideale Ergebnis der Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gewesen. "Das ist nicht das beste System, das es geben kann, aber es ist das beste, das wir kriegen werden", befand der Historiker, der auf Einladung des Bruno-Kreisky-Forum Wien besuchte.

Alexander Fanta, APA

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