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schwebender Körper im Lichttunnel

Warum die Biologie lokal ist

Gene oder Lebensstil, Veranlagung oder Umwelt? Die Anthropologin Margaret Lock glaubt nicht, dass man mit diesen Gegensatzpaaren erklären kann, warum manche Menschen erkranken und andere nicht. Sie plädiert für den Begriff der "lokalen Biologie", der ausdrücken soll, wie untrennbar Körper und Umgebung miteinander verbunden sind.

Medizin 29.10.2013

Trotz der boomenden biologischen Disziplin der Epigenetik, die sich mit dieser Verbindung beschäftigt, ortet Margaret Lock in der Wissenschaft noch immer reduktionistische Tendenzen - und zwar sowohl in Medizin und Biologie als auch in ihrer eigenen Zunft, der Anthropologie.

science.ORF.at: Würden Sie sich selbst auf genetische Krankheitsrisiken untersuchen lassen?

Margaret Lock: Nein. Ich bin aber in der glücklichen Lage, nicht aus einer Familie zu stammen, in der es Erbkrankheiten gibt, die auf ein einzelnes Gen zurückgehen.

Rein theoretisch: Wenn das der Fall wäre, würden Sie es dann machen?

Porträtfoto der Medizinanthropologin Margaret Lock

Creative Commons

Die Medizinanthropologin Margaret Lock ist Marjorie Bronfman Professor in Social Studies an der McGill University in Montreal.

Veranstaltungshinweise:

Am 28.10. hat Margaret Lock an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien einen Vortrag mit dem Titel "Reassessing Embodiment in the Era of the Epigenome" gehalten. Am 29.10. besteht die Möglichkeit zur Diskussion mit ihr am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften (Reichsratsstraße 17, 1010 Wien; Zeit: 16.00Uhr bis 18.00Uhr).

Es ist sehr schwierig das zu beantworten, so lange man nicht betroffen ist. Ich habe mit vielen solchen Betroffenen gesprochen. Die Mehrheit macht keinen Gentest, weil er keine wirkliche Klarheit bringt. Zum Beispiel Chorea-Huntington: Man weiß auch mit Gentest nicht, wann die Krankheit ausbricht. Manche Menschen bekommen sie nicht, obwohl sie das entsprechende Gen haben etc. Es gibt also jede Menge Unsicherheiten. Prinzipiell gilt es zwei Fälle auseinanderzuhalten: wenn ein mögliches Kind betroffen ist oder das eigene Wohlergehen. Wenn es um mein Kind gehen würde, würde ich so einen Test vermutlich machen, nachdem ich mit meinem Partner darüber diskutiert habe. Im anderen Fall nicht.

Ist der Druck auf den Einzelnen in den vergangen zehn, 15 Jahren gestiegen, solche Gentests zu machen?

Das ist in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich, zumindest in Montreal/Kanada, wo ich lebe, steigt der Druck nicht. Aber die Ärzte halten es heute für notwendiger, ihre Patienten über Gentests zu informieren. Ich glaube nicht, dass sie jemanden dazu überreden wollen, die Entscheidung überlassen sie weiter den Einzelnen und ihren Familien. Der am meisten verbreitete Gentest betrifft Brustkrebs und das BRCA-Gen: Dabei kommt der Druck eher von den Patientinnen als von den Ärzten.

Als 2001 das menschliche Erbgut entschlüsselt wurde, wurden viele neue Gentherapien vorausgesagt. Diese Versprechen haben sich bisher nicht erfüllt. Glauben Sie, dass das Zeitalter des genetischen Reduktionismus vorbei ist?

Nein, denn es gibt noch sehr viel über single gene disorders zu erforschen. Ein reduktionistischer Ansatz ist auch sehr sinnvoll, der uns bei einigen schweren Erkrankungen sehr weit gebracht hat. Aber wir wissen auch - und Huntington ist das beste Beispiel dafür - dass die Umgebung die Krankheit zum Ausbruch bringt. Die große Mehrheit der Krankheiten - auch die meistverbreiteten wie Herzkrankheiten, Krebs oder Demenz - sind sehr komplex. An ihnen sind mehrere Gene beteiligt, und wie sie alle zusammenspielen, ist noch lange nicht geklärt. Die größte Neuerung nach der Erbgut-Entschlüsselung war der langsame, aber stetige Anstieg der Epigenetik. Die Molekularbiologen interessieren sich nicht mehr nur für die Gene, sondern für größere Bereiche der Zelle. Sie fragen sich, wie Gene im Laufe eines Lebens durch Umwelteinflüsse aktiviert oder abgeschaltet werden. Es geht dabei um komplizierte chemische Prozesse wie DNA-Methylierung, wo noch viel Forschung erforderlich ist. Die Epigenetiker bringen den alten Gegensatz von "Nature or nurture" theoretisch zusammen. Aber: Sie hängen noch immer an der Ebene der Zellen, eine Art körperlicher Neo-Reduktionismus.

Epigenetik könnte auch ein Weg für Sozial- und Kulturwissenschaftler sein, sich in die medizinische Debatte einzubringen: Ist das nicht auch eine große Chance?

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Arbeit von Margaret Lock berichtet auch "Wissen Aktuell" am 29. Oktober 2013 um 13.55 Uhr.

Ja, das könnte eine Chance für sie sein, aber die Sozialwissenschaftler müssen sich auch ein wenig zusammenreißen (lacht), damit das geschieht. Die andere Gruppe, die betroffen ist, sind Epidemiologen. Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren auch mit den sozialen Faktoren von Gesundheit und Krankheiten. Dabei geht es weniger um ethnische Unterschiede als um Klassenunterschiede, um Armut, Stress, Arbeitsbedingungen, giftige Umgebung etc. Der neue epigenetische Ansatz warnt generell davor zu glauben, dass es so etwas wie einen, bestimmenden Faktor für Krankheiten gibt. Die Philosophin Evelyn Fox-Keller meint, dass wir den Raum zwischen "nature" und "nurture" verschwinden lassen sollten und verstehen, wie untrennbar sie miteinander verbunden sind.

Diese Untrennbarkeit medizinisch-empirisch zu untersuchen ist sehr schwierig, weil man es mit sehr vielen Variablen und langen Zeiträumen zu tun hat. Gibt es da konkrete Forschungsprojekte?

Die wohl bekannteste Studie ist die "Dutch famine study", die im Zweiten Weltkrieg in den Niederlanden begonnen hat. Die Nazis hatten die Ernährung der Bevölkerung drastisch reduziert. Wie sich das auf die Neugeborenen auswirkte, wurde danach jahrzehntelang untersucht. Es zeigte sich, dass sie und noch die Folgegeneration für eine Reihe von Krankheiten anfälliger waren. Das lag offenbar an den Lebensbedingungen während der Schwangerschaft und wurde nicht über die normale Mendelsche Vererbung übertragen, sondern auf epigenetische Art und Weise.

Ein anderes Beispiel?

In Quebec hat man das Gehirn von Selbstmördern untersucht. Sie stammten aus Familien, in denen es Missbrauch und Übergriffe gegeben hat, und ihre Gewebe zeigten bestimmte Abnormalitäten. So hat man eine Verbindung zwischen Depression und frühkindlichen Erfahrungen entdeckt. Auch wenn das noch vorläufige Ergebnisse sind, ist klar: Wir müssen Umwelt als etwas Größeres betrachten, nicht nur auf molekularer Ebene, sondern auch verstehen etwa als chronischer Missbrauch, traumatische Ereignisse, Flucht, Hunger, Krieg usw.

Sie sagten vorhin, Sozialwissenschaftler sollten sich zusammenreißen - wie könnten sie das tun? Und machen sie das nicht bereits bei bestimmten Forschungsprojekten?

Natürlich haben Medizinanthropologen schon in den vergangenen 50 Jahren untersucht, wie sich Krankheiten in verschiedenen Kulturen unterschiedlich manifestieren. Dabei wurden oft Sprache und symbolische Bedeutungen analysiert; die Frage etwa, welches subjektives Verständnis von Körper diese erzeugen. Die Kulturanthropologie ist - zumindest in Nordamerika, wo ich mich am besten auskenne - in den vergangenen 100 Jahren auf ihre Art sehr reduktionistisch gewesen. Alfred Kroeber, einer der Gründer der nordamerikanischen Anthropologie, hat argumentiert, dass ihre Aufgabe darin liege, die menschlichen Beziehungen, Ideen und Werte zu untersuchen. Der biologische Körper aber blieb eine "black box". Der Körper galt als universell und deshalb uninteressant. Das lässt sich zum Teil damit erklären, dass man versucht hat, den Rassismus zu überwinden. Die Angst, offensichtliche körperliche Unterschiede auch nur zu erwähnen, ist in Nordamerika sehr groß. Deshalb sollte nur das soziale und politische Leben erforscht werden.

Das hat sich aber mittlerweile geändert …

Ja, ich habe vor einigen Jahren über die Menopause gearbeitet und dazu große Gruppen von Frauen aus Japan, Kanada und den USA verglichen. Die Japanerinnen berichteten von viel weniger Symptomen. Die Mehrheit hatte keine Hitzewallungen, obwohl das als universales Standardsymptom gilt. Viele Ärzte meinten, dass die Japanerinnen nicht zugegeben würden, wie es ihnen wirklich geht. Wir haben aber mit sehr subtilen ethnographischen Methoden herausgefunden, dass sie tatsächlich weniger Symptome haben. Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Aber es dürfte mit Lebens- und v.a. Essgewohnheiten zu tun haben. Und zwar über die ganze Lebenszeit hinweg, es reicht nicht aus, mit 49 zu beginnen Sojamilch zu trinken. Das ist ein Beispiel für etwas, das ich "lokale Biologie" nenne - also die untrennbare Verschränkung von Körpern, Umwelt und sozioökonomischen Faktoren.

In Ihrem jüngsten Buch beschäftigen Sie sich mit Alzheimer: Ist das ein weiteres Beispiel für diese Verschränkung?

Ich denke, ja. Ich betrachte Alzheimer als Phänomen. Wir nennen die Krankheit so, damit wir einen Namen haben, Forschungsgelder lukrieren und das Stigma überwinden können, das noch immer mit ihr verbunden ist. Aber sie ist nicht klar umrissen, sondern sehr komplex. Und es wird gegen sie einst keine Zauberkugel geben. Klassische Begleiter von Alzheimer sind Ablagerungen im Gehirn, die wir lange Zeit nur an Toten feststellen konnten. Dank der neuen bildgebenden Verfahren können wir die Bildung von Plaques heute aber auch im Gehirn lebender Menschen beobachten. Man weiß heute, dass rund 30 Prozent der Menschen mit solchen Ablagerungen nicht erkranken. Und umgekehrt: Manche werden dement, obwohl ihr Gehirn ganz normal aussieht. Als Anthropologin interessiert mich v.a. die positive Seite daran und Fragen wie: Was schützt die Nervenzellen, was erlaubt es Personengruppen, solche Plaques zu haben und dennoch nicht zu erkranken?

Haben Sie Antworten darauf?

Da ist noch viel Forschung zu leisten. Jüngste Studien aus Großbritannien und Dänemark zeigen aber, dass heute lebende Menschen, die 75 oder älter sind, eine um ungefähr 25 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit haben, Alzheimer zu entwickeln, als eine Generation davor. Das ist sehr aufregend, und wir müssen uns fragen, warum das so ist. Eine naheliegende Antwort lautet: Wir haben heute ein höheres Bildungsniveau. Als Anthropologin, die viel in nicht-alphabetisierten Gesellschaften gearbeitet hat, bin ich da ein bisschen vorsichtig. Ich denke eher, dass Menschen, die sich gut ernähren, Junkfood vermeiden und sich bewegen, geschützter sind - es scheint sich also auszuwirken, wenn man befolgt, was uns die Ärzte in Sachen Lebensstil raten.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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