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Ausgebrannte Synagoge

Der Einbruch der Barbarei

Kein Geschichtsdatum des 20. Jahrhunderts markiert den Einbruch der Barbarei in unsere Gesellschaft stärker als die Novemberpogrome vor 75 Jahren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 erreichte die Judenverfolgung, die rund um die Tage des "Anschlusses" Österreichs an Deutschland begonnen hatte, einen ersten dramatischen Höhepunkt.

Novemberpogrome 08.11.2013

Die Pogrome machten auch jenen, die noch Hoffnung auf Normalisierung hatten, klar, dass es nur noch eine Möglichkeit gab, ihre Existenz zu retten: die Flucht ins Ungewisse.

Es ist nichts mehr zu hoffen, in diesem Land …

"Die einzige Erkenntnis war, dass wir nichts mehr zu hoffen hatten in diesem Land. Dass wir möglichst schnell rausmussten. Und nur weg, nur Leben retten", so der Eindruck des damals 16-jährigen Wieners Georg Stefan Troller. Troller, bekannt als Fernsehautor, verarbeitete seine Erlebnisse u. a. in der Axel-Corti-Trilogie "Wohin und zurück".

Programmhinweis

Im Rahmen des ORF-Schwerpunkts "75 Jahre Novemberpogrom" thematisiert der Film "Flucht ins Ungewisse" die Geschichte von vier Menschen, die Österreich verlassen mussten.
Reihe Universum History, Freitag, 8.11., um 22.40 Uhr in ORF2 .

Peter Hartl und Georg Stefan Troller

ORF/ZDF

Regisseur Peter Hartl und Georg Stefan Troller, Fernseh-und Buchautor aus Wien

Für den Sohn eines Pelzhändlers begann die Verfolgung mit dem "Anschluss" im März 1938: Er wurde aus der Schule ausgeschlossen, die Firma seines Vaters wurde arisiert. Während des Novemberpogroms beobachtete er als Buchbinderlehrling aus einer Werkstatt, wie auf dem Hof der benachbarten Polizeiwache internierte, meist ältere, jüdische Männer von SA-Männern systematisch drangsaliert und gedemütigt wurden.

Da schrie einer: "Was bist du?" Und der arme Typ antwortete: "Kriegsteilnehmer aus dem Ersten Weltkrieg." Und bekam eine Ohrfeige dann. "Was bist du?" "Ja, ich bin mehrfach dekorierter Offizier." Noch eine Ohrfeige. "Was bist du?" "Na, ich bin ein Saujud." "Na also, dann." Damit war dann der Orgasmus komplett. Das ist das, was die haben wollten. Die totale Unterwerfung, die Erniedrigung des Menschen zum Viech.

Eine Nacht - und Tage des Terrors …

Auf Geheiß der NS-Führung wurden vom 9. November 1938 an rund 400 Menschen erschossen, erschlagen oder in den Tod getrieben. 30.000 Männer wurden ins Konzentrationslager deportiert, Frauen, Kinder, Greise gequält und gedemütigt.

Radioreportage vom Brand des Leopoldstädter Tempels

Ein besonderes Zeitdokument ist die Radioreportage von Eldon Walli über den Brand der Leopoldstädter Synagoge. Sie interpretiert die Ereignisse im Sinne der von der NS-Führung ausgegeben Sprachregelung: Die staatlich konzertierten Gewaltakte seien ein Ausdruck des "Volkszorns" über das Attentat von Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschaftsmitarbeiter Ernst vom Rath.

Brennende Synagoge, verwüstetes Inneres einer Synagoge

Zvacek

Bild: Hietzinger Synagoge in der Neue-Welt-Gasse. Unten: Radioreportage über die Zerstörung des Leopoldstädter Tempels vom 10. November 1938

Die staatlich angestifteten Täter verwüsteten 1.400 Synagogen und setzten sie in Brand - allein in Wien wurden 42 Tempel zerstört. Wien wurde zu einem Zentrum der Ausschreitungen - die antisemitischen Gewalttaten, die im März 1938 mit dem "Anschluss" begonnen und sich seitdem kontinuierlich gesteigert hatten, verliefen hier besonders willkürlich und brutal.

Der "Anschluss" Deutschlands an Österreich

"Während im März 1938 der 'Anschluss' Österreichs an das Deutsche Reich erfolgte, wurde mit dem Novemberpogrom 1938 der Anschluss des 'Altreichs' an die 'ostmärkische Judenpolitik' vollzogen", so der Historiker Doron Rabinovici. In Deutschland hatten bis zum November 1938 jüdische Bürger noch die Hoffnung auf einen Platz in der Gesellschaft, wenn auch durch die Nürnberger Rassengesetze an den Rand gedrängt. In Österreich hingegen gab es bereits seit langem gewaltsame Übergriffe.

"Ausschreitungen und Raubzüge, die in Deutschland unvorstellbar gewesen waren und nunmehr das ganz besondere Ambiente des nazistischen Wien ausmachten, setzten nicht erst nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ein", so die Erkenntnis von Doron Rabinovici, "bereits am 4. Februar 1938, fünf Wochen vor dem Anschluss, hatten Jugendliche eine Rauchbombe in den Tempel in der Hetzgasse geworfen."

Kinderbild von Lucia Heilmann

Privatarchiv Lucia Heilmann

Lucia Heilmann, 1940

Seit den "Anschluss"-Tagen sind Brutalität und Terror alltäglich. Die Eskalation der Gewalt erlebt auch die damals neunjährige Lucia Heilmann, deren bisher heile Kindheit plötzlich zu Ende ist. "Ich ging jeden Tag die Milch holen. Als Hitler kam, sagte die Verkäuferin, an Juden verkaufen wir keine Milch. Ich war gedemütigt und rannte weinend nach Hause."

Was mit Ausgrenzung beginnt, wird zur Lebensgefahr. Vom Schulunterricht ausgeschlossen, auf der Straße von Übergriffen bedroht, verbringt sie die Monate nach dem Anschluss in der elterlichen Wohnung im neunten Wiener Gemeindebezirk.

"Es war der 10. November. Es läutete an der Tür", erinnert sich Lucia Heilmann, "zwei SS-Männer stehen draußen. Ich vergesse nie die schwarzen Stiefel, die schwarze Montur. Sie haben meinen Großvater abgeholt und nach Buchenwald gebracht. Ein paar Wochen später kam ein Telegramm, dass man die Asche abholen kann."

Für Familie Heilmann ist längst klar, dass sie Österreich verlassen muss. Dem Vater gelingt die Ausreise durch seine Arbeit als Ingenieur in Persien. Er schafft es aber nicht, die Familie nachzuholen. Versuche, in die USA zu gelangen, scheitern am mangelnden Geld für eine Schiffspassage. So bleiben Lucia und ihre Mutter in Wien, wo die Gefahr der Deportation in ein Vernichtungslager ständig steigt.

Mutter und Tochter überleben den NS-Terror nur, weil ein Freund des Vaters, der Werkstättenbesitzer Reinhold Duschka, sie versteckt - ein Akt der Zivilcourage, den Lucia Heilmann nicht oft genug betonen kann: "Jede Hilfe für Juden war doch verboten. Wenn ihn jemand denunziert hätte, wäre er erschossen worden. Und trotzdem hat er eine Frau mit einem Kind versteckt unter Lebensgefahr."

Das Leben gerettet, die Heimat verloren

Mit den Novemberpogromen setzt eine wahre Ausreisewelle ein. Rund 70.000 österreichische Juden verlassen im Jahr 1938 das Land. Damit retteten sie ihr Leben. Um Verfolgung und Vernichtung zu entkommen, verließen sie ein Land, das für sie Heimat war.

TV-Still: Lieselotte Laub

ORF/Tom Matzek

Die gebürtige Wienerin Lieselotte Laub am Strand nahe der Stadt Haifa in Israel. Heute lebt sie in einem landwirtschaftlichen Kibbutz, den sie mitgegründet hat.

Dort wo sie letztlich strandeten, wartete eine fremde Welt mit nicht immer gastfreundlichen Menschen. Der Existenzaufbau scheiterte oft genug. Doch auch für jene, die alle Herausforderungen meisterten, blieb der Heimatverlust ein lebenslanges Trauma - wie für Liselotte Laub.

"Ich fühlte mich wie eine Aussätzige"

Die Tochter eines Wiener Zahnarztes war ein zwölfjähriges Mädchen, als die nationalsozialistische Rassenpolitik in Österreich Realität wurde. Bereits in den Tagen rund um den "Anschluss" wird sie angerempelt und geschlagen.

Der Vater wird im Zuge der Novemberpogrome von der Gestapo verhaftet und kommt nur mit Glück frei. Die Familie wird aus der Wohnung geworfen, der Besitz beschlagnahmt und arisiert. Die Laubs beschließen, zu fliehen - wie Zehntausende andere auch. Liselotte Laub erinnert sich: "Die Atmosphäre daheim war sehr traurig. Man hat dauernd telefoniert, nach Amerika, aber man hat keine Einreisebewilligung bekommen."

Flüchtlingsströme aus Österreich

Von den 130.000 Menschen, die Österreich nach dem "Anschluss" verlassen, entweder als rassisch oder politisch Verfolgte, wurde die Hälfte in europäischen Ländern, vor allem Großbritannien, aufgenommen - verbunden allerdings mit der jahrelangen Angst durch den deutschen Vormarsch vom NS-Terror wieder eingeholt zu werden. Knapp 30.000 Menschen fanden Zuflucht in den USA, die trotz Einwanderungsregelung zu einem der wichtigsten Aufnahmeländer wurde. 15.000 Österreicher kommen nach Palästina, einem der wenigen Länder, in dem die Grenzen nicht dicht gemacht werden.

"Der Jud muss weg, das Gerschtl bleibt da"

Das NS-Regime nutzt die Not der Menschen systematisch aus. Bis Herbst 1941 versuchen die Nazis die Flucht zu fördern und zu beschleunigen. In Wien wird von Adolf Eichmann das Zentralamt für jüdische Auswanderung eingerichtet, ein Büro, in dem alle Ausreiseformalitäten erledigt werden können - innerhalb kurzer Zeit, freilich gegen hohes Entgelt.

Mindestens 50 Prozent des Vermögens werden als "Reichsfluchtsteuer", "Judenvermögensabgabe", "Passumlage" etc. einbehalten. Dazu kommen Reisekosten, Gebühren und Bestechungsgelder. Bereits vor dem "Anschluss" ist nur eine Minderheit der jüdischen Österreicher wohlhabend, fast ein Drittel lebt ohnehin unterhalb der Armutsgrenze. Die meisten stehen nach Enteignungen, Vermögensraub und diversen Abgaben vor dem Nichts.

Die Welt macht ihre Grenzen dicht

Viele Länder verlangen eine hohe Einreisegebühr, und die meisten Länder dieser Erde schließen ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge. Eine Situation, die sich mit den Jahren verschärft, ungeachtet der Tatsache, dass nach der systematischen Vertreibung die Massenvernichtung folgt. Mit dem Auswanderungsstopp beginnt der Holocaust.

Liselotte Laub und ihre Eltern haben im Frühjahr 1939 alle Papiere beisammen, doch die Familie wird zerrissen: Liselotte bekommt einen Platz in einem Kindertransport nach Palästina, ihre Eltern haben aber keine Möglichkeit, legal dorthin zu kommen und fliehen nach Schanghai. Liselotte wird ihre Mutter erst 15 Jahren später wiedersehen, den Vater gar nicht - er stirbt in Schanghai in einem Internierungslager.

Letzte Hoffnung Heiliges Land

Liselotte Laub kommt alleine, ohne Eltern, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse im damals englischen Protektorat Palästina an - sie ist eine von jenen, die im Rahmen der sogenannten Kinder- und Jugend-Allijah von der englischen Verwaltung Einreisepapiere bekommen und damit gerettet werden.

Palästina ist alles andere als ein "gelobtes Land". Hier erwartet die Ankommenden unfruchtbare Wüste, anstrengendes Klima, keinerlei Infrastruktur und vor allem die blutigen Auseinandersetzungen mit der arabischen Bevölkerungsmehrheit, die sich von den jüdischen Einwanderungswellen bedroht sieht.

Um die Lage zu beruhigen, gibt die englische Verwaltung auch nur beschränkt Einreisepapiere aus. Dennoch: Durch die Not der jüdischen Bevölkerung in Europa und das Fehlen anderer Zufluchtsorte wird Palästina immer mehr zur letzten Hoffnung. Wer nicht legal einreisen kann, kommt eben illegal.

Gerettete werden zu Rettern

Liselotte Laub hat wie die meisten anderen Österreicher anfangs große Schwierigkeiten, sich mit den harten Bedingungen zurechtzufinden: Sie wird bei arabischen Angriffen in Jerusalem beschossen; das Land, das ihr eine neue Existenzgrundlage bieten soll, ist noch nicht einmal ein eigener Staat; die landwirtschaftliche Arbeit unter glühender Sonne ist anstrengend, und es mangelt an den Dingen des täglichen Lebens. Auch hier, fern vom NS-Terror, geht es lange noch ums nackte Überleben.

Obwohl die Herausforderungen, sich eine neue Heimat aufzubauen, groß genug sind, vergisst die Generation von Liselotte Laub nicht, dass noch Zehntausende Menschen, darunter auch viele Verwandte und Familienmitglieder, vom Holocaust bedroht sind. So werden aus Menschen, die gerade selbst noch Flüchtlinge waren, Fluchthelfer. So auch Liselotte Laub. Mit 17 Jahren geht sie zur paramilitärischen Organisation der Haganah und hilft, die Flüchtlinge an Land und an sichere Orte zu bringen.

Mit dieser gefährlichen Aufgabe und der Arbeit in einem landwirtschaftlichen Kibbutz baut die Wienerin Liselotte Laub, wie viele andere Österreicher, tatkräftig ein Land auf, das später der Staat Israel werden soll - Blut, Schweiß, Tränen für eine neue Heimat. Denn obwohl das Österreich vor dem "Anschluss" eine Erinnerung bleibt, die nostalgisch beschworen wird, das, was einmal Heimat war, ist verloren.

"Ich kam als Kind hierher, was ich als Kind verloren habe, ist nicht mehr, ich habe auch niemanden mehr, der lebt in Österreich. Ich habe keinen Hass auf Österreich, aber ich würde auch nicht zurückkehren. Hier habe ich alles aufgebaut, hier ist jetzt meine Heimat."

Tom Matzek, Universum History

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