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Frau verwendet Gebärdensprache

NS-Zeit: Gehörlose Zeitzeugen berichten

Ein Dokumentarfilm von zwei Sprachwissenschaftlerinnen lässt erstmals gehörlose Zeitzeugen und -zeuginnen, die das NS-Regime überlebt haben, ihre Geschichte selbst erzählen. Der Film "nicht verstummt" liefert auch hörenden Menschen Einblicke in die Geschichte einer Community, die in der Öffentlichkeit nur selten zu Wort kommt.

Zeitgeschichte 11.11.2013

Den ersten gehörlosen Historiker gibt es in Österreich erst seit ein paar Wochen. Für Sprachwissenschaftlerin Verena Krausneker, könnte das mitunter ein Grund sein, warum die Geschichte der Gehörlosengesellschaft in Österreich ein bisher wenig beleuchtetes Forschungsfeld ist. Es gibt auch keine Professur und kein Institut, wo das Thema verankert wäre. So ist das Forschungsprojekt zur Situation von gehörlosen Menschen in der Zeit des Nationalsozialmus von den - übrigens hörenden - Forscherinnen, Verena Krausneker und Katharina Schalber, das erste seiner Art.

Sprachwissenschafterin Verena Krausneker

Doris Kittler

Zur Person

Verena Krausneker ist Sprachwissenschafterin und seit 15 Jahren in der Gebärdensprach-forschung tätig, vorrangig zu Bildungsaspekten und Gebärdensprachenpolitik. Seit 2002 lehrt Krausneker an der Uni Wien, 2007/08 hatte sie eine Gastprofessur am Institut für deutsche Gebärdensprache der Universität Hamburg inne.

Zum Projekt

Der Dokumentarfilm "nicht verstummt" geht auf das Projekt "Gehörlose Menschen während des Nationalsozialismus in Österreich" (Mai 2008 – April 2009) zurück. Die im Rahmen des Projektjahres von Verena Krausneker und Katharina Schalber erstellte DVD stellt einen Ausschnitt österreichischer Gehörlosen-geschichte dar. In acht thematisch geordneten Kapiteln erzählen 24 ZeitzeugInnen aus ihrem Leben während des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs.

Einige dieser Interviews wurden nun im 45-minütigen Dokumentarfilm "nicht verstummt", von Verena Krausneker und Katharina Schalber, der vom Zukunftsfonds der Republik Österreich finanziert wurde, zusammengefasst und synchronisiert. Der Film wurde am Sonntag, den 10.11.2013, erstmals auf ORF III ausgestrahlt - und ist nun eine Woche lang als Stream in der TV-Thek online.

Die beiden Sprachwissenschaftlerinnen haben Interviews mit 24 gehörlosen Zeitzeuginnen und -zeugen in Österreich und den USA geführt. Ursprünglich mit dem Ziel, jungen Gehörlosen die Geschichte ihrer Community zu erzählen und dabei gleichzeitig das NS-Regime verständlich zu erklären. So entstand eine DVD, die in acht Kapiteln - ausschließlich ohne Ton und in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS) - Themen wie Lager, Euthanasie, Zwangssterilisation, Shoa und persönliche Kriegserfahrungen edukativ erklärt. Die DVD war binnen weniger Wochen vergriffen.

Nachdem eine Version mit englischen Untertiteln international großen Anklang fand, stellte sich Krausneker und Schalber die Frage, wie man auch das hörende Publikum für das Thema interessieren könnte. "Wir haben beschlossen, das gesamte Material umzuschneiden, die edukativen Teile wegzulassen und das Gehörlosenspezifische zu betonen. In Zusammenarbeit mit dem Komponist Konrad Rennert und drei fantastischen Synchronsprechern und -sprecherinnen ist dann ein 45-minütiger Dokumentarfilm daraus geworden", erzählt Produzentin Verena Krausneker. "nicht verstummt" wurde gestern, Sonntag, auf ORF III zum ersten Mal ausgestrahlt.

Ungewöhnliches Medium

Warum die Forschungsergebnisse nicht - wie sonst in der akademischen Welt üblich - in Form eines "historischen Wälzers" publiziert wurden, hat einen guten Grund: "Akademische Forschung wird sehr oft auf eine Art aufbereitet, sodass es die eigene Peergroup versteht und wahrnimmt. Meine Forschungsgeschichte besteht darin, sowohl diese Gruppe zu bedienen, als auch für die Community, in der ich forsche, verständlich zu sein", erklärt Krausneker. Und in diesem speziellen Fall bedeutet das, dass die Zeitzeugen gesehen werden müssen. "Ich bin davon überzeugt, dass man nicht Gebärdensprachenforschung betreiben kann und dabei die Sprache unterschlägt."

Still aus "nicht verstummt"

Verena Krausneker

Eine Zeitzeugin, der mit ihrer Schwester und Mutter die Flucht in die USA gelungen ist

Publikationen auf Englisch oder Deutsch flach auf Papier nehme der Sprache Bewegung und Schönheit - und es gehe schlichtweg ein Teil der Information verloren. Hinzu kommt, dass deutsche, geschriebene Sprache für gehörlose Menschen, die mittels ÖGS kommunizieren, lediglich eine Zweitsprache ist. Und diese ist insbesondere für junge gehörlose Menschen schwer zugänglich, so Krausneker. Nachdem mit der Dokumentation auch das hörende Publikum erreicht werden sollte, wurden die Interviews in dem Fall auch synchronisiert. Krausneker ist überzeugt, dass die Zukunft ihres Forschungsgebiets darin liegt, visuell mit Film und Video zu arbeiten.

Aber: Diese Herangehensweise erfordert auch größeren Mut auf Seiten der Zeitzeugen, denn es ist eine Sache seine Geschichte verschriftlicht, vielleicht sogar anonymisiert in einer Publikation wiederzufinden, oder sie selbst vor laufender Kamera zu erzählen. Dennoch haben alle 24 Interviewpartner die Interviews frei gegeben. "Ihre Motivation war, dass diese Geschichte nur erzählt werden kann, wenn sie sie selbst erzählen. Sie haben sich gefragt: Was, wenn junge Gehörlose diesen Teil ihrer Geschichte nicht kennen?", sagt Krausneker. Und damit wurde einen Punkt getroffen. Denn die Reaktion von jungen Gehörlosen auf diese Interviews war Aufregung und Ärger, denn sie kannten sich wohl mit Zeitgeschichte und dem NS-Regime aus. "Aber sie wussten nichts davon, dass sie das Thema selbst betrifft. Das kam im Geschichteunterricht nicht vor."

Registriert, gespalten, verfolgt

Dabei war die Situation für gehörlose Menschen im Nationalsozialismus verheerend, wenngleich die Gemeinschaft sehr unterschiedlich betroffen war. Zuerst wurden jüdische Gehörlosenvereine aufgelöst und jüdische Gehörlose vom NS-Regime verfolgt. In einem zweiten Schritt ist in Österreich 1940 das Gesetzt zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Kraft getreten. Dadurch kam es zu einer Spaltung der Gehörlosengemeinschaft:

Diejenigen, die aus gehörlosen Familien kamen, lebten plötzlich unter enormer Gefahr. Jene, die erst später ertaubt waren oder keine gehörlosen Vorfahren hatten, lebten im Vergleich dazu in relativer Sicherheit, beschreibt Krausneker die Situation. Einige der Zeitzeugen haben von "richtig überzeugten Nazis" innerhalb der Gehörlosengesellschaft erzählt - diese hatten auch Führungspositionen, etwa im "Reichsbund der Gehörlosen Deutschlands" inne. Es ist davon auszugehen, dass diese andere Gehörlose angezeigt und verraten haben.

So war auch die Gehörlosenschule ein Ort der Unsicherheit: Dort wurde für jedes Kind ein Sippenbogen angelegt und bis zu den Großeltern erhoben, wer eine Hörbehinderung hatte. Das heißt, die sogenannte "erbliche Belastung" wurde aus dem Schulbereich direkt an die NS-Behörden weiter geleitet. Wie die Schulen mit dieser schwierigen Situation, dass sie die Kinder melden mussten, umgegangen sind, war höchst unterschiedlich, erklärt Krausneker.

"Wir haben einen Schulleiter gefunden, der hat alle Dokumente verschwinden lassen und auf Behördenanfragen geantwortet, dass es nichts gebe - um dieses Aufspüren von "erblich belasteten" Kindern zu unterbinden. In anderen Schulen hat ein reges Hin und Her von Kindern zwischen der Gehörlosenschule und dem Spiegelgrund bestanden". Verblüffend war für Krausneker bei ihrer Recherche, dass viele Schulleitungen nach 1945 nahtlos weiter gearbeitet haben. "Wir können davon ausgehen, dass viele von ihnen - wie auch in anderen Schulen - Nazis waren, die Kinder ausgeliefert haben."

Tabuthema: Zwangssterilisation

Das Gesetz zur "Verhütung von erbkranken Nachwuchs" hatte auch drastische Auswirkungen auf das familiäre Leben von Gehörlosen. Wollten gehörlose Menschen heiraten, so musste sich einer oder beide sterilisieren lassen, damit sie heiraten durften. So wurde versucht, eine ganze Generation unfruchtbar zu machen. Mit wie viel Schmerz und Trauer insbesondere dieser Aspekt der NS-Herrschaft bei den Betroffenen verbunden ist, zeigt die Tatsache, dass nur eine der Zeitzeuginnen dazu bereit war, öffentlich darüber zu sprechen. Und zwar gemeinsam mit ihrem Sohn, den sie bereits vor ihrer Sterilisation bekommen hatte.

Gehörlose Menschen konnten ihre Behinderung nur schwer verstecken. Es galt das Credo: Unauffällig bleiben, nicht in der Öffentlichkeit gebärden. "Es zeugt von der Vitalität dieser Sprache, dass sie trotz Sprachverbot und dem Fehlen einer Generation, weiter bestanden hat", sagt Krausneker. Allerdings hatte diese repressive Phase durchaus Auswirkungen auf die Österreichische Gebärdensprache - auch wenn es nur sehr wenige Videos aus den 20er Jahren gibt, auf denen Gebärden zu sehen sind. "Insofern können wir nur schwer sagen, was genau verloren gegangen ist". Auffällig war für Krausneker, dass es vor 20 Jahren, als sie begann ÖGS zu lernen, unter älteren Gehörlosen unüblich war, in der Öffentlichkeit zu gebärden. "Ich nehme an, dass diese komische Tradition nicht nur mit Scham, sondern vor allem mit der tief verwurzelten Erinnerung von Gefahr verbunden ist."

Widerstandsfähige Sprache und Gemeinschaft

Spannend war für die Forscherinnen auch, dass es um über die NS-Zeit zu sprechen, ein eigenes Vokabular braucht. "Konzentrationslager und Reichsbund sind ja keine Alltagsvokabeln. Wir haben diese Gebärden in den Interviews von den ZeitzeugInnen erfahren." Die Wissenschaftlerinnen haben daraufhin ein Glossar angelegt. Denn damit sich junge Gehörlose mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander setzen können, braucht es auch den dafür notwendigen Wortschatz.

Überrascht waren die Forscherinnen im Rahmen ihrer Recherche auch von einem anderen Aspekt. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass es innerhalb einer ohnehin fragilen und gefährdeten Gemeinschaft Widerstand gegeben hätte. "Es gab widerständige Gehörlose, die sich bei den Behörden gewehrt haben, auch kommunistische Gehörlose die Flugblätter gedruckt und dafür Zuchthausstrafen abgesessen haben", erzählt Krausneker. Das sei ein Zeichen von großer Resilienz und Stärke. "Es war schön, den jungen Gehörlosen deutlich zu machen, was es heißt widerständig zu sein und dass nicht nur große, heroische Taten sondern auch etwas sehr Kleines schon Widerstand sein kann."

Theresa Aigner, science.ORF.at

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