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Ein maskierter Arbeiter am Reaktorengelände von Fukushima

Fukushima: Ein Zehntel von Tschernobyl

Zweieinhalb Jahre ist die Nuklearkatastrophe von Fukushima her. Ein österreichischer Strahlenphysiker verglich sie nun mit dem Unfall von Tschernobyl 1986. Sein Fazit: Mit Glück und dank der - im Vergleich zu den Sowjets - guten Reaktion vonseiten der japanischen Behörden war Fukushima "nur" ein Zehntel so schlimm wie Tschernobyl.

Atomunfall 17.11.2013

Das betrifft alle untersuchten Faktoren: Gesamtumfang der ausgetretenen radioaktiven Stoffe, kontaminierte Zonen, Belastung der Lebensmittel und gesundheitliche Folgen. "Unterm Strich ist in Fukushima wesentlich weniger passiert, als man ursprünglich befürchtet hat. Und das ist sehr gut so", sagte Georg Steinhauser vom Department of Environmental & Radiological Health Sciences der Colorado State University gegenüber science.ORF.at.

Die Studie:

"Comparison of the Chernobyl and Fukushima nuclear accidents: A review of the environmental impacts" von Georg Steinhauser und Kollegen ist vor kurzem online in der Fachzeitschrift "Science of The Total Environment" erschienen.

Links:

Ö1-Sendungshinweis

Über das Thema berichtet auch "Wissen Aktuell" am 18. November 2013 um 13.55 Uhr.

Georg Steinhauser (links) neben Katsumi Shozugawa von der Universität Tokyo und Thomas Johnson von der Colorado State University auf dem Gelände in Fukushima

Thomas Johnson

Georg Steinhauser (links) neben Katsumi Shozugawa von der Universität Tokyo und Thomas Johnson von der Colorado State University auf dem Gelände in Fukushima

Weniger Gesamtstrahlung, weniger Belastung

Steinhauser hat große Teile der existierenden wissenschaftlichen Literatur - über 200 Studien - zu Fukushima und Tschernobyl ausgewertet, miteinander verglichen und zu einem Überblicksartikel verarbeitet.

Die Gesamtmenge der atmosphärisch freigesetzten Strahlung betrug demnach bei der Reaktorkatastrophe in der Ukraine 5.300 Peta-Becquerel. Ein Peta-Becquerel sind zehn hoch 15 Becquerel; in Becquerel wird die Anzahl der Atome einer radioaktiven Substanz gemessen, die pro Sekunde zerfallen. Die Gesamtmenge von Fukushima beträgt laut Steinhauser 520 Peta-Becquerel, also "nur" ein Zehntel, obwohl hier vier Reaktoren betroffen waren.

Ein Gebiet von rund 30.000 Quadratkilometern galt nach Tschernobyl als hoch belastet (= mehr als 185 Kilo-Becquerel pro Quadratmeter), nach Fukushima waren es "nur" 2.000 Quadratkilometer.

Verschiedene radioaktive Stoffe

Die radioaktiven Stoffe waren auch anders zusammengesetzt. Bei beiden Unfällen wurden zwar flüchtige Radionuklide wie Edelgase, Jod-131 und Cäsium-137 freigesetzt. Schwerer flüchtige Nuklide wie Strontium-90 und Plutonium gab es in Fukushima aber im Gegensatz zu Tschernobyl kaum.

Laut Steinhauser, der im Juni dieses Jahres als einer der ersten ausländischen Universitätsforscher in den am stärksten kontaminierten Gebieten Japans Proben entnommen hat, sind diese Substanzen erstens kaum vorhanden und zweitens schwer vom Hintergrund zu unterscheiden. "Man kann ohne weitere Anhaltspunkte nicht genau sagen, ob es sich um 'frisches Strontium-90' handelt oder um Überreste der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki oder von Atomwaffentests."

Letztlich ist das eine gute Nachricht für die gesundheitlichen Folgen, denn Strontium-90 lagert sich z. B. lange in Knochen an und kann dementsprechend Krebs auslösen.

Reaktion bei Lebensmitteln

Ein besonderes Lob hält der Strahlenphysiker für die japanischen Behörden bereit. "Sie haben sowohl bei der Evakuierung der Bevölkerung als auch bei der Wahrung der Lebensmittelsicherheit richtig reagiert. Da hat man aus Tschernobyl wirklich gelernt." Die sowjetischen Behörden haben das wahre Ausmaß der Katastrophe vertuscht. Viele Anrainer wurden zu spät in Sicherheit gebracht, auf die Gefahr durch Lebensmittel nicht hingewiesen.

"Trotz der nach dem Erdbeben zerstörten Infrastruktur wurden die meisten Leute in Japan hingegen noch vor den ersten Freisetzungen aus den Reaktoren evakuiert, so dass es gar nicht mehr notwendig war, die berühmten Jodtabletten zum Schutz gegen Radioaktivität einzunehmen", sagt der Experte.

Auch bei der Lebensmittelsicherheit hätten die sowjetischen Behörden versagt. Wochenlang habe es gedauert, bis Warnungen etwa vor belasteter Milch aus lokaler Produktion herausgegeben wurden. Und das habe zu messbaren Folgen geführt. "In der nordöstlich von Tschernobyl gelegenen russischen Region Brjansk lag die durchschnittliche Cäsium-137-Aufnahme mit der Nahrung noch ein Jahr nach dem Unfall bei 1.500 Becquerel pro Tag. In Fukushima betrug der gleiche Wert 0,6 bis 2,5 Becquerel."

Kaum erhöhte Krebsrate

Die unterschiedlichen Reaktionen haben sich konkret auf die Gesundheit der betroffenen Menschen ausgewirkt. In Fukushima gibt es bis heute keine mit der Kernschmelze verbundenen akuten Todesfälle. In Tschernobyl hat es mindestens 50 "Akut-Tote" gegeben. Die Krebsrate in der Folge sei schwieriger zu beziffern, sagt Steinhauser.

Die seriösesten Schätzungen gehen für Tschernobyl ihm zufolge aber von bisher 7.000 Schilddrüsenkrebsfällen (bei Kindern und Jugendlichen) und von einer Erhöhung der Leukämierate aus (bei den "Aufräumern" des Reaktors). "Nach Fukushima wird sich die Zahl der Krebsfälle nach allem, was wir heute wissen, nur sehr gering erhöhen ."

Windrichtung und Pazifik halfen

Die Ursachen für die unterschiedlichen Auswirkungen sind laut Steinhauser vielfältig. "Zum einen liegt das an den ganz anderen Unfalldynamiken. In Tschernobyl hatten wir eine nukleare Exkursion, der Reaktor ist 'durchgegangen', wie es in unserem Jargon heißt. Das hat beträchtliche Mengen Energie freigesetzt, der Reaktor wurde thermisch zerstört und ist freigelegen, dann kam es auch noch zu Graphitbrand. All das hat es in Fukushima nicht gegeben. Nachdem die Kühlung ausgefallen war, ist es zu einer Kernschmelze gekommen."

Die japanischen Techniker haben dann den Druck in den Reaktoren entlastet, die radioaktiven Gase sind ausgetreten - und zwar im richtigen Moment. Denn zu diesem Zeitpunkt wehte der Wind weg vom Festland in Richtung Pazifik. "80 Prozent der radioaktiven Stoffe sind aufs Meer geblasen worden, und das war ein großes Glück für Japan", sagt der Experte.

"Wenn sich ein Unfall schon nicht mehr verhindern lässt, ist das Meer das beste Umweltmedium. Der Pazifik hat ein derartig großes Volumen, so dass die Verdünnung sehr schnell zu Konzentrationen geführt hat, die keinen ökologischen Schaden mehr anrichten." Laut einer von ihm zitierten Studie hat Tschernobyl, obwohl im Landesinneren gelegen, die Ozeane dreimal mehr mit Cäsium-137 belastet als Fukushima, die Kernwaffentests des 20. Jahrhunderts sogar 120-mal mehr.

Die Gefahren des Fliegens

War die Aufregung um den Atomunfall in Japan - vor allem verglichen mit den Tausenden Toten durch das Beben und den Tsunami - somit übertrieben? "Ja und nein", sagt Steinhauser.

"Fukushima bleibt der zweitschlimmste nukleare Unfall der Menschheitsgeschichte. Die hochkontaminierten Zonen werden lange nicht bewohnbar sein. Aber die Auswirkungen sind wesentlich kleiner als die in Tschernobyl. Ich habe es selbst gemessen: Die Strahlendosis, die ich auf meinen Flügen von den USA nach Japan und zurück durch die kosmische Strahlung abbekommen habe, war beinahe doppelt so hoch wie die Gesamtdosis nach einem ganzen Tag in den am stärksten betroffenen Stellen innerhalb der Sperrzone in Fukushima."

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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