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Russlands Präsident Vladimir Putin beim Angeln

Im Witz werden mächtige Männer zu Würstchen

Männlichkeit prägt viele Bereiche unserer Gesellschaft, ohne dass wir sie als Norm wahrnehmen. Auch im politischen Witz lässt sich die Geschichte der Darstellung des starken Mannes nachzeichnen. Wieland Schwanebeck hat analysiert, wie mächtige Herrscher durch Spott letztlich zu kleinen Würstchen werden.

Literaturwissenschaft 19.11.2013

In seiner Untersuchung konzentrierte sich der Literaturwissenschaftler der Technischen Universität Dresden auf Witze, die man einander in den ehemals kommunistischen Staaten erzählte. Sein Hauptergebnis: Die Kultur der Männlichkeit blieb - trotz anderslautender Propaganda - auch im Staatssozialismus Ton angebend, Frauen spielten höchstens eine Nebenrolle.

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Wieland Schwanebeck

Zur Person

Wieland Schwanebeck ist Literaturwissenschaftler und Männlichkeitsforscher an der Technischen Universität Dresden.

Tagung in Wien:

Von 15. bis 18. November 2013 fand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien die Tagung "Political Masculinities" statt. Im Zentrum stand die "Analyse von Männlichkeit als prägendes, aber meist nicht explizit angesprochenes strukturelles Merkmal vieler verschiedener Felder unserer Gesellschaft - von der Politik über den Sport bis hin zur Literatur", erklärte Birgit Sauer, eine der Organisatorinnen, bei der Eröffnung. Auch bei der demnächst stattfindenden Konferenz "Armut: Gender-Perspektiven ihrer Bewältigung in Geschichte und Gegenwart" steht Männlichkeit als Strukturmerkmal im Mittelpunkt.

Wieland Schwanebeck: Das ist ein Witz aus DDR-Zeiten: Zwei Freunde unterhalten sich. Fragt der eine: "Was liest Du gerade?" Der andere antwortet: "'Das Kapital' von Karl May." "'Das Kapital' von Karl May? Du, das ist nicht von Karl May, das ist von Karl Marx." "Bist Du sicher?" "Ja." "Ach so, und ich wundere mich: Schon 200 Seiten und noch keine Indianer."

Was gefällt Ihnen so gut an dem Witz?

Das ist ein Volksmundwitz. Ich mag dieses Genre sehr gern, weil es die Kluft zwischen ideologischem Anspruch und Realität verdeutlicht.

Witze sind ja meist Überzeichnungen der Realität. Wieso meinen Sie, dass der Witz sich dennoch als Analyseinstrument eignet?

Ich würde nicht behaupten, dass der Witz immer eine Verzerrung oder Übersteigerung der Realität ist. Groucho Marx hat einmal gesagt: "Ich sage immer die Wahrheit, und die Wahrheit ist manchmal ein Witz." Dem möchte ich zustimmen. Ich sehe den Witz als eine ehrliche Textsorte, die zirkulieren kann, wenn andere Publikationswege etwa in Zeiten politischer Zensur verboten sind. Deswegen kann er ein Indikator sein - nicht nur für politische Stimmung, sondern auch ganz generell für Einstellungen und Zeitgeist.

Ist das auch der Grund, warum Sie speziell Männlichkeit im Witz analysiert haben?

Der Witz ist eine Textsorte, mit der wir alle vertraut sind. Wir halten aber sehr selten inne, um zu fragen, welche Normen hier transportiert werden - sei es im historischen Witz über Stalin oder Breschnew oder im Blondinenwitz, der sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut. In diesem Sinn möchte ich Männlichkeit sichtbar machen.

Wie stellt sich Männlichkeit im politischen Witz dar?

Wenn ich einen Trend nachzeichnen wollte, würde ich sagen, dass der Witz im Hinblick auf die Konstruktion von Geschlechterbildern eine sehr konservative Textsorte ist. Er ist temporär anarchisch gegenüber der politischen Führung und dem System, aber einen Witz zu erzählen - darauf weist sogar schon Sigmund Freud hin - setzt voraus, dass ich mich mit einer Norm identifiziere. Nur wenn ich eine Norm anerkenne, kann ich zu dieser lachenden Einsicht gelangen, die auf dem Unterschied zwischen dem, wie es ist, und dem, wie es sein sollte, aufbaut.

Zum Beispiel?

Leonid Breschnew bei einer Rede vor dem Obersten Kongress 1981

AP

Leonid Breschnew bei einer Ansprache vor dem obersten Kongress 1981 - seine Liebe zu Orden gab Anlass zu Spott und Hohn.

Leonid Breschnew beispielsweise, der wegen verdienter Parteimitgliedschaft und nicht wegen überragender Intelligenz an die Spitze der Sowjetunion befördert worden war, versuchte, am vormodernen Leitbild des heroischen Soldaten anzuknüpfen und wurde deswegen zur Witzfigur. Es gibt eine ganze Reihe von Witzen, in denen er mit hunderten Orden am Revers aus dem Haus geht und von ihnen erschlagen wird oder mit dem Jackett nach vorne kippt. Damit diese Verspottung funktioniert, muss es als legitim anerkannt sein, ein militärisches Männlichkeitsideal zu feiern. Man machte sich über Breschnew lustig, weil er so verzweifelt versucht hat, in dieses Bild hineinzupassen.

Aktuell wird in Russland versucht, mit Hilfe der Person Vladimir Putin Hypermaskulinität zu inszenieren. Alle paar Monate gibt es eine Fotokampagne mit Putin als Angler, Bärenringer, immer mit entblößtem Oberkörper. Deshalb kursieren momentan wieder die alten Chuck-Norris-Witze, in denen Männlichkeit ins Groteske übersteigert wird - nun eben mit Putin als Hauptfigur: "Putin isst keinen Honig, Putin kaut Bienen."

Der Witz über den mächtigen Mann, über den man sich mit Hilfe der Männlichkeit lustig macht, hat demnach historische Kontinuität?

Vladimir Putin beim Angeln

EPA

Bilder wie diese ließen alte Chuck-Norris-Witze aufleben, dieses Mal mit Vladimir Putin in der Rolle des hypermaskulinen Machos.

Ja, man macht sich schon seit der Antike über Männlichkeit und Sexualität lustig und stellt dadurch jemanden, der sich als potenter Herrscher in überlebensgroße Denkmäler hauen lässt, als impotentes kleines Würstchen dar. Das funktionierte zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gut, teilweise sammelten führende Politiker sogar Witze über sich nach dem Motto: "Ich bin so wichtig, über mich reißt man immer wieder neue Witze." Es gibt aber auch das krasse Gegenbeispiel in Person von Josef Stalin. Seine Männlichkeit durfte auch im Witz keinesfalls angetastet werden, wie Witze ganz generell verboten waren. Es gibt Schätzungen, dass bei Stalins Tod ein Zehntel der inhaftierten Menschen Witzeerzähler waren.

Warum tun sich Diktaturen so schwer, mit Witzen umzugehen?

Lachen - aus welcher Situation auch immer es entsteht - ist immer temporäre Anarchie. Der Witz verbindet jene Menschen, die gerade lachen - und darauf hat der Staat keinen direkten Zugriff. George Orwell hat einmal geschrieben: "Der politische Witz ist immer eine kleine Revolution." Und man weiß nie, ob so ein unkontrolliertes Lachen nicht einmal länger andauert, und aus zehn vielleicht hundert oder tausende Lachende werden, die dann auch handeln. Das passiert natürlich meistens nicht, weil der Witz ja auch als Überdruckventil dient. Wer mal kurz Dampf ablässt durch einen Witz, ist die restliche Zeit dann doch ein braver Staatsbürger, aber es ist ein Gefahrenfeld.

Zurück zu den Geschlechterstereotypen: Spiegeln sich veränderte gesellschaftliche Bedingungen, wie sie etwa im Staatssozialismus durch die verordnete Gleichberechtigung der Frau bestanden haben, auch im Witz?

Der Witz ist zeitloser. Es gibt Klischees, die ungeachtet der politischen Umstände immer wieder vorkommen: der gehörnte Ehemann, die ihre häuslichen Pflichten vernachlässigende Ehefrau, der senile alte Mann, der - mehr zufällig - mit der Figur eines führenden Politbüromitglieds zusammenfällt.

Können Sie wieder ein Beispiel nennen?

Dieser Witz kursierte in leichten Abwandlungen in allen staatssozialistischen Staaten: Der Mann kommt nachts nach Hause, findet seine Frau - wie im jahrhundertealten Klischee - mit einem anderen Mann im Bett vor und beschimpft sie - aber nicht, weil sie ihn betrogen hat, sondern weil gegenüber gerade Fleisch verkauft wird und sie ihre Zeit mit einem anderen Mann verschwendet, anstatt sich anzustellen. Auch hier wird das klassische Geschlechterstereotyp - der Mann arbeitet, die Frau kümmert sich um die Versorgung der Familie - überhaupt nicht angetastet, sondern man macht sich auf der Grundlage dieses Stereotyps über einen aktuellen Missstand lustig.

Fällt Ihnen ein Witz ein, in dem die Frau handelt und nicht nur eine über den Mann definierte Position im staatssozialistischen System einnimmt?

Nein, da fällt mir kein Witz ein, und ich habe die Korpora wirklich sehr genau studiert. Die Kultur der Männlichkeit blieb auch im Staatssozialismus im politischen Betrieb Ton angebend, und das spiegelt sich im Witz. Frauen bleiben deshalb im Witz eine Leerstelle - wie in vielen anderen Textsorten auch.

Interview: Elke Ziegler, science.ORF.at

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