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Gelbes Seepferdchen mit Streifen: Hippocampus erectus

Die Schnauze als Tarnkappe

Warum hat das Seepferdchen eine so ungewöhnliche Kopfform? Brad Gemmell von der University of Texas weiß die Antwort. Der Meeresbiologe schreibt in einer Studie: Die lange Schnauze hilft dem Fisch, sich seiner Beute unerkannt anzunähern.

Seepferdchen 27.11.2013

Es mag ja ganz possierlich aussehen, das Seepferdchen. Aber in Wahrheit ist der Fisch mit der eigentümlichen Pferdephysiognomie ein überaus erfolgreicher Jäger. Seine Lieblingsspeise: Copepoden - Ruderfußkrebse.

"Copepoden gehören zu den zahlreichsten Tiergruppen auf dem Planeten. Man findet sie überall dort, wo es Wasser gibt. Sie sind eine extrem wichtige Nahrungsquelle in Meeren und Ozeanen. Jeder will sie fressen", sagt Brad Gemmell von der University of Texas.

Der Marinebiologe ist Spezialist für die Beziehung zwischen Jägern und ihrer Beute. Wie er im Gespräch mit science.ORF.at erzählt, haben die Ruderfußkrebse einiges in Vorsichtsmaßnahmen investiert, um vor hungrigen Fischen sicher zu sein.

Anpirschen, dann zuschlagen

Die Studie:

"Morphology of seahorse head hydrodynamically aids in capture of evasive prey" von Brad Gemmell und Kollegen ist am 26.11.2013 in "Nature Communications" erschienen.

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"Ruderfußkrebse sind extrem sensibel gegenüber Wasserbewegungen. Diese nehmen sie durch Mechanorezeptoren wahr, die so ähnlich funktionieren wie die Sinneshärchen in unserem Ohr." Verraten die Wasserbewegungen einen herannahenden Feind, treten sie die Flucht an. Und zwar in bemerkenswertem Tempo. "Ruderfußkrebse können bis zu 500 Körperlängen in einer Sekunde zurücklegen", sagt Gemmell. Auf die Größe des Menschen umgelegt wäre das mehr als die Schallgeschwindigkeit. Kein Wunder also, dass viele Fischer leer ausgehen, wenn sie Jagd auf Copepoden machen.

Nicht so das Seepferdchen. Laut Gemmells Versuchen hat es selbst in ruhigem Wasser - also unter erschwerten Jagdbedingungen - eine Erfolgsquote von 90 Prozent. Und das, obwohl "Hippocampus erectus" ein bekanntermaßen langsamer Schwimmer ist.

Seine Erfolgsstrategie heißt im Zoologenenglisch "pivot feeding", sprich: unauffällig anpirschen und dann blitzschnell zuschlagen. Die spezielle Kopfform des Seepferdchens macht es möglich.

Ortung schwer möglich

Ö1-Sendungshinweis:

Über diese Studie berichtet auch "Wissen aktuell", 27.11.2013, 13:55 Uhr.

Seepferd, Stichling und ihre hydrdynamische Umgebung

Brad Gemmell

Turbulenzen im Vergleich: Seepferd (links) und Stichling

Wie Gemmell herausgefunden hat, erzeugt die langgezogene Schnauze eine störungsfreie Zone im Wasser, die das Tier für seine Beute unsichtbar macht. Beziehungsweise unfühlbar: Denn die Augen des Ruderfußkrebses sind gerade mal geeignet, um die Richtung zur Wasseroberfläche festzustellen.

Der Krebs nimmt seine Feinde nur mit seinen mechanischen Sinneszellen wahr. Da das Seepferd dank seiner Morphologie diese auszutricksen vermag, hat der Krebs gegen den Überfall letztlich keine Chance.

Gemmel sieht bei dieser Strategie gewisse Ähnlichkeiten zur Tarnkappentechnik von Kampfflugzeugen, die per Radar nicht aufzuspüren sind. Fest steht: Das Manöver funktioniert - und nicht nur beim Seepferdchen. Auch seine Verwandten, Seenadeln und Fetzenfische etwa, haben sich zu Jagdzwecken eine lange Schnauze zugelegt.

Robert Czepel, science.ORF.at

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